die vatermörderin

Winter in Schweden.  Im Simsjön-See wird eine Frauenleiche gefunden. Man identifiziert die Frau schnell. Von ihrem Ehemann wurde sie bereits als vermisst gemeldet. Doch dass alles so enden wird, hatte keiner gehofft. Während die örtliche Polizei zusammen mit der Kommissarin Anna Eiler versucht diesen Fall zu lösen, sind zwei eifrige Reporterinnen auf den gleichen Gedanken gekommen und leiten ihre eigenen Ermittlungen. Das bleibt natürlich nicht lange unbemerkt und so kommt es rasch zu kleinen Reibereien zwischen den drei Frauen. Was keiner weiß, alle haben gewaltig Dreck am stecken und ihre kleinen dunklen Geheimnisse voreinander.

Man steigt mit einer Szene in das Buch ein, die einen direkt an „Dexter“ denken lässt: Ein betäubter nackter Mann liegt auf einer Liege. Gefesselt mit Klarsichtfolie. Eine Frau schleicht um ihn herum und schon ist es vorbei. Die Beschreibung endet abrupt. Stattdessen geht es mit der Vergangenheit weiter. Exakt 2 Monate und 17 Tage vorher.
Man lernt nun nach und nach drei Frauen kennen und sie alle könnten als Vatermörderin in Frage kommen.

Ing-Marie und Julia sind die zwei Reporterinnenen der örtlichen Zeitung, welche unterschiedlicher nicht sein könnten. Doch die beiden raufen sich zusammen und gehen gemeinsam auf die Jagd. Des Öfteren kreuzen sich dabei ihre Wege mit der Kommissarin Anna, die besonders gegenüber Julia ihren Unwillen zeigt.
Während sie nach der Wahrheit in dem verstrickten Mordfall um Elisabeth Hjort sind, denn ein Unfall scheint es nach ersten Autopsieergebnissen eindeutig nicht gewesen zu sein, lernt man als Leser noch jemanden kennen.

Eine Frau spricht aus der Ich-Perspektive zu einem und erläutert genau, wie sie den Mord an ihrem Vater plant. In einem fröhlich buntem Muffinbuch (!) macht sie sich Notizen, erstellt Listen und kauft erste Hilfsmittel ein. Dabei geht sie streng systematisch vor. Was darf sie auf gar keinen Fall machen, was ist der beste Weg eine Leiche zu entsorgen, Welche Gerätschaften eignen sich zum zerstückeln, Welche Musik passt dazu, und so weiter. Sie orientiert sich hier oft an ihren beiden Vorbildern: Dexter Morgan und Lisbeth Salander (Millenniums-Trilogie). Was würden die beiden machen, aus welchen Fehlern haben sie gelernt?  Es kommt dabei unweigerlich zu komischen Momenten, die aber perfekt zum Buch passen.

„Im Artikel erklärte ein
sogenannter Experte: „Als angenehmste Todesart gilt das Ertrinken.“
Sofort verwarf ich die Idee, Papa zu ertränken.“ (S.38)

Gleichzeitig gibt es stetig kursiv geschriebene Kapitel aus der Vergangenheit. Vergewaltigung, Unterdrückung, Schläge, Hass, spielen dabei eine große Rolle. Es wird schnell klar, dass es sich hier um Erinnerungen der Vatermörderin handelt und man wird sich bewusst wie groß ihre Wut ist, die sich jahrelang in ihr angestaut hat. Man entwickelt somit vollstes Verständnis für ihre Tat und leidet mit ihr mit.

Das mag im ersten Moment verzwickt klingen, doch die Perspektivwechsel sind immer nachvollziehbar und kommen im richtigen Moment. Zeitangaben zu Beginn einiger Kapitel helfen außerdem dabei, nicht aus dem Takt zu kommen.
Das Buch lässt sich somit wunderbar flüssig lesen und die zarte Spannung hält sich die ganze Zeit. Wer also harte Action erwartet hat, wird übel enttäuscht werden. Das Blutigste sind einzig die Momente, wo der Vater seine Kinder oder gar Frau brutal schlägt. Und das ist schon hart genug zu lesen.

Natürlich grübelt man die ganze Zeit WER denn nun die Mörderin ist.

Die Autorin Carina Bergfeldt versteht es hier wunderbar den Leser an der Nase herumzuführen. Glaubt man durch eine Handlung sie identifizieren zu könne, zerplatzt dieser Gedanke im nächsten Moment. Auch gegen Ende, wenn man hofft der Kreis wird enger, man erste Frauen gedanklich aussortiert, wird man sich zum Schluss immer unsicherer, ob man wirklich richtig gewählt hat. Dieses Gedankenspiel macht sehr viel Spaß und da stört es auch nicht, dass das Buch recht ruhig gehalten ist. Schließlich passiert alles in einer kleinen Gegend, eine unbedachte Handlung und jeder weiß es. Also muss ja schließlich Ruhe bewahrt werden.

Alles in allem war dieses Buch der Schwedin eine kleine positive Überraschung gewesen. Ich kann es ohne Umschweife empfehlen und würde auch zu weiteren Büchern der Autorin greifen. Besonders der Stil, erst Gegenwart zu beschreiben und dann den zeitlichen Weg dorthin mit dem Leser abzulaufen, bevor man wieder in der Gegenwart ankommt und auf das Ende gespannt ist. Einzig die Polizei konnte mich nicht immer überzeugen, daher gibt es einen Punkt Abzug.

Randnotiz: Mitten im Buch wird eine kleine Songliste veröffentlicht, die man sich unbedingt einmal anhören sollte!


Genre: Psychothriller / VÖ: Juni 2014 / Verlag: Goldmann / Serie: Einzelband