die berufene

„Nicht jede Gabe ist ein Segen“, welch weise Worte, die einem von dem roten Buchrücken entgegen springen. Je mehr man in dieses Buch dann eintaucht, umso mehr weiß man dann auch, wie wahr diese These ist. Doch man stellt sich unweigerlich die Frage, ist ES eine Gabe? Kann ein beeinflussender Parasit eine Gabe sein? Da fängt die Aussage schon leicht zu bröckeln an. Schließlich sind es obligate Parasiten, die die Menschen befallen. Sprich, der Pilz ist auf seinen Menschenwirt angewiesen. Er braucht ihn, um überleben zu können und gleichzeitig manipuliert er mit seiner Symbiose seine Grundbedürftnisse. Ist das dann eigentlich noch eine Vereinigung wo jeder von anderen profitiert?

Bevor ich jetzt noch weiter in die Biologie abdrifte, spinne ich rasch einen Faden zum Inhalt des Buches.

Es geht um ein 10jähriges Mädchen namens Melanie. Sie wird in einem Institut gefangen gehalten, was neben ihr noch mehr Kinder beherbergt. Diese jungen Menschen sind zu Forschungszwecken dort eingesperrt. Unter unmenschlichen Bedingungen leben sie dort vor sich hin, als wären sie Schwerverbrecher. Festgeschnallt an Stühlen geht es jeden Tag zu den Unterrichtsräumen und danach wieder zurück in die kargen Zellen. Emotionen sind hier fehl am Platz. Was jetzt sehr makaber und hart klingt, hat seine guten Gründe. Großbritannien wurde von einem Parasiten befallen, der die Menschheit zu Grunde richtet. Doch diese Kinder hier, haben den Pilz überlebt. Warum das so ist, möchten die Wissenschaftler der Einrichtung schnellstmöglich herausfinden.

Allen voran, die wissenbegierige kalte Doktor Caldwell. Sie macht keinen Hehl daraus, dass ihr die Kinder „egal“ sind, sie will forschen, auch wenn das den Tod bedeutet. Ihr gegenüber steht die warmherzige Lehrerin Justineau. Sie mag die Kinder und Melanie ist ihr besonders an Herz gewachsen. Denn erstaunlicherweise zeigt diese Gefühle. Eine Regung, die mit Parasitenbefall eigentlich überhaupt nicht möglich ist. Nach einem großen Ereignis, das von allen den routinierten Tagesablauf hinter Mauern grundlegend durcheinander bringt, begibt sich ein kleines Team, auf eine Reise nach der Wahrheit.

Ich habe hier bewusst einige Fakten außen vor gelassen, damit ich nicht zu viel vorweg nehme und quasi spoiler, was schließlich auch keiner möchte.

Dennoch muss ich noch etwas näher auf die vier Hauptfiguren eingehen. Sie geben ein klassisches schwarz-weiß Bild ab und trotzdem schließt man sie auf die ein oder andere Art ins sein Leserherz ein.
An erster Stelle steht hier natürlich das Mädchen Melanie. Sie ist von dem parasitartigem Pilz befallen und ist daran nicht zu Grunde gegangen. Zwar machen sich bei ihr die typischen Merkmale bemerkbar – wie der Hunger auf Fleisch, besonders beliebt ist hier Menschenfleisch – dessen ungeachtet ist sie immer noch ein Kind mit seinen klassischen Verhaltensmustern. Sie zeigt Gefühle, liebt es Geschichten zu lauschen, freut sich über Körperkontakt und hat recht unerfahrene Ansichten auf die Welt. Zunächst.

Danach kommt direkt die Lehrerin Justineau. Sie ist eine liebenswerte Person, wie sie im Buche steht. Sie liebt ihren Job als Lehrerin und hat es schwer mit den Umgangsmethoden der Wärter und ihrer Klasse zu kämpfen. Würde man ihr eine Farbe zuordnen, wäre es wohl ein orange-gelber Ton. Leicht, locker, frisch und voll mit Mitgefühl und Leidenschaft. Diesen Zustand ändert sie auch kaum.

Frau Doktor Caroline Cardwell ist das komplette Gegenteil. Sie ist kaltherzig und erbarmungslos. Die Wissenschaft ist ihr Bereich und darin fühlt sie sich auch wohl. Für Gefühlsduseleien hat sie keine Zeit. Neben ihr reiht sich noch der Befehlshaber Park ein. Er ist durch und durch ein Soldat und denkt auch wie einer. Entsprechend bekommt er die Rolle des Zugführers zugeteilt und leitet die kleine Gruppe durch England hindurch. Beide machen ebenfalls kaum eine personelle Entwicklung durch. Nur Park’s zeigt mit der Zeit eine Seite an sich, die man so nie erraten hätte. Jedoch kauft man sie ihm zu 100% ab. Wenn wir bei den Farben bleiben, wechselt er im Lauf der Zeit von einem eisigen Blau zu einem zarten warmen Orange.

Auf ihrer Reise passiert im Grunde nicht sonderlich viel.

Ich fühlte mich hier stark an die Serie „The Walking Dead“ erinnert. Man weiß eigentlich nicht wo man hin muss und dennoch folgt man einer Straße, in der Hoffnung dort am Ende das „Ziel“ zu finden. Während dieser Wanderung passiert das ein oder andere und man lernt die Figuren und ihre Hintergründe etwas genauer kennen. Dabei bleibt es auch. Es wird nicht auf das Land eingegangen oder das Warum, wieso, weshalb. Viele Fragen bleiben somit am Ende komplett offen und trotzdem fühlt man sich gut unterhalten. Ein Effekt, den wohl nicht jeder Autor schafft.

Der Schreibstil ist fantastisch. Wenn der gute M.R.Carey noch mehr Bücher schreiben würde, wäre ich an vorderster Front dabei, um sie zu verschlingen. Er zieht einen von anfang bis Ende in seinen Bann. Schafft es tragische Momente und auch komische Szenen zugleich zu schreiben, die perfekt harmonieren. Auch wenn es im Grunde nur von A nach B geht, wie die liebe Iris in ihrer Kritik zu dem Buch schreibt.

Da es hier viel um biologische Prozesse geht, hat mich der Autor eh rasch auf seine Seite gezogen gehabt. Mit diesem gut recherchierten Bereich kann man mich immer locken. Spannungselemente gibt es natürlich auch, sonst wäre es wohl schwer geworden, das Buch zu zügig zu lesen. Und wie man sicher jetzt auch schon gemerkt hat, kann ein Cover und eine dezente Inhaltsangabe sehr täuschen. Ich hatte mir damals etwas komplett anderes darunter vorgestellt und war positiv überrascht, als es plötzlich um Zombies ging und Endzeitstimmung ging.

Wer so etwas nicht mag, sollte die Finger vom Buch lassen! Allen anderen Rate ich zum dringenden Lesen des Buches!


Genre: Mystery / VÖ: Oktober 2014 / Verlag: Droemer Knaur / Serie: Einzelband