mein bist du
„Seiner bedrückenden Kindheit verdankte Corrigan eine seltsame und dunkle Gabe – die Fähigkeit, sich in die Monster zu versetzen, die er jagte.“ [S.18]

Bei diesem Satz, blüht einem auf der einen Seite das Thriller-Herz auf und auf der anderen welkt es traurig vor sich hin. Eine dunkle Gabe? Super! Ein Detektive, der sich in seine Täter hineinversetzen kann? Perfekt!
Aber er hatte eine schlimme Kindheit? Och nö, da hat wohl einer wieder zu tief in der Klischeeschublade gegraben und das falsche paar Socken gefunden. Eigentlich müsste man bei diesem Satz und dem folgenden Abschnitt:

„Allzu oft werden Missbrauchte später zu Missbrauchern. Böses gebiert Böses, ein schrecklicher Kreislauf der Gewalt, unmöglich zu durchbrechen.“ [S.18]

schon stutzig werden und das Buch beiseite legen. Allerdings geht diesem Bucheinstieg noch eine andere Perspektive vorweg und zwar, die des perfiden Killers, auf den Jagd gemacht wird. Sein Verhalten, seine Grausamkeit und seine Denkweise schockieren so sehr, dass man direkt neugierig ist, wie weit er noch gehen kann, bevor er geschnappt wird. Somit legt man den Thriller nicht weg, sondern heftet sich in seine Fersen.

Wie man es sich jetzt schon denken kann, geht es um einen skrupelosen Killer, der Männer und Frauen grausam ermordet. Da er keine beziehungsweise nur unbrauchbare Spuren am Tatort hinterlässt, muss man sich voll und ganz auf das Umfeld der Opfer konzentrieren. Der leitende DI Sean Corrigan nimmt sich dieser Jagd an und hat dabei stetig mit seinen eigenen inneren Schatten zu kämpfen. Bei seinen Kollegen herrscht großer Respekt vor ihm, dennoch ist es für diese nicht immer leicht, wenn ihr Chef mit Informationen nicht rausrückt, die er dank seiner „Gabe“ gesammelt hat. Auch als Leser kommen einem bald Zweifel ob man Corrigan noch vertrauen kann. Vor allem als seine seltsamen Ermittlungsmethoden und Korruptionsversuche innerhalb des Teams auf der Bildfläche erscheinen.

Der Autor Luke Delaney versucht einen dabei immer in verschiedene Richtungen zu lenken. Damit man nicht auf den eigentlichen Täter kommt. Ich bin ihm dabei ab und an auf den Leim gegangen, wurde aber stets bei entsprechenden Wendungen wieder in die „richtige“ Richtung gelotst und zum Schluss bestätigte sich mein Verdacht.
Somit ist ihm durchaus eine geschickte Verwirrung gelungen, die sicher nicht von jedem rasch durchschaut wird und welche für gute Spannung und viel Rätselraten sorgt.

Der Aufbau des Buches ist mit den ständigen Perspektivwechsel gut gewählt. So lernt man aus der Ich-Perspektive den Killer kennen und entwickelt eine morbide Vertrautheit mit ihm. Er ist vom Charakter sehr facettenreich und recht gut ausgebaut. Sein Gegenspieler – Detective Corrigan – dagegen wirkt schon fast wie der graue fade Schatten zu ihm. Er darf aus der auktorialen Perspektive zum Leser sprechen und dennoch lernt man auch ihn gut genug kennen, um ihn nicht zu mögen.

Ja, richtig gelesen. Ich konnte mich mit ihm nicht anfreunden. Anfangs hofft man noch, dass dich das legt sich im Laufe der Zeit. Doch hier habe ich mich geirrt. Man baut eine Art Hassliebe zu ihm auf. Weiß man doch, dass er als Vertreter des Gesetzes existieren muss, aber man will ihn gleichzeitig nicht dabei haben.
Seinen Kollegen ergeht es dabei nicht besser. Vor allem der Part mit der Polizistin, die eine bestimmte Spur verfolgen soll, ist rasant durchschaut.

„Ich hingegen verstehe die Gewalt. Ich umarme sie. Ich mache sie mir zunutze.“ [S.219]

Wenn man sich nach der letzten Seite noch einmal alle zeitlichen Kapitelüberschriften anschaut, wird einem klar, dass sich das ganze Geschehen des Buches in gerade einmal zwei Wochen abgespielt hat. Während des Lesens kommt es einem länger vor. Interessanterweise startet die Jagd an einem Samstag und endet auch an eben so einem. Ob das gewollt ist, kann ich nicht sagen. Es fällt aber auf.
Außerdem werden bei zunehmenden Tempo die Abschnitte kürzer. Sobald sich ein weiter Mord ereignet oder die Spur sich verengt, erhöht sich der Lesefluss zunehmend. Diese Schreibmethode hat mir sehr gut gefallen.

Leider ändert das nichts am Inhalt. Irgendwann wiederholen sich gewisse Züge, Gespräche ähneln sich. Man dreht sich im Kreis, hört das Gemaule von Sean, das Gelächter vom Killer, ist frustriert von der „Gabe“, die sich nicht immer erklärbar äußert, wundert sich, dass das Offensichtliche nicht ins Visier genommen wird und so weiter.
Das sorgt dafür, dass man immer unmotivierter das Buch liest. Dennoch ist man an der Auflösung interessiert, vor allem, da sich im Laufe der Ereignisse noch ein stummer Gegenspieler einschleicht, den man nicht direkt identifizieren kann.

Alles in allem kann man als Thriller-Einsteiger das Buch guten Gewissens lesen. Dauerleser dieses Genres hingegen werden enttäuscht sein. Witzigerweise habe ich am Ende des Mörder mehr gemocht, als den Ermittler. Doch da gerade auf ihm basierend die Serie fortgesetzt wird, sehe ich für mich keinen Sinn, diese weiterzuverfolgen. Es wurde mir zu sehr mit den Klischees gespielt. Außerdem bekommen die Charaktere des Teams nicht genug Tiefe verpasst. Gerade wenn es ein Serienauftakt ist, wäre es von Vorteil auch diese gut zu beleuchten und nicht nur ihre korrupten Seiten auszugraben. Frauen werden mir hier auch zu fraulich dargestellt. Als das schwache Geschlecht eben, als leidende und naive Hausfrau oder unerfahren wirkende Polizistin.

Letztlich hat mich das Buch enttäuscht und ich werde die Serie, wie oben erwähnt, vorerst nicht weiterlesen. Es gab einen starken Einstieg, der sich jedoch nicht fortsetzen konnte und gegen Ende flaute die Leselust komplett ab.


Genre: Thriller / VÖ: Juli 2014 / Verlag: Bastei Lübbe / Serie: Serienauftakt