„Grace Somerfield starb als Erste.“ [S.9]

Es ist ein Tag wie jeder andere auch. Doch irgendwie auch nicht. Es ist der Tag nach Rubys zehntem Geburtstag, der ihr Leben für immer verändern wird.

Sie gerät in Gefangenschaft und kann erst sechs Jahre später entkommen. In dieser Zeit hat sich viel verändert. Nicht nur die Menschen haben sich verändert, auch die Lebensumstände und die Reaktionen auf Kinder. Man jagt sie eher, als sie in die die fürsorglichen Elternhäuser zu schicken. Machtspielchen und Manipulation stehen nun an der Tagesordnung. Aber was ist passiert? Alles fing recht harmlos mit einem Virus an. Kinder starben plötzlich oder zeigten unnatürliche Verhaltensweisen. Also sperrte man alle übrigen Kinder weg. Vorsorge. Schutz. Obhut. Wörter die lachhaft klingen, wenn man die wahren Umstände kennt, unter denen die verwirrten Kids hausen müssen. Die Baracken erinnern eher an Hitler Zeiten, als an eine humane Versorgung. Experimente, Kinderarbeit und ein straffer Tagesablauf dominieren deren Leben. Ruby ist eine unter vielen. Sie hat auch eine Gabe. Allerdings muss sie diese verheimlichen, denn es könnte sie das Leben kosten, wenn es jemand erfährt.

Eines Tages muss sie erfahren, dass man sehr wohl weiß, was sie ist. Es ist der Tag, als die den Gefängnismauern von Thurmond entkommen kann. Sie trifft auf Gleichgesinnte. Sie ist zunächst misstrauisch und übt sich in Zurückhaltung. Je mehr sie jedoch von der Wahrheit erfährt und je mehr sie spürt, dass ihre drei Begleiter ihr nichts Böses wollen – ganz im Gegenteil – fängt sie an sich zu öffnen. Trotzdem hat sie Angst vor ihrer Fähigkeit. Eine Berührung reicht aus und sie kann die Gedanken ihres Gegenübers beeinflussen. Leider hat sie ihre Kräfte nicht zu 100 Prozent unter Kontrolle, weswegen sie ihre dunkle Seite immer noch fürchtet. Doch ihre Begleiter eröffnen ihr, was ihr Ziel ist. Ein Lager, wo Kids, wie sie mit Kusshand aufgenommen werden und dort erhofft sie sich Hilfe. Ruby will endlich ihre Kräfte unter Kontrolle halten können. Sich nicht mehr verstecken. Mit diesem Ziel vor Augen, fahren die Vier auf ein Ziel zu, wo sie nicht mal wissen ob es existiert. Denn alles basiert auf Gerüchten und den Erwachsenen kann man nicht trauen.

Auf den ersten Seiten musste ich die ganze Zeit an „Die Berufene“ denken. Auch hier wurden Kinder weggesperrt und Experimente mit ihnen durchgeführt. Doch allein die Hauptcharaktere unterscheiden sich schon recht stark voneinander. Ruby ist von Anfang an ein schüchternes Mädchen, die sich ihrer Macht überhaupt nicht bewusst ist. Erst ein unglücklicher Zufall bringt ihre Gabe ans Tageslicht und das Ergebnis schockiert sie so sehr, dass sie sich noch mehr in ihr Schneckenhaus zurückzieht.
Erst der Tag der Befreiung und die offenen Worte von Liam und Chubs lassen sie ihre Fühler austrecken. Sie fast neuen Mut und blüht langsam auf. Diese Entwicklung von Ruby ist schön zu beobachten. Charaktere, die nicht an einem Punkt festgefroren sind, sind immer sehr gern gesehen bei mir. Zwar hat sie ihre Rückschläge und muss sich stetig neu aufraffen, dennoch ist ihre innere Festigkeit immer mehr spürbar.
Ebenso ihre Begleiter. Liam und Chubs sind die Jungs der Runde, welche sich stetig witzige Dialoge liefern und mit ihrer Wortklauberei so manch Situation auflockern. Zu ist eine kleine Asiatin, die ebenfalls mit von der Partie ist. Sie spricht nicht und wirkt recht unscheinbar. Doch wie so oft, trügt der Schein gewaltig.

Alle vier Kids haben nur ein Ziel vor Augen: East River. Das sagenumwobene Flüchtlingslager für Kinder wie sie.

Allerdings ist alles recht schwammig. Man weiß nur vage wo es sich befindet. Keiner weiß, ob es überhaupt existiert. Auf dieser Suche begegnen sie einigen Gestalten, die ihnen nicht wohl gesinnt sind und man spürt den Hass auf Überlebende wie sie enorm. Es gibt sogar Sciptracer – Kopfgeldjäger, die gezielt Jagd machen, um sie dann in die Hände von seltsamen Gruppierungen oder Organisationen zu geben. Somit herrscht die ganze Zeit eine unterschwellige Anspannung, die von der Autorin auch gut herüber gebracht wird. Dazu mischt sich noch die Angst und gleichzeitig der Überlebenswille. Entsprechend reagiert man sehr emotional, wenn etwas passiert, womit man nicht direkt gerechnet hat – oder es einfach nicht wahr haben will und entsprechend die Stelle zweimal liest – wer kennt das nicht. Aber genau das, macht das Buch aus. Man will wissen was mit Ruby, Zu, Liam und Chubs passiert. Ob sie ihr Ziel erreichen, sie Verluste hinnehmen müssen und sie ihre Kräfte unter Kontrolle halten können. Und ob sie ihre persönlichen inneren Wünsche jemals erfüllt bekommen. Wünsche, die jedes Kind hat, wenn es von der Familie weggerissen wird: Wieder Heim kehren zu können. Die warme Umarmung der Mutter zu spüren. Das fürsorgliche Schulterklopfen des Vaters, die herzliche Art der Granny…

Mich hat dieses Buch sehr positiv überrascht. Ich habe mit allem gerechnet, aber nicht mit einem so prall gefüllten Buch. Die Ü500 Seiten hat man kaum gespürt, so flüssig lies es sich lesen. Ich hatte auch nie das Bedürftnis Zeilen überspringen zu müssen. Dieser Serienauftakt hat nun auch ein recht hohes Level für die kommenden Bände gesetzt. Ich hoffe, dass die Autorin dies auch halten kann. Nach ersten gehörten Stimmen zu dem Nachfolger, wohl eher nicht. Aber davon möchte ich mich selbst überzeugen. Band 1 hat jedenfalls alle Erwartungen bei weitem erfüllt.
Empfehlen kann ich das Buch jedem, der solche Zukunftszenarien mag und nichts gegen jüngere Hauptcharaktere hat. Diese sind gut ausgebaut und wirken sehr real. Vor allem Ruby. Da merkt man oft, dass die Autorin selbst noch recht jung ist – in positiver Hinsicht – und die Kinder auch wie Heranwachsende reagieren lässt.

Die Überlebenden Sketchnote


Genre: Zukunft, Roman, Mystery / VÖ: August 2014 / Verlag: Goldmann  / Serie: Band 1 / Region: Amerika