Was passiert, wenn man einem Autor die Möglichkeit gibt mehrere Kurzgeschichten zu verfassen oder zusammenzuklauben, die man dann in einem Sammelwerk veröffentlicht? Er wird sicher erfreut sein, schließlich kann er sich hier ausleben, seine zahlreichen Facetten zeigen und versuchen neue Leserschaft zu gewinnen. Aber es gibt auch einen Haken. Es sind Kurzgeschichten. Kurze Geschichten. Meist auf wenige Seiten oder Worte beschränkt. Wie soll man sich da ausleben können?
Nun, Andreas Gruber ist diesen verzwickten Weg gegangen und am Ende kam eine stattliche Ansammlung von dreizehn Geschichten dabei heraus, die sich alle sehen lassen können. Nicht alle sind neueren Datums, manche haben schon ein paar Jährchen auf dem Buckel, manche stammen aus seinen ersten Schreibversuchen und eine durfte sogar etwas länger sein, als der Rest in diesem Buch.

Es fängt alles mit einem Vorwort an. Die Journalistin Anna Gram darf den Österreicher Schriftsteller daheim besuchen und ihn interviewen. Sie stellt ihm Fragen zu seiner Schreibarbeit und vor allem interessiert sie, woher er sich eigentlich seine Ideen nimmt. Man lernt hier Andreas Gruber als freundlichen familiären Mann kennen, der offen alle Fragen beantwortet und auch die dringlichste Frage wird geklärt: Wie er inspiriert wird!
Nur sollte man vorsichtig sein, denn immerhin steht diese Unterhaltung in einer Ansammlung von unheimlichen Geschichten. Wer weiß, ob da alles mit rechten Dingen zuging.
Es folgen danach die short storys, die es alle ins ich haben. Bevor die eigentliche Geschichte beginnt, kommt der Autor jeweils in einem kurzen Vorwort zu Wort und äußert sich zu den Umständen der Entstehung. Das fand ich sehr informativ, vor allem, wenn er erwähnt, wann er sie verfasst hat.

Inhaltlich und geographisch geht es wirklich queerbeet zu. So begeben wir uns zuerst in das stickig warme Arizona und begleiten ein paar unglückliche Seelen zu einem ungleichen Schussduell. Danach dürfen wir drei Jungen bei ihren Streichen beobachten, welche definitiv keinen guten Ausgang haben werden. In „Seit wann trinken Katzen Whisky?“ trauern wir um ein verstorbenes Familienmitglied, bei dessen Tod eindeutig nachgeholfen wurde. Aber warum und von wem? Nachdem das flüssige Gold ausgetrunken ist, geht es schon via Zeitmaschine zurück in das alte London ins 19.Jahrhundert zu Sherlock Holmes und Dr. Watson. Kaum ist dieses Kapitel geschafft, werden wir in das depressive Thema des Mobbing hineingeschleift. Hier sollte man sich definitiv nicht in den tiefen Sog hineinziehen lassen! Nun heißt es tief lufholen! „Klinik“ ist wohl die kürzeste Geschichte in dem Buch und besteht aus nur einem einzigen Satz. Eine interessante Erfahrung.

Die Hälfte ist jetzt bereits geschafft, doch sieben weitere Geschichten wollen auch noch erzählt werden. Also geht es direkt weiter mit „Ristorante Mytico“, wo die Gerechtigkeit eine entscheidente Rolle spielt. Ob das die Mafiosi darin aber auch so sehen? Wir gehen jedenfalls direkt weiter zu dem Bahnwärterhaus, in dem es nicht mit rechten Dingen zugeht, was ein junger Lyriker am eigenen Leib spüren muss. Als nächstes versetzen wir uns in das feeling vom „Game of Thrones“ und begleiten einen Söldner bei seiner gefährlichen Mission. Man will sich schon den Fellmantel über die Schultern werfen, allerdings befinden wir uns kurz darauf schon wieder in Deutschland und beobachten einen Heranwachsenden, der seltsame Neigungen entwickelt. Rasch die Augen schließen, durchatmen und zur nächste Geschichten. Ab nach Frankreich, zu einem Komponisten, der irgendwie seine Muse verloren hat oder vielleicht auch nicht? Mindfuck – schon einmal gehört? Um dieses Thema geht es in „Die scharfe Kante des Geodreiecks“, einer humorvollen Herangehensweise an die Rubrik. Zum krönenden Abschluss folgt nun noch „northern gothic“ die titelgebende Story, die am längsten dauert und auch nicht ohne ist.

Nachdem ich in diesem Marathon jede Geschichte einmal kurz angerissen habe, folgen ein paar Worte zum Schreibstil. Wer Gruber kennt, kennt auch seinen Stil. Allen anderen sei gesagt, dass er sich flüssig lesen lässt. Keine komplizierten Fachbegriffe verwendet und es stets schafft, den Leser neugierig auf die kommenden Seiten zu machen, egal wie belanglos das Thema ist.
Hier haben wir nun noch die Besonderheit, dass alle Personen aus der Ich-Perspektive zum Leser sprechen. Anfangs ist das etwas irritierend, doch auf Grund der unterschiedlichen Inhalte, fügt man sich dieser schriftstellerischen Freiheit schnell und lässt sich stets aufs Neue überraschen. Das ist nämlich auch direkt das nächste Lob: Fast alle haben eine Wendung, ein Ereignis oder ein Ende in sich versteckt, was nicht auf den ersten Blick erkennbar ist. Ein paar sind schon nach den ersten Zeilen vorhersehbar, dennoch ist der Weg zur Lösung schön geschrieben und man überfliegt definitiv keine Handlung!

Auf das schöne Sprichwort „In der Kürze liegt die Würze“ kann man sich leider nicht immer verlassen und so hätten manche Figuren mehr Tiefe vertragen können. Doch darf man darüber meckern, wenn selbst der Autor vorher sich schon kleinlaut dazu äußert und dieses „Problem“ kennt?

Viel mehr kann man zu dieser Ansammlung kleiner jetzt Werke kaum noch sagen, ohne etwas vom Inhalt preis zu geben. Daher empfehle ich allen Andreas Gruber Lesern sich dieses Buch auf jeden Fall zu holen und für alle anderen: Unbedingt reinlesen und diesen tollen Autor kennen lernen!
Nur aufpassen, hier findet man nicht nur keine Krimis oder Thriller. Es geht auch etwas derber zur Sache und ist mit seiner Pointe nichts fürs schwache Gemüt.
Ich finde daher auch, dass es im Luzifer-Verlag sehr gut aufgehoben ist. Vieles geht ins Mystische und Horrorhafte hinein, was man in dem kleinen Independent Verlag schließlich auch zahlreich findet. Das Cover ist ebenfalls wunderbar gelungen und stimmt einen auf die kommenden Seiten ein. Von denen ihn nun noch meiner Lieblinge nennen möchte:

„Bruegels Turmbau zu Babel“
„Klinik“
„Ristorante Mystico“
„Wie ein Lichtschein unter der Tür“

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Genre: Thriller, Horror, Fantasy, Mystic, Krimi / VÖ: Juli 2015 / Verlag: Luzifer Verlag / Serie: Einzelband / Region: querbeet über den Globus