„Runa war nicht immun gegen jede Empfindung. Sie empfand Verachtung, das konnte Jori jetzt sehen – Verachtung und das unausgesprochene Wissen darum, dass sie es war und nicht er, die hier die Oberhand hatte.“ [S.165]

Es ist kalt, es ist eisig, es ist Winter in Paris. Die Menschen wärmen sich am liebsten in ihrem eigenen vier Wänden. Doch die ganz Mutigen zieht es regelmäßig zu den seltsamen Vorstellungen von Doktor Charcot. Jede Woche führt der Nervenarzt Patientinnen vor, die unter Hypnose die seltsamsten Verrenkungen anstellen. Damit will er seine aufgestellten Theorien unterstreichen. Doch nicht jeder findet Gefallen an seinen Darstellungen. Allem voran der junge Arzt Paul, der von seinem Freund Jori nach Paris in eine derartige „Abendshow“ gelockt wird. Jori hat dafür überhaupt kein Verständnis. Sieht er doch darin eine Chance Pauls Schwester heilen zu können. Dafür muss er allerdings einen Doktortitel haben und nicht nur ein mittelloser Medizinstudent sein. Es kommt also wie es kommen musste: Jori lässt sich auf eine Abmachung mit Dr. Charcot ein. Er hilft ihm bei seiner Doktorarbeit, darf Experimente an Frauen durchführen und erstmalig eine Hirnoperation – hoffentlich erfolgreich – durchziehen und im Gegenzug bekommt Charcot die Anerkennung. Er setzt seinen Namen unter die Veröffentlichungen, nicht Jori. Ob das gut durchdacht ist?

Das 19. Jahrhundert. Das Jahr der Neuerungen in den Medizinwissenschaften. Allem vorran das berühmte hôspital de la Salpêtrière in Paris. Eine psychiatrische Anstalt, welche es wirklich in Europa gab. Hier wurden viele neue Erkenntnisse gewonnen und im gleichen Atemzug auch viele Hirngespinste gesponnen, die man eigentlich heute keinem mehr erzählen darf. Im aktuellen Fall geht es um Gehirnoperationen und die Hysterie, eine Frauenkrankheit unter der auch Pauline, die Schwester von Paul, leidet. Nun soll diese operiert werden. Aber nicht am Gehirn, eher an ihrer Vagina, was für einen kalten Schauer bei Jori sorgt. So etwas will er seiner alten Freundin nicht antun. Denn was soll diese Neurose mit Körperteilen am Hut haben? Es ist eher eine psychologische Angelegenheit. Aber das kann er nur beweisen, wenn er andere Frauen heilt. Wenn er eine Arbeit darüber verfasst, endlich seinen Doktortitel bekommt und somit dann die Welt aufrütteln kann. Doch der Weg dorthin ist lang und steinig.

Wie hängt das nun alles mit Runa zusammen? Runa ist eines der Testobjekte, das in die Anstalt eingeliefert wird. Sie reagiert nicht auf die hypnotischen Methoden von Dr. Charcot und sorgt somit unbewusst für Aufsehen. Stattdessen glänzt sie mit Schweigen und plötzlicher Aggression, die sich zunächst keiner erklären kann. Zunächst recht zaghaft und später wesentlich energischer liegt Jori das Wohl des Mädchens am Herzen und eigentlich will er sie gar mit mehr operieren. Er will ihr anders helfen. Aber Pauline, seine Freundin, kann nur durch den Arzttitel von ihm geholfen werden und die Ärztekammer will ebenfalls Ergebnisse sehen. Eine böse Zwickmühle. Als wäre das nicht genug, tauchen plötzlich Gerüchte auf, dass das Mädchen Runa etwas mit kaltblütigen Morden zu schaffen hat. Aber wie soll das möglich sein? So gefesselt, wie sie an ihr Bett ist?
Der kuriose ehemalige Kommissar Lecoq jedenfalls ist von der Schuld des Mädchens überzeugt und heftet sich an ihre Fersen.

Wenn man das alles so hört, erwartet man doch eigentlich einen spannungsgeladenen historischen Medizin-Roman, mit zahlreichen kriminalistischen Aspekten? Anfangs macht es auch den Eindruck, als ob es in diese Richtung geht. Je weiter man jedoch in der Geschichte voran kommt und immer mehr Figuren kennenlernt, umso mehr muss man feststellen, dass die Hauptperson an sich – Runa – komplett untergeht. Das Hauptaugenmerk liegt eher auf Jori und seiner schüchternen Art. Wie ein verletztes Reh windet er sich unter der Augen der Doktoren und versucht irgendwie an sein Ziel zu kommen. Zeitweise ist sein Gejammer recht nervig. Natürlich ist er kein klassischer Held, dennoch hätte ich gerne mehr Selbstvertrauen in ihm gesehen. Erst gegen Ende nimmt er endlich mal seinen Mut zusammen und schreitet zur Tat.

Parallel dazu kommt Lecoq zu Wort. Seine Abschnitte kann man nicht direkt einordnen. Man spürt, dass seine Ermittlungen, die irgendwie keine Ermittlungen sind, weil er kein Ermittler mehr ist, mit den Experimenten aus dem hôspital zusammenhängen. Aber wie? Außerdem kommt ab und an ein Ich-Erzähler zu Wort. Wie der in das Gesamtpaket passt, wird ebenfalls erst gegen Ende aufgeklärt.

Zum Schluss wird alles schlüssig zusammengefügt. Die verschiedenen Erzählstränge kommen zusammen und man erkennt endlich die zahlreichen Verstrickungen. Dennoch ist das Leserherz nicht zufrieden. Denn das große Mysterium um Runa wurde nicht komplett aufgeklärt. Zu viele Fragen schwirren einem noch im Kopf herum, die einfach keine Antwort finden können. Normalerweise habe ich nichts gegen offene Enden. Ich begrüße sie sogar. Da jedoch jeder Charakter einen Abschluss findet, nur eben die titelgebende Person nicht, kann hier nicht drüberhinweg blicken.

Erwähnenswert ist jedoch noch an dieser Stelle, dass das Buch sehr gut recherchiert ist. Wahre Begebenheiten werden geschickt mit Fiktion vermischt und ergeben einen interessanten Komplex mit vielen interessanten Fakten. Manchen mag das Aufgebot an Fachbegriffen stören oder im Lesefluss bremsen. Ich hingegen fand es informativ und auffrischend, da ich diese Zeit der medizinischen Entwicklung sehr interessant finde.

Alles in allem hat mir „Runa“ nicht das gegeben, was ich erwartet habe. Trotzdem lässt es sich gut weglesen und man ist rasch durch die knapp 600 durch. Gelegentlich fühlte ich mich an die Serie „American Horror Story“ erinnert und hatte ein sehr realistisches Kopfkino bei den Krankenhaus-Szenen.
Wer sich nicht für Medizin interessiert, sollte das Buch nicht in die Hand nehmen. Allen anderen neugierigen Nasen, empfehle ich zumindest einfach ordentlich hineinzuschnuppern.

sketch-runa


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Genre: Roman, Krimi, Medizin, Schicksal / VÖ: August 2015 / Verlag: Limes / Serie: Einzelband / Region: Frankreich + Schweiz