„Lange Zeit hatte ich immer nur Pech. […] Ich heiße Jamal. Jamal Salaoui.“ (S.23)

Und eben dieser Jamal hat gar nicht mal so unrecht mit seiner Pechsträhne. Eigentlich wollte er nur Urlaub machen. Einfach abschalten und trainieren. Er will nämlich die Berge bezwingen, trotz seines Handicaps. Sein eines Bein steckt in einer Prothese. Entsprechend läuft er jeden Morgen an den Steilklippen vor seinem Hotel entlang. Auch an diesem Tag genießt er die Ruhe. Die kalte Luft auf seiner Haut und lauscht dem gleichmäßigen Klopfen seines Herzens, im Takt seiner Schritte. Doch etwas bringt ihn aus den Takt. Lässt ihn innehalten. Ein roter Schal. Verheddert im Zaun. Teuer schaut er aus und das Etikett straft seinen ersten Eindruck nicht. Kashmir. Er will gar nicht wissen, was der Schal gekostet hat. Bevor er sich weiter Gedanken machen kann, entdeckt er die Frau. Sie steht am Rand der Klippen. kurz davor zu springen. Jamal macht das, was wohl jeder machen würde und versucht sie vor dem sicheren Tod zu bewahren. Aber es bringt nichts. Die Frau stürzt in die harte, kalte, tödliche Tiefe.

Es kommt nun, wie es kommen musste. Auch wenn Jamal keine Schuld trifft, gehört er nach einigen Verhören zu den Verdächtigen. Immerhin hat er die junge Frau zuletzt gesehen. Alle anderen Spaziergänger kam erst später dazu, als er bereits passiert war. Zwar nimmt man ihn ordentlich in die Mangel, doch er versucht sich damit zu beruhigen, dass die DNA-Tests schon beweisen werden, dass er ihr nicht getan hat. Denn die junge Dame wurde scheinbar vor ihrem Tod vergewaltigt und das würde Jamal niemals machen. Er ist froh, wenn er ein Mädchen so bezirtsen kann. Unerwartet bekommt er jedoch seltsame Post. Ohne Absender und doch zu 100% an ihn adressiert. Es sind Zeitungsartikel. Darin wird der Tod weiterer Frauen beklagt. Ebenfalls vergewaltigt, ebenfalls mit roten Schal und ebenfalls von den Klippen gesprungen. Verwirrt packt Jamal die Unterlagen weg. Was will man ihm damit sagen? Aus den Artikeln geht hervor, dass der wahre Täter nie gefangen wurde. Will man ihn warnen? Oder will man alte Erinnerungen von ihm wecken? Schließlich war er vor Jahren schonmal in dem Ort gewesen. Eines weiß er jedoch mit Sicherheit. Er kann keinem mehr trauen. Weder der Polizei noch seinen angeblichen Freunden, die sich plötzlich alle abzuwenden scheinen.

Glaubt man zunächst genau zu wissen, wie sich alles in dem Buch entwickeln wird, macht einem Michel Bussi hier einen gewaltigen Strich durch die Rechnung.

Zwar klärt sich die ein oder andere Sache rasch durch den Verlauf der Handlung, aber die eigentliche Frage nach dem: Wer war es? Wer ist der Täter? wird erst ganz zum Schluss erklärt. Somit bleibt man die ganze Zeit am Ball und saugt jede Information in sich auf. Baut gedankliche Verknüpfungen auf und versucht – ähnlich wie Jamal – Licht ins Dunkel zu bringen. Zur Verwirrung trägt auch noch der Aufbau und Stil des Buches bei. So wird die Handlung mit einem Brief aus der Gegenwart eingeleitet. Er stammt von einem Institut, was für die Identifizierung von Katastrophenopfern zuständig ist. Darin wird von einem Klippen Absturz berichtet, bei dem mehrere Leichen gefunden wurden. Danach kommt der Cut zu den Tagebucheinträgen von Jamal (keine Sorge, es ist nicht der klassische Tagebucheintragstil), wo man mit seinen Sorgen und Ängsten ein halbes Jahr zuvor konfrontiert wird. Und eben jener jungen Frau mit dem roten Schal an den Klippen.
Das Buch selbst ist in fünf Abschnitte unterteilt. Ähnlich einem Drama, nähert man sich Abschnitt für Abschnitt dem Höhepunkt, dem Finale der ganzen Handlung, um dann die Lösung präsentiert zu bekommen. Ein Brief aus eben jenem Institut sorgt vor jedem neuen Abschnitt für neues Kopfzerbrechen.

Auch wenn man nun oben deutlich erkennt, dass Michel Bussi eine kriminalistische Ader in sich trägt, würde ich das Buch letztlich eher in der Kategorie „Schicksalsschlag“ einordnen. Denn trotz der Spannung und dem Stil einen Krimis, geht es doch um etwas anderes. Egal wie makaber das alles ist und egal die perfide die Personen in dem Buch hier vorgehen, letztlich geht es um einen jungen Mann, der ein festes Ziel vor Augen hat, der seine große Liebe findet und dennoch so viele Stolpersteine in den Weg gelegt bekommt, wie man es nicht mal seinem ärgsten Feind wünscht.
Jamal kann man einfach nur in sein Herz schließen. Er ist schrullig, witzig und ernst zugleich. Das bisherige Leben hat ihn geprägt und seine stille Art kommt nicht bei jedem Gut an. Dennoch beißt er sich durch und zermartert sich das Hirn, wer ihn hier so ärgert. Als er endlich eine Spur hat, muss er sich beeilen, die Wahrheit aufzudecken, um nicht wieder durch falsche Aussagen in falsche Richtungen gelenkt zu werden.

Bereits in „Das Mädchen mit den blauen Augen“ hat der Autor bewiesen, dass er schreiben kann. Er geht einen ganz anderen Weg als man ihn sonst kennt, um ein Verbrechen aufzuklären. Hier steht nicht der Ermittler oder der Täter im Vordergrund. Hier hat eine Marionette die Fäden in der Hand. Ein Charakter, der durch einen Umstand in ein Ereignis gerissen wird, ohne es zu wollen und dabei sich selbst und der Wahrheit näher kommt. Ich mag diesen Stil, weil er eben komplett anders ist, als ich ihn kenne und gerade deshalb empfehle ich diesen Autor immer wieder gerne.
Wer also Spannung mag, aber auf den ganzen Blutkram verzichten kann und wer keine Lust hat, immer einen mürrischen Detektiv vor die Nase gesetzt zu bekommen, der geschieden ist und seinen Kids hinterherrennt, der sollte hier zugreifen!

sketch-schal


Genre: Roman, Krimi / VÖ: August 2015 / Verlag: Aufbau Verlag / Serie: Einzelband / Region: franz. Steilküste (Normandie)