„Aus einem Heim ist der alte Mann jedenfalls nichts weggelaufen. Ich habe gestern jedes einzelne abtelefoniert,“ sagte Sari zu Anna. [S.40]

Der Frühling nähert sich mit großen Schritten und dennoch ist es eisig kalt in Finnland. Entsprechend verschneit und gefroren sind die Straßen im Gelände. Da ist es eigentlich kein Wunder, dass schwere Unfälle passieren. Doch der aktuelle Unfall hat es in sich. Ein Mann wurde überfahren und als ob das nicht tragisch genug wäre, stellt man erschreckend fest, dass er bereits tot war, als das Auto über ihn rollte. Zumindest deuten erste Obduktionsergebnisse darauf hin. Aber wie kommt ein alter Mann so weit in die Pampa hinaus, ohne Auto? Wieso liegt er mitten auf der Straße, so weit weg von seiner Wohnung? Und vor allem, warum ist er nur so leicht begleitet? Fragen über Fragen stürzen auf die Ermittler ein. Allem voran ist Anna Fekete gefragt, denn dank ihrer Muttersprache ist sie eine der wenigen, die mit der Unfallverursacherin reden kann. Was sie anfangs freut, mal wieder ihren eingerösteten Wortschatz benutzen zu können, schlägt für bald in Unbehagen um. Denn die junge Fahrerin scheint den engen Kontakt mit einer Gleichgesinnten zu suchen und Anne gehört nicht gerade zu den geselligsten Menschen.

Neben diesem brisanten Verkehrsunfall hat der Ermittler Esko ebenso einen brisanten Fall an Land gezogen.

Im Drogenkartell in Finnland machen sich nach und nach diverse Gruppierungen breit. Vor allem eine namens „Black Cobra“ breitet sich rasant aus. Das will man natürlich verhindern und so pflegt Esko einen guten Kontakt zu einem Undercover-Ermittler, der selbst schon tief in den Drogensumpf eingetaucht ist. Mit der Zeit kristallisiert sich ein Hauptverdächtiger heraus und seine Mutter scheint recht kooperativ zu sein. Doch dann wendet sich das Blatt. Nicht nur, dass sich Esko plötzlich verfolgt fühlt, auch seine Gesundheit macht ihm schwer zu schaffen. Selbst seine Kollegen machen ihn schon darauf aufmerksam. Sein Arzt rät ihm auch zu einem direkten Lebenswandel. Doch wie sagte man immer so schön? Man muss es auch selbst wollen und das ist bei dem rauchenden alkoholliebenden Esko so eine Sache.

Man merkt jetzt schon recht deutlich, dass hier nicht nur die aktuellen Fälle der beiden Ermittler im Vordergrund stehen, sondern auch ihre privaten Probleme und Sorgen. Zum einen lernt man so die beiden noch mehr kennen. Vor allem Esko zeigt hier eine Seite an sich, die man im Serienauftakt noch nicht sehen konnte. Das macht ihn einen Ticken sympathischer. Anna hingegen hat diesmal viele Selbstzweifel. Zwar ist sie immer noch die starke selbstbewusste Immigrantin, trotzdem bröckelt es hinter ihrer Fassade langsam. Gerade wenn es im die eigenen Familie und die alte Heimat geht. Da ist ein derber Schicksalsschlag in dieser Hinsicht auch nicht gerade hilfreich.
Dennoch müssen sich die beiden auf die kleine Mordserie konzentrieren, die irgendwie miteinander verflochten ist. Als Leser kommt man rasch hinter die Verbindung. Aber die Ermittler nicht, weswegen es recht spannend zu lesen ist, wie sie durch kleine Hinweise und Spuren dem Täter auf die Schliche kommen.

Allerdings erwartet auch den Leser selbst noch die ein oder andere Überraschung.

Denn was anfangs so simpel aussieht, zieht eine dicke Wurzel des Übels mit sich. Schade ist an dieser Stelle gewesen, dass die Autorin besonders den Fall um die Drogenkartelle mit der Zeit etwas zu stiefmütterlich behandelt. Da glaubt man endlich Spannung zu spüren und kann den Atem der Verfolger in Nacken Eskos schon spüren, als es plötzlich abflaut. Warum kann ich nur vermuten. Vielleicht neigte sich das Buch dem Ende zu? Es wäre sonst zu dick geworden? Das Lektorat hat Termindruck gemacht? Oder sie wollte es so haben und die melancholische Grundstimmung nicht „zerstören“. Ich weiß es nicht, fand es nur etwas schade, dass gerade dieser Erzählstrang, der so gut Anfang mit der Zeit so abflaute. Er war zwar dennoch schlüssig am Ende, aber der Nervenkitzel fehlte.

Alles in allem ist diese Buch gut lesbar. Ich finde es nicht besser oder schlechter als den Serienauftakt um Anne Fekete. Die Spannung und der Schwerpunkt sind etwas anders gelagert als beim Vorgänger, was es aber definitiv nicht schlechter macht. Ich konnte es flüssig durchlesen und fühlte mich stets prima unterhalten. Außerdem werden aktuelle Themen angesprochen, ohne dabei zu dick aufzutragen (Immigration, Integration, Drogenkartelle). Schade waren nur die obigen wenigen Kritikpunkte, die mich aber nicht davon abhalten, weiter Bücher von Kati Hiekkapelto zu lesen!

sketch-schutzlos


Genre: Thriller / VÖ: Juli 2015 / Verlag: Heyne / Serie: Band 2 / Region: Finnland