Im Rahmen meiner kleinen literarischen Reise durch Japan, begebe ich mich heute zu Ryu Murakami.
In Japan ist er ein recht beliebter Autor, der vor allem gesellschaftskritische Bücher verfasst. Einigen könnte er durch seinen Film „Audition“ bekannt sein. Da hört es allerdings auch schon auf mit der Bekanntheit, hier in Deutschland. Denn gerade einmal sechs seiner bisher fünfdreißig Werke wurden bislang ins Deutsche übersetzt und das jüngste Buch davon ist in den 90ern im Original erschienen… Da kann man nur hoffen, das sich noch ein paar Übersetzer und Verlage finden, die sich ihm annehmen. Denn immerhin wurden schon zwei weitere Werke zumindest in Italien und Frankreich auf den Markt gebracht.

deutschsprachige Exemplare:

„Blaue Linien auf transparenter Haut. Tokio unterm Strich“
„69“
„In der Misosuppe“
„Piercing“
„Das Casting“ (austria)
„Coin Locker Babies“ (austria)

Solltest du die Verfilmung bereits kennen, so lösche bitte direkt einmal alles aus deiner Erinnerung, was dir dazu einfällt. Vor allem das Blut. Viel Blut. Einfach ausblenden. Vielleicht auch ein bisschen von der Brutalität. Reduziert sie auf ungefähr auf die Hälfte. Alles erledigt? Dann kannst du das Buch in die Hand nehmen und damit starten.
„Das Casting“ hat viele Parallelen zum Film, was natürlich nicht verwunderlich ist. Immerhin ist es die Vorlage dazu. Dennoch geht es hier viel ruhiger zu und zerrt einen ganz langsam in den Strudel der Brutalität hinein, bis es einen auf den letzten Seiten komplett damit überrumpelt. Dabei ist es nicht einmal die Gewalt an sich, sondern die Nüchternheit, mit der der Autor sie beschreibt. Da habe sogar ich innerlich aufgestöhnt.

Jetzt habe ich schon so viel drumherum erzählt, aber nicht worum es eigentlich geht. Also folgt nun erst einmal eine kurze inhaltliche Zusammenfassung:

Aoyama ist Witwer. Vor ein paar Jahren hat er seine Frau an Krebs verloren und zieht nun den gemeinsamen Sohn Shigehiko allein groß.

Beruflich läuft bei dem Dokumentarfilmer alles bestens und auch sonst gibt es keine nennenswerten Probleme. Doch Aoyama ist einsam. Er trauert lieber, als sich eine neue Frau zu suchen und so muss ihn erst sein Sohn energisch darauf hinweisen, damit er sich aufrafft und sich auf die Suche nach einer weiblichen Häfte macht. Nur wo finden im Alltag? Sein Freund Yoshikawa hat eine grandiose Idee: Warum nicht berufliches und privates mischen und ein Casting für eine Werbung ausschreiben. Aus dem sich der Witwer seine neue Frau heraussuchen kann.

Gesagt. Getan. Hunderte Frauen folgen dem Aufruf und wollen das neue Werbegesicht Japans werden. Die beiden Freunde treffen eine Vorauswahl und tatsächlich, eine junge Frau schafft es allein nur durch ihre Bewerbung Aoyama seine Trauer zu vergessen. Er ist sogar so besessen von ihr, dass ihn die anderen Frauen regelrecht langweilen und er der geheimnisvollen Asami entgegen fiebert. Kaum sieht er sie leibhaftig vor sich, ist es um ihn geschehen. Er ist geblendet von ihrer Art zu Reden und ihrer klassischen Schönheit. Doch es gibt einen Haken. Der Altersunterschied. Was sollte so ein junges Ding, schon von so einem alten Mann, wie ihm wollen. Erste Unterhaltungen beweisen jedoch das Gegenteil. Die Chemie stimmt eindeutig und eine zarte junge Liebesromanze entwickelt sich.

Dabei verfällt er ihr so sehr, dass er alle Anzeichen übersieht, die für den Außenstehenden offensichtlich sind.

Asami verbirgt etwas und dieses etwas scheint nicht auf die rosa Wolke zu passen, auf der Aoyama gerade schwebt. Selbst als sie ihr wahres Ich zeigt, versteht er nicht und braucht erst die volle Dröhnung ihrer Boshaftigkeit, bis dass er im wahrsten Sinne des Wortes von seiner plüschigen Wolke herunterknallt.
Wenn das passiert, ist man auch als Leser schockiert von der dunklen Seite der jungen Frau. Kompromisslos zieht sie ihre „Arbeit“ durch, ohne Rücksicht auf Verluste. Diese Ereignisse stellen einen krassen Kontrast zu den ersten Seiten dar. Was so leichtfüßig anfing, endet in einer Katastrophe.

Es ist vor allem der bissige Unterton, den man heraushört. Da ist der naive Aoyama, der Frauen lieben will und eine Begleitung braucht, sein energischer Freund Yoshikawa, der sich als ultimativer Frauenversteher sieht und die unscheinbare Asami, die einerseits das Klischee der sittsamen Frau darstellt und zugleich ihre Neigungen nicht zurückhält, sondern offen auslebt. Zwischendrin lässt der Autor immer wieder die Erfahrung und Weisheit, durch die Münder diverser Figuren sprechen. Aber Liebe macht bekanntlich blind und japanische Schönheiten sind eben nicht immer das, wonach sie auf den ersten Blick aussehen.

Das Buch hat man recht schnell gelesen, was bei knapp 200 Seiten auch kein Wunder ist.

So ist es nicht die Detailverliebtheit, die überzeugt, sondern die Schonungslosigkeit der Realität, wenngleich sie etwas überspitz dargestellt wird. Das Ende selbst, kommt dann anders als erwartet. Dennoch passt es zu den Ereignissen und rundet alles gekonnt ab.
In ein bestimmtes Genre lässt sich die Geschichte meiner Meinung nach übrigens nicht stecken. Dem Thriller wird es nicht ganz gerecht, Psycho ist in einigen Punkten auf jeden Fall korrekt, Hardboiled ist es dann auch nicht wirklich, auch wenn es hart zur Sache geht. Am besten passt wirklich „gesellschaftskritischer Roman mit psychotisch brutalen Elementen“.

Für mich war es das erste Buch von Ryo Murakami und es wird auch definitiv nicht das letzte sein. Sein Schreibstil ist sehr angenehm und ich mag derartige Wendungen in Geschichten, selbst wenn sie mir durch Verfilmungen schon bekannt sind. „Coin Locker Babies“ habe ich als nächstes im Visier und das Buch ist mit seinen 600 Seiten ein richtiges Monstrum im Vergleich zu „Das Casting“.

 


Genre: (Psycho-Thriller) Gesellschaftskritik / VÖ: April 2013 / Verlag: Septime