apocalypse marseille

Mit „apocalypse marseille“ ist nun schon der zweite Kurzgeschichten-Band von Andreas Gruber herausgekommen. Im ersten „northern gothic„, war er seinem bekannten Genre des Crime treu geblieben und überzeugte mich mit vor allem mir seinen abwechslungsreichen und spannenden Geschichten. Diesmal hat Herr Gruber allerdings einen Weg eingeschlagen, er nicht jedem Leser bekommen mag. Aber mein Leseherz definitiv hat höher schlagen lassen. Es geht um Science-Fiction, Fantasy und Steampunk. In dreizehn komplett unterschiedlichen Stories zeigt der Autor eine Seite an sich, die ich direkt nach dem Vorwart schon, sympathisch fand.

Da es hier schwierig ist, alle kleinen Erzählungen unter einen Hut zu bekommen, habe ich beschlossen, euch meine drei Lieblinge einmal kurz vorzustellen:

Sieben Ampullen“ (2003) bildet den Auftakt in diesem Buch und legt direkt einen ordentlichen Vormarsch hin.
Kamal Ahmed ist studierter Doktor und gerade dabei seine eigene Familie umzubringen. Natürlich ist man als Leser total schockiert, vor allem wenn man sieht, wie er darunter leidet, diese Gräueltat umzusetzen. Sofort gehen im Kopf alle Alarmglocken an: Er wird gezwungen! Anders kann es nicht sein! Und tatsächlich, Kamal lässt bei jedem Familienmitglied – inklusive den Hund – kleine Maschinen zur Tat schreiten, die Rückenmark entnehmen. Aber wieso? Was hat er vor? Und warum ist er so gehetzt? Ob man das noch erfährt? Die Polizei ist ihm auf jeden Fall schon dicht auf den Fersen und von seinem Massaker jedenfalls not amused.
Science-Fiction mit Steampunk-Elementen und horrorhaften Momenten. Hat mir sehr gut gefallen!

„Weiter oder Raus“ (2005) ist eine gesellschaftskritische Abhandlung aus der Gegenwart, die gar nicht so abwegig klingt, bei unserer heutigen Gesellschaft.
Vier Kandidaten haben sich für eine TV-Show beworben, in der sie um Geld spielen können. Sie müssen dabei bestimmte Aufgaben erfüllen um die nächste Etappe zu erreichen. So weit, kennen wir das ja schon. Nur hier geht es nicht um Kuchenschlachten, Blasorgien oder Hochseilakrobatik. Hier geht es um den Verlust von Körperteilen per Zufallsprinzip. Das klingt hart und ist es auch. Diese Story ist kein Zuckerschlecken und man greift sich zwischendrin immer wieder an den Kopf.
Auch wenn man ahnt, wie alles endet. Dieses Extreme fand ich so gelungen, dass es mir im Kopf geblieben ist. Vor allem, da es so typisch Mensch klingt und realistisch werden könnte.

„Wenn der Himmel gefriert“ (2002) ist meine absolute Lieblingsgeschichte. Obwohl sie eigentlich mit die traurigste im ganzen Buch ist.
Wir befinden uns in der Zukunkt. Künstliche Intelligenz hat den Planeten eingenommen und das nicht in Form von Robotern, sondern von kleinen Biomaschinen, die an Hand von Temperaturen Dinge ausmachen können. Auf diese Art und Weise wurde schon fast die gesamte Menschheit ausgelöscht. Naluk gehört zu den letzten Überlebenden und befindet sich auf der Flucht und sie ist nicht allein. Die kleinen Maschinen lauern überall.
Kurz und knackig und trotzdem haut die Geschichte voll rein. Davon hätte ich gerne mehr, Herr Gruber!

Vor jeder der dreizehn Kurzgeschichten gibt es ein kleines Vorwort zur Entstehung. Das finde ich sehr praktisch, da man so noch mehr zum Inhalt und seinen Hintergründen erfährt. Außerdem ist es schön, die Selbstreflexion nach Jahren zu sehen. Denn an Hand der Jahreszahlen oben sieht man schon, dass sie teilweise schon vor über zehn Jahren verfasst wurden.

Mich haben nur drei Erzählungen nicht vom Hocker hauen können. Zum einen, weil sie mich nicht berührten (zu wenig Tiefgang) oder mich schlichtweg das Thema nicht packte (Liebesgeschichte) oder mir der Inhalt zu flach wirkte (wir-haben-uns-alle-lieb). Das legt aber nur einen hauchzarten dunklen Schleier über meinen Gesamteindruck. Da der Rest einfach wunderbar war und ich alles regelrecht verschlungen habe.

Ich würde mich wahnsinnig freuen, wenn der gute Andreas Gruber ein Buch aus diesem Genre-Mix hier, einmal veröffentlichen würde. Da wäre ich wohl mit einer der ersten Leser, die HIER schreien würden.
Empfehlen kann ich die Sammlung jedem Gruber-Liebhaber und natürlich all denen, die mal Lust auf kurze Geschichten haben. Kleine Appetithäppchen für zwischendurch die einem fantasievollem Kopf entsprungen sind.


Genre: Crime, Science-Fiction, Steampunk, Horror / VÖ: Mai 2016 / Verlag: Luzifer Verlag / Serie: Einzelband / Region: queerfeldein