Abtauchen in fremde Welten. Wer macht das nicht gerne, wenn er ein neues Buch in die Hand nimmt?

Wenn man den Pfaden von Steamtown folgt, kommen wahrlich ganz neue unbekannte Welten auf einen zu. Nicht nur, dass die Menschen hier anders gekleidet sind und wie aus einem fernen Land entflohen zu sein scheinen. Nein, auch ihre Technik ist gar so seltsam, dass man sich wie auf einer Zeitreise fühlt. Und das ist wohl auch Absicht, denn Steamtown hat nicht umsonst das Wort „Steam“ in sich versteckt. So kann man auf knapp 400 Seiten in eine Stadt verschwinden, wo Technik im wahrsten Sinne des Wortes, des Lebens dort dominiert.

Zur Einleitung dient natürlich ein Mordfall. Ein Mann wird grausam auf dem kalten, nassen Kopfsteinpflaster ermordet und Eric van Valen wird mit der Aufklärung des Falles beauftragt. Eric ist ein junger Ermittler, der hier von der Leine gelassen wird und tatkräftige Unterstützung von Mister Ferret erhält. Dieser ist ein Beauftragter des Ministeriums und hat schon einige üble Dinge gesehen. Zu guter Letzt gesellt sich der mürrische Pater Sibirius Grand zu den beiden. Er ist ein Mann der Tat und nicht der Worte.

Das perfekte Team aus Köpfchen, Erfahrung und Tatkraft.

Während man sich an die Aufklärung macht, muss man feststellen, dass sich die Suche wie die klassische Nadel im Heuhaufen zu finden entwickelt. Winzige Spuren einer seltenen plasmaartigen Flüssigkeit führen Sie schließlich in die dunkle, stinkende Kanalisation. Die definitiv nicht unbewohnt ist. Angriffslustige riesige Ratten und unheimlich wabernde Wesen tummeln sich dort. Nicht zu vergessen die Menschen, die sich dort unten zusammengeschlossen haben und scheinbar in ihrer eigenen Welt existieren. Es kommt wie es kommen musste: Ein Tumult wird ausgelöst. Es kommt zu Übergriffen und letztlich zu einer Entführung.

Derweil nimmt die Story ordentlich Fahrt auf und da fragt man sich plötzlich als Leser, warum man nicht so mit den Figuren mitfiebert, wie man es gerne möchte. Schließlich laufen sie nicht über eine bunte Blumenwiese und klauben fröhlich lächelnd bunte Blumen vom Boden auf. Sondern laufen durch eine graue, nebelverhangene Stadt, wo ein gefährlicher Killer herumläuft. Der weit mehr vor hat, als nur einen Menschen zu ermorden. Es fließt Blut, es häufen sich die Schrammen und die ersten Leichen stabeln sich bereits im Keller. Zudem scheint manch einer übersinnliche Fähigkeiten zu haben, die jeder auf seine ganz eigene Weise zu nutzen weiß.

Es fehlten einfach die Gefühle. Zu selten kommen sie zu Wort. Da nützt es nichts, wenn man die Stadt mit jedem kleinen Detail vor Augen hat und die Luft von Steamtown quasi atmen kann. Da mag ein Eric noch so trottelig sympathisch sein und Siberius mit seiner rauen Art ein Stück des Leserherzes erobern. Wenn dramatische Szenen kaum kommentiert werden und die Figuren scheinbar normal weiterleben, obwohl da gerade ein entschneidentes Erlebnis war. Kommt es einem so vor, als ob Szenen fehlen und wichtige Worte vergessen wurden. Im übertragenen Sinne gemeint. Es geht hier nicht um Rechtschreibfehler.

Dieser Kritikpunkt milderte leider mein Leseerlebnis etwas. Vielleicht kommen sie bei den Live-Auftritten besser zum Ausdruck. Wenn man mit den verschiedensten Stimmlagen Gefühle hervorbringt. Aber das hier ist ein Buch und da höre ich nur das Stimmchen in meinem Kopf. Welches sich in Steamtown pudelwohl gefühlt hat und wahnsinnig gerne van Valen bei seiner Spurensuche gefolgt ist. Vor allem in der zweiten Hälfte, wenn die Ermittlungen erste Früchte tragen und immer mehr Charaktere ihr wahres Gesicht zeigen. Denn egal in welcher Zeitzone wir uns befinden: Mensch bleibt Mensch. Egal ob böse oder liebenswert.

Letztlich habe ich das Buch gerne gelesen und bin auch nicht abgeneigt den zweiten Teil zur Hand zu nehmen. Aber vor allem habe ich Lust nun doch einmal in die „Blausteinkriege“ von T.S.Orgel hineinzulesen.

Empfehlen kann ich das Buch jedem, der gerne mal in die Steampunkwelt abtauchen und das dortige Feeling hautnah erleben möchte!

steamtown-sketchnote


Genre: Krimi, Steampunk / VÖ: Erstauflage im Mai 2015 / Verlag: Papierverzierer Verlag / Serie: Auftakt / Region: britisches Steamtown