quantum

Es herrscht klirrende Kälte, Schnee liegt wie weißer Puderzucker über der Landschaft und dennoch steht Brian in Badeschlappen und kurzen Hosen vor der Tür seinen Kollegen Jacob. Total verdattert lässt dieser ihn herein und bittet – selbstverständlich – um eine Erklärung. So kränklich und ängstlich hat er seinen Bekannten noch nie gesehen. Als Brian dann auspackt und ihn über seine neusten Forschungen informiert, fällt Jacob aus allen Wolken.

„Willst du mir etwa weismachen, das Universum verfüge über ein Eigenbewusstsein?“ [S.17]

Die beiden Herren sind Physiker und beschäftigen sich unter anderem mit der Quantenphysik. Ein Begriff, der viele innerlich aufstöhnen lässt. Auch mich. Aber sie ist nun mal ein wichtiges Standbein der Physik und nicht vermeidbar, wenn man sich damit beschäftigt. Brian hat es nun so weit gebracht und eine Art zweite Zeitachse erschaffen.

Normal kann ein Teilchen nur zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem Ort sein. Er hat es geschafft, dieses Grundgesetz zu „brechen“. Es können zwei Teilchen oder in diesem Fall – zwei Personen – zeitgleich existieren. Nur weil Brian zum Beispiel in der Küche von Jacob sitzt, heißt es nicht, dass er nicht auch zeitgleich in seinem Büro sein könnte. Verwirrend? Ist es eigentlich nicht.

„[…] Es sollte eigentlich unmöglich sein, aber wenn es doch möglich ist…“ [S. 53]

David Walton bringt wunderbare Beispiele um einem diese Thematik wirklich verständlich zu erklären. So steht man nicht als absoluter Idiot da, während man die Geschichte verfolgt. Denn rafft man das Prinzip nicht, wird man auch die Gedankengänge von Jacob nicht nachvollziehen können und man sollte die Finger von dem Buch lassen. Schließlich bleibt es nicht bei der Theorie. Es passiert ein Mord. Jacob soll Brian ermordet haben. Nur kann es Jacob nicht gewesen sein. Er sitzt am Küchentisch.

Der Fall kommt vor Gericht. Dort muss nun für den Normalbürger verständlich erklärt werden, was passiert ist. Jedoch zögern Jacob und sein Anwalt mit der Wahrheit ans Licht zu kommen. Man würde sie als Spinner abstempeln. Es gibt immerhin beständige Beweise, dass der gute Jacob am Tatort war. Fingerabdrücke und etliche Argumente sprechen gegen ihn. Was also machen? Lange bleibt den beiden keine Zeit mehr. Da draußen ist noch etwas unterwegs, was weiterhin Schaden anrichtet: Der eigentliche Killer. Quantenintelligenzen.

„Sie jagen mich“, sagte er, „aber sie sind keine Menschen.“ [S.30]

Man begibt sich als Leser nun auf eine Reise, die immer zwischen diesen beiden Welten hin und her pendelt. Auch „Up & Down Spins“ bzw. Eigendrehimpulse genannt, um es mit den Kapitelüberschriften zu beschreiben. Es bleibt dabei lange verwirrend und man wird Stück für Stück an die Materie herangeführt. Man versteht und bergreift irgendwann. Ab diesem Moment fiebert man mit Jacob mit und will, dass er ohne Todesstrick aus dem Gericht herauskommt.

Ob er das schafft, erfährt man wirklich erst auf den letzten Seiten des Buches. Die Spannung kommt also nicht zu kurz. Ebenso plötzliche Wendungen oder Überraschungen. Die alle auf den Forschungen von Brian beruhen. Er hat da etwas ins Leben gerufen, was man sich für die reale Welt nicht wünscht. Auch wenn es irgendwie makaber faszinierend ist.

Alles in allem hat mich das Buch auf zwei Ebenen überzeugt. (Muahaha, Wortwitz!) Zum einen wird hier das Gehirn gefordert. Man muss mitdenken und sich auf die Materie der Quantenphysik einlassen können. Ein Wissenschaftler wird man nicht, aber man begreift und genau DAS ist wichtig. Auf der anderen Seite fand ich den Spannungsplot durch diese zwei Zeitachsen mitsamt der Ungewissheit der interessant umgesetzt.

Das Buch bekommt somit den Stempel: Lesenswert! Und ist ein Lesetipp für alle, die gerne mal über den Tellerrand hinausschauen möchten.

quantum


Genre: SciFi / VÖ: Juli 2016 / Verlag: Heyne / Serie: Einzelband