„Zwar kannte er Clarices Familiennamen nicht und wusste weder, wo sie wohnte, noch, an welcher Universität sie Kunstgeschichte studierte, aber er hatte ihre Handynummer, und das machte sie doch gewissermaßen schon zu einem Paar.“ (S.23)

Stell dir vor, du lernst ein Mädchen kennen und verliebst dich Hals über Kopf in ihre Mimik, ihre Gesten, ihre Worte, ihr äußeres. Aber du bist ein Einzelgänger. Ein Außenseiter. Den man kennt, respektiert, nur nicht unbedingt als Freund haben möchte. Du rechnest deine Chancen nicht sehr hoch ein. Resignierst schon und dann – plötzlich – erwidert sie deine Näherungsversuche und gibt dir sogar einen Kuss. Woah! Der Gewinn des Jahres!

Du schwebst auf Wolke sieben. Wie betäubt gehst du zu Bett und freust dich auf den nächsten Tag. Dann kannst du sie anrufen und die zarte Beziehung vertiefen. Bloß, wie sollst du ihr erklären, woher du ihre Nummer hast? Gegeben hat sie dir diese nämlich nicht. Erschlichen hast du sie dir. Heimlich. Das wird schon, denkst du dir. Irgendeine logische Begründung fällt die ein und dann lacht ihr darüber.

„Du verfolgst mich. Bei der Grillparty hast du dir meine Nummer besorgt.“ (S.44)

Die Konfrontation, der sich Teo kurz darauf stellen muss, läuft nicht so, wie er es sich erhofft hatte. Clarice ist nicht im geringsten über seine extremen Annäherungsversuche begeistert. Teo ist schlichtweg nicht ihr Typ. Freunde ja, aber nicht mehr. Da sieht der enttäuschte Märchenprinz rot und schlägt seine Eroberung kurzerhand nieder. Schnappt sich einen großen Reisekoffer und „verstaut“ sie darin. Zu Hause will und muss er sich neue Schritte überlegen.

„Er konnte Clarice nicht wieder gehen lassen.“ (S.51)

In seinem Kopf gehen fortan Dinge vor, die man sich nicht ausmalen möchte. Der Stalker hat das Objekt seiner Begierde gefunden und will es nicht mehr hergeben. Koste es was es wolle. Und seine Clarice würde irgendwann schon erkennen, was für ein guter Ehemann er sein würde. Dann würden die Gefühle kommen und sie könnten glücklich zusammen leben. Für immer. Auch wenn bis zur Erleuchtung Betäubungsmittel und Fesseln notwendig sind.

„Der äußeren Erscheinung fehlte die höhere Macht der Gefühle. Die verbindende Karft lag vielmehr im Austausch, in der Hingabe, dem Einander-Entdecken. Das war es doch, was man Symbiose nannte.“ (S.63)

Noch jemand hier, der Teo nicht abartig krank findet? Dieser junge Mann lässt einen wirklich Schauer über den Rücken jagen. Immer hat er eine neue (makabere) Idee, trickst herum, lässt seine Redekunst wirken und umgeht so jeglichen Verdacht der Entführung. Immer wenn man denkt, dass es das war und sie auffliegen, geht er einen weiteren Schritt in die falsche Richtung und einer der letzten hat mich derbe schlucken lassen, so geschockt war ich.

Clarice ist eine starke Persönlichkeit. Hut ab, dass sie nicht sofort zusammenbricht. Sie spielt sein Spiel mit und versucht so zu überleben. Leider hat sie auch extreme Gefühlsschwankungen in manchen Szenen, sodass ich ihr diese nicht immer abgekauft habe. Aber neben Teo sieht man eh schwach aus. Selbst die Eltern von Clarice, deren handeln und denken ich nicht nachvollziehen konnte. Genauso wirkte das Ende wie eine Flucht für mich und hat mich nicht zu 100% zufrieden zurückgelassen. Auch wenn ich den letzten Satz wiederum perfekt fand.

Letztlich erzeugt der brasilianische Autor eine fesselnde Stimmung, die einen sofort in den Bann zieht und bis zur letzten Seite gefesselt hält. Da möchte ich definitiv mehr von ihm lesen! Aufgrund einiger Beschreibungen, würde ich das Buch sogar bald in den hardcore Bereich einsortieren. Einen soften Thriller sollte man also nicht erwarten. Einige Momente werden recht explizit dargestellt.

Prädikat: Lesenswerte Lektüre!


Genre: Crime (hard) / VÖ: Juni 2017 / Verlag: Limes Verlag / Seiten: 320 / Serie: Einzelband

weitere Kritiken: fiktive Welten, Seehases Lesewelt, …

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