|Crime| “Zeit der Ernte”

“Vor fast neunzig Jahren, während der Sutton-Taylor-Fehde, versenkte John Wesley Hardin ein Dutzend .44er Kugeln in einem Verandapfosten des Hauses, das ich heute bewohne. Damals lebte hier mein Großvater, Old Hack, dermir später auch die Geschichte von jenem AUfeinandertreffen mit dem Outlaw erzählte: […]” (Buchbeginn)

Alles hat einen Anfang und somit natürlich auch die Geschichte um Hackberry Holland. Zu einer Zeit, als er noch grün hinter den Ohren war, eine Frau hatte und in einer gehobenen Gesellschaft lebte. Gut, letzteres war nur seiner Frau Verisa zu verdanken, die aus eben so einem Haushalt kam und diese Leben liebte. Damals, als der Anwalt noch in die Politik aufsteigen will. Den perfekten Background hat er: Veteran, Anwalt und zudem Sohn eines ehemaligen Kongressabgeordneten. Was will man mehr?

Kommt euch das nicht auch ein bisschen spanisch vor? Hackberry Holland. Freiwillig. Ein Politiker. Das wirkt, als würde man ein kleines Kind in einen Anzug stecken, auf ein Podium stellen und sagen: Du bist jetzt Politiker! Mach, was daraus! Dass das nicht in Eigenregie passiert, ist eigentlich klar. Da steckt eindeutig seine Frau und sein Bruder dahinter. So kommt es, wie es kommen muss: Hackberry Holland vernachlässigt seine Promotion Tour und taucht zu wichtigen Terminen nicht oder viel zu spät auf.

“Ich bin nicht gerade zum Scherzen aufgelegt, Hack. Mir Entschuldigungen aus den Rippen zu leiern und für dich zu lügen macht mir keinen besonders großen Spaß. […]” (S.39)

Stattdessen widmet er sich mit Leidenschaft der Freilassung für einen alten Armeebekannten ein, der zu Unrecht im Gefängnis sitzt. Als schon alles geregelt zu sein scheint, kommt es zum Eklat: Art Gomez wird im Gefängnis ermordet. Und Hack macht das, was er sowieso am besten kann: Sich seinen Leidenschaften widmen. Whiskey trinken, Frauen lieben und seinen Standpunkt befestigen. Dies sind allerdings auch die besten Voraussetzungen, um alte Dämonen heraufzubeschwören.

Seine Zeit als Kriegsgefangener hat ihn sehr geprägt und traumatisiert. Damit wir auch wissen, was damals passiert ist, wird in vielen Rückblenden darüber berichtet. Hautnah erlebt man mit, wie die Gefangenen in Korea auf kleinstem Raum mit wenig Nahrung auskommen mussten. Was passiert, wenn man schweigt und sein Land und deren Landsmänner schützen möchte. Etwas, was man nicht selbst erleben möchte. Auf diesem Wege lernen wir jedoch Hack sehr gut kennen und verstehen seine inneren Stimmen.

Einen Nachteil hat dieser Band.

Er wurde vom deutschen Verlag erst nach seinen beiden Nachfolgern auf den Markt gebracht. Daher kennt man den Ausgang der Geschichte und wird hier nicht überrascht. Trotzdem unterhält er von der ersten, bis zur letzten Seite. Hack ist ein Mann der Leidenschaften, was man wieder deutlich merkt. Ein Mensch mit rauem Äußeren und dennoch sanften Gemüt, der gelegentlich zum Stier wird, es um Gerechtigkeit geht.

Mir gingen die Streitereien hier allerdings gelegentlich auf den Zeiger. Daheim wird nur genörgelt und gemeckert und nach draußen eine falsche Fassade aufrecht erhalten. Da habe ich die Abschnitte der Kriegszeit und Hack’s Ausflüge zu den Mexikanern wesentlich lieber gelesen. In den kommenden Bänden wird sich mehr auf die Gegenwart und einen deutlich gereiften Hackberry konzentriert, was mir persönlich lieber ist.

Prädikat: Absolute Pflichtlektüre, diese Geschichten um Hackberry Holland!


Genre: Crime / VÖ: August 2017 / Verlag: heyne hardcore / Seitenzahl: 384 / Serie: Band 1 von 3

weitere Kritiken:   Mamoulians Geschichten, …

erhältlich bei: hugendubel

3 Kommentare

  1. 22. Oktober 2017
    Antworten

    Feine Rezension zu einem noch feineren Autor! Ich kann Dir übrigens auch die Dave-Robicheaux-Reihe von James Lee Burke nur ans Herz legen. Gefällt mir persönlich noch mal ein bisschen besser als die Holland-Saga. Erster Band ist da übrigens “Neonregen”. Beste Grüße und noch nen schönen Sonntagabend, Stefan

    • kaisu
      23. Oktober 2017
      Antworten

      Hab ich schon hier liegen ;) Und sogar den zweiten Band. Da komm ich als Burke Fan wohl nicht drumherum :D

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