so finster so kalt

Vor einem großen Walde wohnte ein armer Holzhacker mit seiner Frau und seinen zwei Kindern; das Bübchen hieß Hänsel und das Mädchen Gretel.[…] “Weißt du was, Mann,” antwortete die Frau, “wir wollen morgen in aller Frühe die Kinder hinaus in den Wald führen, wo er am dicksten ist. Da machen wir ihnen ein Feuer an und geben jedem noch ein Stückchen Brot, dann gehen wir an unsere Arbeit und lassen sie allein. Sie finden den Weg nicht wieder nach Haus, und wir sind sie los.” [Gebrüder Grimm]

Wer kennt es nicht, das Märchen von Hänsel & Gretel, die im Wald das Knusperhaus fanden, gemästet wurden und gefressen werden sollten? Diana Menschig greift dieses Thema auf und hat daraus eine moderne Version gesponnen, die es in sich hat:

Im tiefsten Schwarzwald wohnt Großmutter Mago. In einem alten Haus, etwas abgelegen vom nächsten Dorf, hat sie dort ihre Ruhe und hat sich nicht zuletzt durch ihre Märchenstunden und das Lebkuchenbacken, den Namen einer Märchen-Omi verdient. Doch nun ist sie verstorben. Als ihre Enkelin Merle davon erfährt, reist sie kurz entschlossen von Hamburg in ihre alte Heimat zurück. Dort angekommen muss sie feststellen, dass ihre geliebte Omi sich in den letzten Jahren sehr eifrig mit der Herkunft und Ahnenforschung ihrer Familie befasst hat.

Mago war überzeugt davon, dass ihr Haus, das Knusperhäuschen ist und sie irgendwie mit einem Johannes aus dem 15.Jahrhundert verwandt ist. Merle schenkt den Dokumenten zunächst keine große Beachtung. Gilt es doch eher die Frage zu klären, was mit dem Haus geschieht. Plötzlich verschwinden jedoch mehrere Kinder aus dem Dorf und sie beginnt zu überlegen, ob vielleicht doch ein Fünkchen Wahrheit in der alten Geschichte steckt. Als sie dann auch noch übersinnliche Begegnungen hat, die in keiner Weise logisch erklärbar sind, ist sie davon überzeugt – ihre Omi Mago war auf dem richtigen Weg mit ihrer Ahnenforschung!

Wer dieses Buch zur Hand nimmt, sollte sich bewusst sein, dass man nicht alles auf die Goldwaage legen darf, was darin geschieht.

Es ist immerhin ein modernes Märchen. Im Prolog wird einem direkt klar gemacht, was dies bedeutet. Ein verbotener Garten ist nicht verboten, weil dort Unrat gelagert ist, sondern weil dunkle Mächte dort hausen, die nicht geweckt werden sollen. Die kindliche Neugier zieht trotzdem die Dorfkinder an und sie wagen den Schritt hinein in die verbotene Zone. Immerhin konnte die Großmutter sie nicht mehr rügen, die war schließlich tot. Wenn sie gewusst hätten, was sie damit in die Wege geleitet haben, wären sie wohl niemals dort hineingegangen. Ab diesem Tag häufen sich seltsame Erscheinungen im Wald, die Kinder magisch anziehen und verschwinden lassen.

Bis Merle dahinter kommt, ist es noch ein langer Weg. Derweil macht sie Bekanntschaft mit dem Germanisten Jakob Wulff. Er beschäftigt sich beruflich mit der Sagenforschung und ist entsprechend an dem Fall interessiert. Gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach der Wahrheit und stolpern dabei über falsche Überlieferungen und seltsame Parallelen zu Großmutters Haus. Dabei kommen sie sich schnell körperlich näher.

Das Buch ist übersichtlich aufgebaut. Gibt es zum einen die Erzählungen von den Kindern, die passend in kindlicher Sprache und mit Kinderaugen erzählt werden. Zum anderen die Hauptpassagen, in denen die Anwältin Merle zu Wort kommt und natürlich der zeitliche Sprung ins 15./16.Jahrhundert, wo Johannes sein Leben schildert. Diese Abschnitte sind nicht nur dank der Überschriften mit der Jahreszahl optisch unterscheidbar, sondern auch durch die hübschen Verzierungen am unteren Seitenrand. Das verleiht dem Ganzen noch einmal den besonderen Märchentouch.

Sprachlich gibt es nichts zu meckern. Man liest sich schnell ein.

Freundet sich mit der Hauptfigur Merle an, möchte sie trösten, wenn sie vor den wütenden Dorfbewohnern steht oder sich wegen ihrer Albträume ängstlich im Bett wälzt und ihr beiseite stehen, wenn sie nicht weiß, ob ihr Verstand ihr Streiche spielt. Bei Jakob ist man sich immer etwas unsicher, was der Mann möchte. Ist es Zufall, dass er die Nähe zu Merle sucht? Dass nach seinem Besuch im Dorf die ersten Kinder verschwinden? Die Autorin versteht es hier, die Gedankengänge des Lesers zu beeinflussen und lässt einen öfters grübelnd zurück, bevor man irgendwann alles durchschaut. Dabei baut sie immer wieder üble Szenen ein, die das Szenario noch gruseliger wirken lassen. Sie geht jedoch nie so weit ins Detail, dass es unpassend wäre.

Alles in allem hat mich das Buch zufrieden zurückgelassen. Schauriger hätte es auf keinen Fall sein müssen. Das hätte einfach nicht gepasst, egal, wie erschütternd die Ereignisse um die Kinder und Johannes sind. Einzig die Liebeleien und Zankereien störten mich etwas. Sei es zwischen Merle und Jakob oder Merle und ihrem Ex.
“So finster, so kalt” hat mir wieder einmal klar gemacht, dass ich Märchenadaptionen mag. Allerdings eben nur solche, die nicht ins Kitschige oder gar Schnulzige verlaufen. Mit so etwas kann man mich wirklich jagen.

Eine Adaption die ich noch gut in Erinnerung habe, ist “Ash” von Malinda Lo. Meine Kritik hierzu findet man auf lovelybooks >klick<. Die Thriller-Version von Hänsel & Gretel wird sich seit heute definitiv auch in meiner “guten Erinnerung” einreihen.


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 Genre: Crime/Fantasy/Märchen / VÖ: April 2014 / Verlag: Droemer Knaur / Serie: Einzelband


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