was tot ist

Patrick ist ein Junge wie jeder andere auch. Gerade mit der Schule fertig, muss er sich für einen Beruf entscheiden. Da er sich für Anatomie interessiert, belegt er entsprechend dort einen Kurs. Doch schnell fällt auf, dass er anders ist, sich anders ausdrückt und sein Hauptaugenmerk auf andere Details setzt, als seine Kommilitonen.

Während die einen ihn einfach für einen schrägen aber liebenswerten Vogel halten, gefällt anderen sein Verhalten überhaupt nicht und das bekommt Patrick deutlich zu spüren. Als Ausrede wird natürlich sein diagnostiziertes Asperger-Syndrom vorgeschoben. Doch was ist, wenn er einfach Dinge herausgefunden hat, die sonst alle übersehen haben? Wenn er Ungereimtheiten entdeckt hat, die so gar nicht zu den Unterlagen des Arztes passen? Eine Leiche, die nicht natürlich gestorben ist, sondern ermordet wurde?

Das Buch beginnt nicht mit Patrick, sondern mit den Worten: „Sterben ist nicht so leicht, wie es im Film immer aussieht“, welche ein Mann namens Sam – Samuel – ausspricht und damit den Leser direkt am Schlafittchen gepackt hat. Wer sich so vorstellt, dem scheint es nicht sonderlich gut zu gehen. Es klingt schon bald nach einem depressiven Menschen. Doch je mehr man von Sam erfährt, umso mehr geht sein Schicksal einem unter die Haut.

Er liegt im Krankenhaus, nach einem Autounfall, und muss mit dessen Folgen kämpfen. Dazu zählt auch sein komatöser Zustand, aus dem er alles mitbekommt, aber sein Gegenüber, sprich die Ärzte und Schwestern dies nicht wissen. Entsprechend ist er stummer Zeuge verschiedener Situationen, die einen das Blut in den Adern gefrieren lassen.

Danach lernt man eine junge Frau mit dem Namen Tracy kennen. Sie ist Krankenschwester auf der Intensivstation und eigentlich eher an den männlichen Besuchern interessiert, als an ihrer Hauptaufgabe: Komapatienten zu versorgen und pflegen. Sie ist in mehreren Momenten eine wichtige Schlüsselfigur. Dennoch bleiben bei Tracy am Ende des Buches ein paar Fragen offen. Ob dies Absicht ist, da sie eigentlich nur eine Nebenfigur ist, darf man selbst entscheiden.

Natürlich darf die Hauptfigur Patrick nicht fehlen. Um ihn dreht sich alles und über ihn wird jede Verbindung der Figuren untereinander sichtbar. Das schöne an Patrick ist, man schließt ihn sofort in sein Herz. Schließlich ist nicht er anders, sondern diese komische Welt versteht ihn schlichtweg nicht. Da er Probleme damit hat Gefühle zu entwickeln und zu zeigen, sorgt dies natürlich für den ein oder anderen seltsamen Moment. Was an Patricks trockenen Aussagen liegt, die jedoch vieles einfach nur sachlich auf den Punkt bringen.

„Niemand versteht hier Spaß. Muss an meiner Art liegen, Witze zu erzählen.“ [S.98]

Es ist letztendlich die Hartnäckigkeit des Jungen, die für die grausige Entdeckung sorgt. Er ist nicht an den toten Körpern an sich interessiert, er will wissen, wohin man nach dem Tod geht. Man kann ja nicht einfach weg sein. Irgendwo in diesen menschlichen Überresten muss es doch den Schlüssel zur Lösung geben und so stößt er auf Antworten, die nicht beantwortet werden sollten.

„Das was sich zwischen dem Hier und dem Dort ändert. Zwischen Leben und Tod. Ich kann das nicht fühlen, ich will es sehen. Ich will wissen, was es ist.“ [S.123]

Die Charaktere sind allesamt sehr gut ausgebaut. Sonst könnte man nicht so mitfiebern und mitfühlen, wie man es bereits nach den ersten Seiten automatisch macht. Sam und Patrick bekommen sogar die Ehre, aus der Ich-Perspektive berichten zu können. Das bindet einen als Leser noch intensiver an die Figuren. Allen anderen ist die auktoriale Erzählweise zugedacht, was zum Glück an der Verbundenheit nichts ändert.
Außerdem fällt auf, dass die einzige Person, die unter Patricks Krankheitsbild leidet, seine eigene Mutter ist. Das äußert sich nicht nur in ihrem Verhalten, sondern auch in dem Alkohol, den sie zunehmend konsumiert. Eine Frau, die man nicht bemitleiden kann.

Das Ende ist letztlich schlüssig und aufwühlend zugleich. In der Mitte des Buches – es ist in vier Teile unterteilt – bekommt man zusätzlich noch eine bittere Wahrheit auf den Tisch geknallt, die einen bis zum Schluss im Magen rumort. Man ahnte es zwar die ganze Zeit, doch wahr haben wollte man es nie, bis die Autorin Belinda Bauer beschließt diesem Gehadere ein Ende zubereiten und es laut ausspricht.
Wie man es sich schon denken kann, lässt sich das Buch wunderbar flüssig lesen und am Schreibstil gibt es ebenfalls nicht zu meckern.

Lediglich der Erzählstrang um Tracy lässt einen mit ein zwei Fragezeichen zurück und man erwartet eine Fortsetzung. Doch nach einigen Recherchen konnte ich nichts dergleichen finden. Sollte sich dies ändern, revidiere ich meine Punktzahl entsprechend.
So gibt es abschließend lobende 9 von 10 Punkten, für diesen Thriller, der etwas anderen ruhigen Art.


Genre: Psychothriller / VÖ: Juli 2014 / Verlag: Manhattan / Serie: Psychothriller