“Wenn Sie meine Geschichte tatsächlich hören wollen […], so müssen Sie sich zunächst mit dem Gedanken vertraut machen, daß Sie keine angenehme Geschichte hören werden.”(S.11)

Leitet eine Katze – pardon – ein Kater ein Buch mit diesen Worten ein, fallen einem direkt mehrere Dinge auf, die ungewöhnlich sind. Zunächst einmal der gravierendste Fakt, dass ein Kater für gewöhnlich kein Buch verfasst oder gar mit den Menschen so redet. Zum anderen, was soll einem Hauskater schon unangenehmes passieren, was er uns – dem Leser – so zwingend berichten muss und uns daher vorwarnt? Wenn ihm einer etwas angetan hätte, wäre er sicher nicht dem Umweg des Buches gegangen, sondern hätte seinen Dosenöffner direkt kontaktiert. Aber die Worte von diesem Kater sind durchaus richtig gewählt, denn was einen auf den kommenden Seiten erwartet, ist wahrlich nichts für sanfte Gemüter.

Man ist direkt mittendrin im Geschehen.

Der Kater Francis zieht mit seinem Dosenöffner Gustav in ein neues Haus. Das heißt natürlich auch, es gibt eine neue Nachbarschaft. Fremdlinge müssen vom Grundstück verscheucht und das eigene Revier deutlich mit Geruchsnoten markiert werden. Auf einem seiner ersten Rundgänge entdeckt Francis direkt eine Leiche. Es sieht nach einem unfairen leidvollen Kampf aus. Der Nacken des Artgenossen ist verfetzt und dies ist eindeutig die Todesursache, was also auf einen Hinterhalt hindeutet, denn welche Katze, merkt nicht, dass sich ihr jemand nähert? Doch der kleine Katzendetektiv kommt ins Grübeln. Es gibt Hinweise, dass es kein listiger Anschlag war und man seinen Mörder gekannt hat. Somit beginnt das Katzenhirn zu arbeiten und der Spürsinn von Samtpfote Francis ist zu 100% geweckt.

Während der Kater seinen Ermittlungen nachgeht und alles aus der Ich-Perspektive berichtet, fällt dem Leser die derbe Sprache auf, die benutzt wird. Sie ist sehr direkt und grob. Aber sie passt perfekt zu dem kleinen Klugscheißer. Dieser ist nämlich nicht nur rotzfrech, sondern findest auch selten blumige Wort um sein Umfeld zu beschreiben. Anfangs ist das etwas irritierend, schließlich rechnet man nicht mit so einer Wortwahl. Doch je mehr man sich in die Story einliest, umso mehr fällt einem die charakterliche Stimmigkeit auf. Francis strotzt nur so vor Selbstbewusstsein und Arroganz, dass man sogar dazu geneigt ist, ihn zu verachten.
Aber wer kann einer Samtpfote schon böse sein, die ihrem menschlichen Gefährten treu bleibt, ihm menschliche Gesellschaft wünscht und sich jeden Abend in sein Bett kuschelt?

Die zweite Figur, die man in sein Herz schließen darf, ist der treue Nachbar Blaubart. Ein vom Schicksal gebeutelter Kater, der deutliche Blessuren und Narben davon getragen hat. Zunächst macht er einen trägen Eindruck, je mehr man jedoch von ihm erfährt umso facettenreicher wird er. Er hat dabei sogar die Chance, dem Detektiv Francis den Rang abzulaufen. Seine Kommentare in dem Geschehen wirken immer etwas plump und zeigen auch deutlich die simplen Gedankengänge auf, die in ihm dominieren. Dennoch sind diese Worte nie abstrus, sondern schlicht simpel formuliert. Kann ja nicht jeder so ein Katzen-Genie wie Francis sein und somit hat Mr Klugscheißer in Blaubart den perfekten Gegenpart gefunden.

Der Handlungsverlauf entwickelt zunächst langsamer als erwartet. So entdeckt der Kater immer mehr tote Kameraden ohne der Spur des Mörders näher zukommen. Stattdessen beobachtet er seltsame Sektenversammlungen und findet alte Tagebücher eines Forschers, der grausame Experimente an diversen Felidae vorgenommen hat. Natürlich erfährt der Leser, was in ihnen steht und bekommt so Einblicke in Tierversuche, die einem innerlich aufstöhnen lassen.

Es wäre jedoch an dieser Stelle geschickter vom Autor gewesen, eben jene Tagebucheinträge nicht mit einem Schlag zu präsentieren, sondern Stück für Stück. Man erfährt zu viel und die Spannung wird etwas gedämpft, durch das gewonnene Wissen. Sofort beginnen nämlich bei einem selbst die Rädchen die arbeiten und man erkennt erste Zusammenhänge. Witzigerweise verdrängt man diese und lauscht lieber den Folgerungen von Francis. Der andere Gedankengänge verfolgt und letztlich schlägt man sich innerlich an den Kopf, weil man es eigentlich schon die ganze Zeit gewusst hat. Es ist also hier ein geschickter Schachzug vom Verfasser, einen immer wieder neue Dinge zu präsentieren und das aus Katzenaugensicht.

Neben den beiden Katern Francis und Blaubart, lernt man natürlich noch viel mehr Katzen kennen. Auch die menschlichen Dosenöffner kommen nicht zu kurz. Dadurch wird aus einem einfach wirkenden Mord, rasch eine komplexe Mordserie, die zügig gelöst werden sollte, wenn nicht noch mehr Mietzekatzen ihr Leben lassen sollen.
Es ist also immer ein guter Spannungsbogen vorhanden, der einen dazu drängt, das Buch endlich zu beenden und den Mörder aufzudecken. Gespickt wird das Ganze durch eben jene Tagebucheinträge des Wissenschaftlers und seltsame Albträume von Francis, die stetig neue Hinweise liefern.

Alles in allem lohnt es sich also auch mal ein Buch aus dem Jahre 1989 wieder in die Hände zu nehmen und sich darin zu vertiefen. “Felidae” ist der Auftakt zu einer Krimireihe, die bisher acht Bände umfasst. Ob noch weiter Bände erscheinen ist fraglich, schließlich fiel der Autor Akif Pirincci in letzter Zeit eher durch negative politische Äußerungen auf. Wer sich nun sagt: Ich möchte so einen Autor nicht unterstützen, in dem ich seine Katzenkrimi kaufe, dem sei gesagt, dass es schließlich noch einen großen Gebrauchtwaren-Markt gibt, wo man gute Exemplare erstehen kann.

Wem also eine bissige Mundart nichts ausmacht und wer gerne mal in einen deutschen Katzenkrimi der besonderen Art hineinschnuppern möchte, darf hier beherzt zugreifen. Wer lieber die bildliche Version mag, der kann auch zu dem animierten Film greifen, welcher 1994 auf den Markt kam. Allen anderen kann man noch die Autorin Rita Mae Brown empfehlen. Sie schreibt ebenfalls Krimi über und mit Katzen. Ihre Hauptfigur ist weiblich und heißt Mrs.Murphy. Doch mehr dazu in der nächsten Kritik.


Genre: Krimi / VÖ: 1989 / Verlag: Goldmann / Serie: Serienauftakt

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