Die letzten Wochen habe ich meinen monatlichen Lesetipp etwas schleifen lassen. Vergessen habe ich ihn natürlich nicht, von daher kommt kurz vor Jahresende noch die Empfehlung des Dezembers, die mir sehr am Herzen liegt und die ich schon einigen in meinem direkten Umfeld empfohlen habe:

duft nach weiß, stefanie gregg, lesetipp

»Am Abend der Ankunft des ersten Briefes fiel ich sofort in einen tiefen Schlaf. Ich träumte von tanzenden, bunten Häusern, die um mich herum einen Reigen, den Ratschenitza, zu lauter, wilder Musik vorführten. Vor jedem Haus war ein grasgrüner Rasen, den die Häuser wie einen Rock vor sich her schwangen … Deutschland.

Hatte ich von diesem Land schon vorher gehört? Ich weiß es nicht mehr. Deutschland. Das wurde das Wort, das mir in den folgenden Jahren alles verheißen sollte, was ich nicht hatte. Deutschland, weiß wie das Papier.«

 

Warum dieses Buch?

Ich habe es bei einigen Lesern in meinem Umfeld gesehen und alle waren begeistert davon. Irgendwann bin ich so neugierig geworden, dass ich es mir auch holen musste. Ich wollte wissen, was an diesem kleinen Büchlein über eine junge Frau und einen Mann so besonders ist.

Beide kommen aus dem gleichen Land, haben jedoch die Zeit der DDR, des KGB, des Sozialismus‘ kurz vor der Wende komplett unterschiedlich erlebt. Was nicht nur an ihrem Alter, sondern auch dem Umfeld liegt. Dennoch haben die beiden mehr gemeinsam, als man auf den ersten Blick meinen mag.

Genau dort lag für mich der entscheidende Punkt. Denkt man im ersten Moment es ist „nur“ die Lebensgeschichte einer jungen Frau namens Anelija, die mit der Farbe weiß etwas ganz besonderes verbindet und der holprige Pfad des Widerstandes von Georgi, merkt man auf dem zweiten Blick, dass die Geschichte viel tiefer geht.

Ich hatte wirklich das Gefühl mich in der damaligen Zeit zu befinden. So glaubhaft und realistisch gibt Stefanie Gregg die Handlung wieder. Die Stimmung ist zeitweise sehr drückend und schwer. Dann kommt so ein Moment von und mit Anelija und ihrer Baba, wo man sie Sorgen fast vergisst und von der Farbe Weiß träumt.

Zitate:

„Weißt du, Anelija, Einhörner sind scheue Wesen, die Geheimnisse hüten wie kein anderes Wesen. Die größten und wichtigsten Geheimnisse  der Erde tragen sie in sich.“ [S.65]

„In meinen Augen war es immer noch das Land, in dem man nicht einmal durch ein Augenzwinkern seine Gedanken offenbaren durfte. Nur stille Schreie, keine lauten.“ [S.262]


Genre: Roman / VÖ: Juli 2016 / Verlag: Pendragon / Serie: Einzelband / Region: Bulgarien + Deutschland