Das Mädchen lässt den Stock fallen und fängt an zu weinen.
Der Vater nimmt seine Tochter in den Arm und drückt sie an seine Brust.
„Es ist so groß“, flüstert sie.
„Du kannst das, Marie.“
Sie kann es nicht. [S.47]

Im zarten Alter von 6 Jahren verliert das Mädchen Marie-Laure ihr Augenlicht. Sie lebt zusammen mir ihrem Vater in Paris, welcher im historischen Museum dort arbeitet und muss nun alles neu erlernen. Ihr Vater ist dabei sehr einfühlsam und geduldig, egal wie oft Marie am verzweifeln ist. Sie muss es lernen. Um ihr es noch einfacher zu machen, schnitzt er ihr in langwieriger Piddelarbeit eine kleine Stadt. Jeden Tag geht er raus und nimmt Maß, schaut wo die Gullideckel liegen, besondere Rillen oder Häuser, alles soll so detailgetreu wie möglich sein. Außerdem schenkt er seiner Tochter eine Ausgabe von den Jules Vernes Romanen in Blindenschrift. Marie-Laure ist nun nicht mehr aufzuhalten und ihr Eifer immer mehr zu lernen nicht mehr zu bremsen. Doch dann bricht der Krieg aus und die kleine Familie muss flüchten.

Parallel dazu wächst der Junge Werner im Ruhrgebiet heran. Zusammen mit seiner Schwester Jutta lebt er in einem Waisenhaus. Zu teilen und sich zu benehmen muss er hier rasch lernen. Schon bald fällt der Heimleiterin auf, wie begabt der kleine Junge ist. Doch so schmächtig wie er ist, geht er in der breiten Masse unter und muss sich mit seiner Intelligenz beweisen. An Hand von alten Radiogeräten macht er das auch. Emsig studiert es jedes Teil, verschlingt Bücher der Mathematik und baut Verbindungen zur Physik und Mechanik auf. Schon bald macht er sich einen Namen damit, dass er jedes kaputte Radio wieder zum laufen bringen kann. Eine lukrative Einnahmequelle für Werner. Zwar wird er nicht mit Geld bezahlt, aber Kuchen ist etwas, was er sehr schätzt in seiner Armut. Doch auch hier zieht der Krieg nicht vorbei und Werner wird einberufen.

Ist es richtig“, sagt Jutta, „etwas zu tun, nur weil alle anderen es auch tun? [S.138]

Welch tiefe Bedeutung dieser Satz bekommen kann, vor allem in den Wirren des zweiten Weltkrieges brauche hier nicht bis ins kleinste Detail zu erörtern. Jeder hat die Grausamkeiten jener Zeit bereits im Geschichtsunterricht gesehen und kennt Fakten, die die deutsche Geschichte sehr beflecken und nicht mehr rückgängig zu machen sind. Dem jungen Werner ist dieser Satz seiner Schwester zunächst nicht so bewusst. Als er jedoch mit ansehen muss, wie ein Freund von ihm gequält wird und dieser immer hartnäckig seine Würde dabei  behält, besinnt er sich und fängt an zu überlegen. Erst jetzt erkennt er, was sie damit ausdrücken wollte und es fällt ihm wie Schuppen vor die Augen. Aber kann er jetzt noch retten, was sich schon so lange auf dünnem Eis befand? Jahre später?

Was man bei Werner an Dunkelheit und Zurückhaltung erlebt, steht im klaren Kontrast zu der leuchtenden hellen Welt von Marie-Laure. Sie sieht die Farben schimmern, sie lebt ihr Leben auf ihre ganz eigene Art und Weise. Trotz ihrer Blindheit strahlt sie Helligkeit aus. Was auch im Zusammenhang mit der kleinen Geschichte rund um einen mysteriösen Stein steht, welcher das Meer der Flammen ist. Sie wabert immer im Hintergrund umher und wird gegen Ende auch so weit aufgeklärt.
Das französische Mädchen, welches den Krieg zwar nicht sehen, aber dafür hören und schmecken kann, erlebt in Saint-Malo den Widerstand der Franzosen. Niemand will klein beigeben, schon gar nicht gegenüber den Deutschen. Hier wird gekämpft und wenn es nur mit kleinen Gesten, wie zum Beispiel der Nachrichtenübermittlung über das Radio ist.

Öffnet eure Augen, endet der Mann, und seht, was ihr sehen könnt, bevor sie sich für immer schließen […] [S.60]

Hier wird nun wieder der Bogen nach Deutschland zu Werner geschlagen. Er ist der Radiofreak und repariert ebensolche Geräte, was ihm an der Wehrmacht eine besondere Position verleiht. Etienne – der Onkel von Marie – benutzt wiederum diese Errungenschaft der Technik um gegen die Ermordung Tausender Menschen zu kämpfen. Diese Verbindung fällt einem recht früh auf und so wartet man eigentlich nur auf den Moment, dass die beiden sich einmal begegnen. Ob dies jemals geschieht, darf jeder selbst herausfinden.
Dass der Weg dorthin auf jeden Fall sehr steinig und gefährlich wäre, kann man sich denken, wenn man an den Zeitrahmen von 1941 bis 1944 denkt, in der der Hauptteil der Handlung spielt.

Das Buch ist in mehrere Teile unterteilt. Es beginnt mit der ersten Bombadierung und geht weiter mit der Vorkriegszeit. Besonders der erste Part ist mir mit seinen kurzen Kapiteln sehr positiv aufgefallen. Es hat mich an „Die fabelhafte Welt der Amelie“ erinnert. Als ob der Erzähler aus dem Off, die Szenarien der damaligen Zeit beschreiben würde.
Hinzukommt die bildhafte, poetische Sprache und die Personifizierungen sowie zahlreichen Methapern in der Wortwahl des Autors. Ein Deutschlehrer hätte hier seine Freude daran. Allerdings sind es genau diese Stilmittel, die die Handlung braucht, um den emotionalen Charakter zu bekommen, den sie hat. So lernt man nicht einen einsamen Vater und seine blinde Tochter kennen, sondern eine tiefe Liebe zwischen zwei Menschen, die sich sehr nahe stehen. Dies gilt auch für Werner und starke Verbundenheit zu seiner Schwester und der Mathematik. Für ihn sind das nicht nur Zahlen auf blankem Papier, es sind Formeln, die seinen Denkapparat aufs feinste berühren und anstacheln.

[…] und in einem Augenblick der Desorientierung hat er das Gefühl, nicht nach oben, sondern nach unten zu sehen, als richtete sich sein Blick auf einen Streifen blutrotes Wasser und der Himmel wäre das Meer, die Flugzeuge hungrige Fische, die in der Finsternis ihre Beute hetzen. [S.100]

Alles in allem hat mir das Buch sehr gut gefallen. Es ist wie eine zarte Pflanze, die sich gegen die Unruhen des Krieges stemmt. Ab und an verliert sie ein paar Blätter, bekommt Knicke, muss dursten und Sonne leiden, doch sie bleibt wacker und geht nie ein!
Leider geht mir die Geschichte am Ende zu weit. Bis in die Gegenwart hätte man die Handlung nicht ziehen müssen. Bis in die 70er hätte es vollkommen ausgereicht. Zum einen mag ich es nicht, wenn dem Leser alles abgenommen wird und zum anderen haben diese Szenen nicht mehr die Tiefe für mich gehabt, wie die Seiten davor. Viele Leser der Leserunde auf lovelybooks fanden das toll, nur wenige hatten es „angekreidet“. Ich halte es aber für nennenswert, da ich durchaus denke, dass da einige drüber stolpern werden.
Dann lieber ein zweites Buch, mit der gleichen traumhaften Sprache.

Nichtsdestotrotz bleibt „Alles Licht, das wir nicht sehen“ eine klare Empfehlung. Es berührte mich nicht so stark, wie „28 Tage lang“, doch ich würde es auf jeden Fall in diese Schublade stecken wollen. Wer beide Bücher noch nicht kennt: Unbedingt lesen!

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Genre: (Schicksals)Roman, (Nach)Kriegsgeschichte / VÖ: März 2015 / Verlag: C.H.Beck / Serie: Einzelband / Region: Deutschland (Berlin, Essen), Frankreich (Paris, Saint-Malo)