Eine idyllische Landschaft. Eine eng verwobene Gemeinschaft, die an einem Strang zieht. Die zusammenhält, egal welche Katastrophe die kleine Insel heimsucht. Wo man sich auf der Straße grüßt und die Namen all seiner Nachbarn kennt. Das klingt doch nach einer wunderbar harmonischen Gegend.

Wie so oft trügt der Schein und es bedarf nur eines winzigen Funken, dass der innere Groll nach außen umschlägt und die bösen Seiten sichtbar werden. Meist hat man sich bis zu diesem Zeitpunkt schon stillschweigend auf einen Schuldigen geeinigt. Eine Person, die nun mit Hasstiraden kämpfen muss und keine ruhige Minute mehr hat, bis das wahre Übel gefunden ist. In diesem Fall ist es Catrin, die leiden muss. Dabei gibt sie unfreiwillig auch noch das perfekte Opfer ab. Ihre beiden kleinen Söhne starben bei einem tragischen Unfall, dessen Verursacher ihre ehemals beste Freundin Rachel ist. Und nun sind weitere Jungs verschwunden. Inzwischen kann man nicht mehr von einem Unglück an der fiesen Klippe reden. Also muss Catrin als Boxsack herhalten. Wer weiß, vielleicht übt sie nun stillschweigend Rache, will andere spüren lassen, was sie durchgemacht hat. Aber sind diese Gedanken wirklich berechtigt? Immerhin wurde noch keiner der Jungen gefunden. Weder Tod noch lebendig.

Wie man sich sicher gut vorstellen kann, kann so eine kleine Gemeinde ihre Vor- und Nachteile haben. Denn neben dem engen Zusammenhalt, bildet sich ebenso schnell eine Hassgedankenwelt, die rasch von einem Kopf zum nächsten überspringt. Wie eine fiese ansteckende Infektion. Leider verhält sich Catrin in der Gegenwart ihrer Nachbarn auch nicht unbedingt entgegenkommend. So passieren diverse Dinge des Alltags, wie das stranden hunderter Wale, was allein schon eine Katastrophe ist und sie dann noch zu Methoden greifen muss um die Tiere von ihrem Leiden zu erlösen, die in dieser Situation überhaupt nicht gut sind. Innerhalb kürzester Zeit beginnt eine regelrechte Jagd auf sie.

Doch nicht nur sie hat ein Geheimnis in ihrem Inneren, was ihr resigniertes Verhalten erklärt.

Ihr guter Freund, der Schotte Callum hat auch mit den Schatten seiner Vergangenheit zu kämpfen, die er aus gutem Grund für sich behält. Und dann wäre da noch Rachel. Catrins ehemals beste Freundin, was sich nach ihrer Beteiligung an der Tod der zwei Söhne, natürlich schlagartig geändert hat. Man geht sich aus dem Weg und ignoriert einander. Aber auch Rachel hat ein ungelüftetes Geheimnis, was sie bisher keinem gesagt hat.

Viel mehr darf ich an dieser Stelle überhaupt nicht ins Detail gehen, um nicht gedankliche Anreize zu liefern. Damit es besonders spannend wird, hat Sharon Bolton die Methode der drei Ansichten gewählt. In drei großen Abschnitten kommen alle drei oben genannten Charaktere zu Wort und jeder erzählt seine Variante der Ereignisse. Natürlich wird nicht immer bei Tag x neu gestartet. Die Übergänge sind fast fließend.

Man lernt so jeden genauer kennen, erfährt was sie antreibt und selbstverständlich, was sie in sich verborgen halten. Während die eine Figur sehr offen damit umgeht, traut sich die andere wiederum nicht so recht damit herauszurücken. Nicht einmal vor sich selbst. Als ob sie es selbst nicht glauben kann. Diese inneren Kämpfe sind sehr interessant zu lesen und treiben vor allem die Neugierde in die Höhe, wie das denn nun jetzt alles mit den vermissten Jungs zusammenhängt.

Je mehr sich alles in einer Katastrophe zuspitzt, wo selbst die einheimische kleine Polizeistation komplett überfordert ist, bleibt doch immer noch die Stimme der Hoffnung im Raum:

Es kann kein Serienkiller sein.

Hier kennt jeder jeden. So etwas würde auffallen. Was genau passiert ist mit den Kindern und ob der oder die Schuldige ergriffen wird, gipfelt alles in einem Finale, dass einen perplex zurücklässt.

Es ist eben genau jenes Finale, dass dem Buch noch einmal das i-Tüpfelchen gegeben hat und mich staunend zurückgelassen hat. Natürlich pickt man sich irgendwann als Leser einen Schuldigen heraus, revidiert diese Entscheidung vielleicht ein paar Mal, aber man reimt sich so seine Gründe zusammen. Aber was, wenn der Autor dann plötzlich mit etwas ankommt, was so nicht zu erwarten war? Dann hat er sichtlich sein Ziel erreicht.

Ich fühlte mich sehr gut unterhalten. Es war wieder mal schön ein Buch von Sharon Bolton zu lesen, auch wenn es hierbei nicht um ihre Figur Lacey Flint ging. Ich kann dieses Buch nur jedem empfehlen, der die Autorin noch nicht kennt und sich einen Überblick verschaffen will, wie sie so schreibt und sie hoffentlich ebenso, wie ich lieben lernt!

böse lügen sketch


Genre: Thriller / VÖ: Oktober 2015 / Verlag: Manhattan / Serie: Einzelband / Region: Falklandinseln