der tod so kalt, cover, luca d'andrea

„So ist es immer im Eis. Zuerst hört man die Stimme der Bestie, dann stirbt man.“ (S.7)

Warst du schon einmal in den Bergen? Wirklich IN den Bergen? Hast die felsige kalte Umarmung gespürt, die leichte Bedrückung, wenn man sich bewusst wird, was für Massen über einem aufragen? Warst zeitlich überwältigt von der versteckten Schönheit Untertage? Dann das Eis. Tonnenweise weißes kaltes Eis. Was knackt und knistert und dir klar macht, dass du nicht das einzige Lebewesen im Berg bist?

Dann wirst du die Euphorie, die die Bewohner eines kleinen Örtchens namens Siebenhoch im Südtirol, absolut verstehen. Ihnen ist ihr Ort heilig. Was in Siebenhoch passiert, bleibt auch dort. Man ist eine eingeschworene Gemeinschaft. Und so sieht man es gar nicht gerne, wenn ein Mann mit seiner Familie dorthin zieht und beginnt Fragen zu stellen. Fragen über jene Nacht, die drei Familien deren Kinder grausam beraubte.

„Was ist am 28. April passiert, Werner?“ (S.75)

Jeremiah – von allen Salinger gerufen – ist Drehbuchautor und wegen seiner Frau zuliebe, die gebürtig aus Siebenhoch kommt, in die Berge gezogen. Natürlich ist er nur neugierig. Für eine Reportage würde er doch niemals so intensiv bohren und die Ruhe des Dorfes stören. Oder gar alte, begrabene Erinnerungen ins Licht zerren, damit die Beteiligten das Leid erneut erfahren müssen. Auf gar keinen Fall! Darauf ein Amen.

Man kann es sich schon denken: Salinger ist penetrant und gibt nicht auf. Er will wissen was damals in der Schlucht passiert ist. Warum drei Menschen so bestialisch ums Leben kamen. Wer für ihren Tod verantwortlich ist und was es mit dieser Bestie auf sich hat, die in den Bergen haust. Vor allem nachdem er sie am eigenen Leib zu spüren bekommen hat. Er hat ihren kalten Atem in Nacken gefühlt und ist dem Tod nur knapp entkommen.

„Tu, was du tun musst, Salinger. Aber komm zu mir zurück. Zu uns.“ (S.202)

Dabei vertieft er sich so sehr in seiner Recherche, dass er alles um sich herum vergisst und so beginnt seine Ehe zu bröckeln. Man spürt, wie er darunter leidet und zeitgleich nagt das fehlende Wissen an ihm. Eine Zwickmühle. Doch irgendwann hat man selbst als Leser kein Mitleid mehr. Anfangs ist man selbst gespannt auf die Auflösung. Bekommt Bröckchen hingeschmissen und folgt der Krümelspur. Lange. Sehr Lange. Und wenn der Kuchen kann am Ende kommt, mag man ihn gar nicht mehr haben.

Denn das ist das allergößte Manko an dem Buch: Man wird zu lange an der langen Leine gehalten. Selbst wenn DAS Gespräch kommt, mit DER entscheidenden Person, kommt keiner zum Punkt. Da geht eine Menge Leselust flöten. So groß ist das Dorf schließlich nicht. Mal ganz angesehen davon, ahnt man worauf alles hinauslaufen wird. Auch wenn man einen Namen zunächst nicht fassen kann. Indizien gibt es zahlreich und so überrascht einen das Ende auch nicht, was dann noch nicht mal zu Ende ist und noch weiter geht. Quasi ein Ende nach dem Ende. EinTüpfelchen zuviel auf dem i.

Letztlich war ich enttäuscht von dem Buch. Ich mochte den Schreibstil und die Leidenschaft für die Berge. Es ist eine Art Tagebuch und auch wieder nicht. Eine Art Niederschrift mit Dialogen passt eher. Doch wegen der oben genannten Manko, wird man nicht dauerhaft in den Bann gezogen und hofft wehmütig auf weniger Gejammer und mehr Fakten.

der tod so kalt, klappentext, luca d'andrea


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VÖ: März 2017 / Genre: Crime / Verlag: DVA / Serie: Einzelband