“Auf Nimmerwiedersehen, ihr lahmen Enten. Komm schon, Sunny! Gib Gas! Wir schütteln sie ab. Ich brauch dich jetzt. Bring uns … bis ans Ende der Welt.”

Mit Kinderheimen verbindet man meist nichts Gutes. Abschottung, Abschiebung, vergessene und verlorene Seelen. Oder gar derbe Erziehungsmaßnahmen, die sich wie ein Schatten auf das Gemüt der Kinder und Jugendlichen legt. Taiyo Matsumoto wollte genau das nicht. Er wollte einen anderen Blick auf die Kinderheime darstellen. Mit dem Fokus auf die Kinder. Mit Fürsorge. Einer Insel der Zuflucht und der steten Hoffnung auf eine neue Familie.

Star Kids” ist ein Kinderheim ist die Heimat für eine handvoll Pflegekinder, die aus den unterschiedlichsten Gründen (Wie holen dich in ein paar Wochen wieder ab.) dort gelandet ist. In den Frischlingen steckt noch der Keim der Hoffnung (Sie holen mich bald wieder ab!) und in den “Alteingessenen” dagegen, ist diese zarte Pflanze bereits der Realität gewichen (Nein, werden sie nicht.)

Im Mittelpunkt – oder besser gesagt – als Zufluchtsort vor der Realität, dient den Kindern ein alter Nissan Sunny. Hier fährt man nach Hause, hängt seinen Gedanken nach oder macht heimliche Geständnisse. Diese Momente waren mir in dem Auftakt “Sunny” die liebsten. Denn hier zerbricht die harte Schale, die sie sich zum Schutz aufgebaut haben. Hier zeigen sie offen ihre Gedanken und Emotionen. Gleichzeitig kommt das Leben “drumherum”, der aktuelle Alltag nicht zu kurz. Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Heims geben sich jede erdenkliche Mühe, um es den jungen Unruhegeistern so angenehm, wie nur möglich zu machen. Das fängt bei den Bento-Boxen für die Schule an und geht weiter, mit netten Worten zur Begrüßung, bei der Rückkehr.

So emotional mich der Manga in der zweiten Hälfte gepackt hat, umso schwerer war für mich der Weg dorthin. Alles ist laut, turbulent, unruhig und verknotet. Es dauerte eine Weile, bis ich die Charaktere ohne zurückblättern auseinander halten konnte und mich auf deren kindliches Level herablassen konnte. Zudem ist der Zeichenstil etwas eigen. Keine klaren Linien, eher Schraffuren. Dicke Striche, zarte und zugleich markante Gesichtszüge. Emotional geht es auf jeden Fall auch künstlerisch daher.

Der Manga “Sunny” hat sich trotz Anlaufschwierigkeiten in mein Herz geschlichen. Irgenwann hat sich diese Unruhe, die zu Beginn herrscht, gelegt und man lernt die einzelnen Kinder näher kennen und lieben. Die einen sind etwas aufmüpfiger als anderer, aber keines will man nicht in guten Händen sehen. Dazu die Liebe der Mitarbeiterinnen beim Essen oder die Fürsorge der Männer. Ja, dem Mangaka Taiyo Matsumoto ist es gelungen, ein positiveres Licht auf zumindest ein (fiktives) Kinderheim zu werfen.

Sunny ist ein Manga, der sich etwas langsam in das Leserherz einschleicht und, kaum dort angekommen, mit all seinen Emotionen zuschlägt.

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223 Seiten
September 2020 veröffentlicht bei Carlsen Verlag*
Band 1 von 6
schwarz/weiß
von Taiyo Matsumoto

weitere Kritiken bei:

Lost in Manga*
JapanTimes (engl.)*

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