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“Der Kirche in Rom wurde eine Nachricht überbracht. Sie besagte, dass Pater Cristóvao Ferreira, den die portugiesische Jesuiten nach Japan gesandt hatten, in Nagasaki der Grubenfolter unterzogen worden sei und dem Glauben abgeschworen habe.” (Buchbeginn)

Wir schreiben das Jahr 1638. Zwei portugiesische Patres begeben sich auf eine schwierige Reise über See, um nach Japan zu gelangen. Man will den Gerüchten auf den Grund gehen, nach denen ihr Lehrer Padre Ferreira den Kopf eingezogen und die Missionarsarbeit im fernen Osten unterbrochen hat. Allein die Vorstellung, dass ihr großes Vorbild, sich hat in die Knie zwingen lassen, lässt sie erschaudern und da es damals noch kein Internet oder gar Telefone gab, muss man eben einmal um die halbe Welt reisen.

Gebeutelt durch die schwierige Reise, erwacht neuer Mut in ihren Augen, als sie endlich Land erreichen und auf die ersten Japaner treffen, die bereits dem Christentum folgen. Herzlich werden sie begrüßt und aufgenommen. Und in diesem Land soll es Probleme geben? Es scheint, als ob die beiden alles ausblenden, aber ein erstes Treffen mit den Beamten und Samurai vor Ort, öffnet ihnen schlagartig die Augen. Ab sofort sind die unsichtbar. Kauern in fremden Hütten und unter Bodendielen. Aber der Glaube und Lebensmut ist stark.

“Als wir die vom Regen durchtränkte Tür einen Spalt aufstießen, strömte uns wie eine hervorsprudelnde Quelle der Gesang der Vögel aus dem Dickicht entgegen. Noch nie hatte ich so intensiv gefühlt, was für ein Glück es ist, zu leben.” (S.57)

Lange Zeit sind die beiden selbst unterwegs, um die römisch-katholische Bewegung zu stützen und voran zu treiben. Doch der Cut kommt. Er kündet sich an und kommt dennoch schlagartig daher. Gleichzeit ändert sich auch der Stil des Buches. Anstatt den Worten von Pater Rodrigues weiter zu lauschen, der bisher alles in Briefen niedergeschrieben hat und somit ein wenig ein Tagebuch-Flair herbeigerufen hat, wechseln wir nun zum neutralen Beobachter. Das Lesegefühl wird dunkler und kälter. Man erlebt nun die dunkle Seite der Christenverfolgung in Japan.

Christentum, Gott, Glauben und das soll interessant sein? Erstaunlicherweise ist es das. Ich selbst bin konfessionslos. Nicht immer konnte ich den Gedanken des Padre Rodrigues ohne Stirnrunzeln folgen. Man merkt zeitweise, wie extrem festgefahren er ist und wir engstirnig er seinen Glauben sieht. Genau das ist auch der Knackpunkt des Buches. Es geht um Entwicklung und Selbsterkennung. Dass ein Gott eben nicht immer Zeichen gibt, sondern auch schweigt und man selbst seinen Pfad beschreiten muss.

“Warum quält uns Gott so sehr?”, hatte er, die Augen vorwurfsvoll auf mich gerichtet, gesagt , und dann: “Padre, wir haben doch nichts Böses getan.” (S.83)

All das beruht auf wahren Begebenheiten. Zumindest der Background, also die Verfolgung der Christen mitsamt seinen fiesen Ausradierungsvarianten. 1614 trat eine Verordnung in Kraft, die das Christentum in Japan verbot. Wer diesem neuen Glauben aus Europa nicht abschwor, musste mit harten Strafen rechnen. Anfangs waren es nur Verbrennungen, später kam die Grubenfolter hinzu. Hierzu ein kleiner Auszug:

Der Körper des Opfers wurde bis hoch zur Brust eng mit Seilen gefesselt […], dann wurde er von einem Galgen mit dem Kopf nach unten in eine Grube gehängt. […] Um Blutstau zu verhindern, wurde das Opfer am Kopf leicht eingeschnitten.(S.300, Nachwort)

Allein diese Tatsachen, lassen an unsere Hexenverbrennung erinnern, die im 15.Jahrhundert zu der Zeit noch im vollen Gange war. Gänsehautfeeling. Diese Momente, mitsamt den Gefühlen des Padre und sein harter Pfad zu sich selbst, waren es, die das Buch ausmachten. Nicht, weil es dort Übel zuging. Nein, weil man mitfieberte und die Figuren aus dem Buch zerren wollte.

Letztlich hat mich das Buch positiv überrascht. Es hat mich wesentlich mehr in den Bann gezogen, als ich nach dem Klappentext und dem schweren Damastschwert “Christentum”, was über allem schwebt, erwartet habe. Von daher spreche ich auch klar einen Lesetipp aus!


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Genre: Roman / VÖ: 2015 / Verlag: Septime Verlag / Seiten: 308 / Serie: Einzelband

weitere Kritiken: radiergummi (sehr ausführlich),

weitere (dt.) Bände von Koji Suzuki: Samurai, Skandal, Meer und Gift,…

erhältlich z.B. bei: hugendubel


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