der himmel ist blau die erde ist weiß, hiromi kawakami, buchkritik, japan, japan special

“Offiziell müsste ich meinen alten Lehrer bei seinem vollen Namen nennen: Harutsuna Matsumoto Sensei – Herr Lehrer Harutsuna Matsumoto -, aber für mich bleibt er einfach der “Sensei”. statt einer Berufsbezeichnung oder Anrede ist dieses Wort für mich zu einer Art Eigennamen geworden.” (Buchbeginn)

Damit beginnt sie, die zarte Liebesgeschichte zwischen zwei Menschen, die sich außerhalb der gesellschaftlichen Norm befindet. Sie, Tsukiko ist 37 Jahre alt und er dreißig Jahre älter. Zudem ist er ihr alter Japanischlehrer. Ob das gut gehen kann? Zunächst einmal bitte jegliches absurdes Klischee vor dem inneren Auge beiseite wischen. Wir befinden uns in Japan. Da stürzt man sich nicht wild knutschend aufeinander und schert sich einen Dreck um sein Umfeld. Man achtet sehr darauf, die man sich in der Öffentlichkeit gibt.

Daher passiert erstmal nichts. Aber irgendwie schon und zwar eine Menge. Die beiden begegnen sich regelmäßig in einer Kneipe und essen gemeinsam. Gelegentlich trinken sie auch Sake. Man unterhält sich, lacht gemeinsam und schweigt genüsslich während sie ihre Speisen vertilgen. Trotzdem bleibt man distanziert. Macht keinen Termin aus, sondern trifft sich zufällig an der Theke. Wenn man täglich einen ähnlichen Tagesablauf hat, ist das durchaus kein Unding.

“Sobald widerruflich feststand, dass es Nacht war, überwältigte mich die Einsamkeit. Also ging ich aus dem Haus. Ich hatte das Bedürfnis mich zu vergewissern, dass ich nicht alleine auf der Welt war, nicht der einzige Mensch, der sich verlassen fühlte.” (S.72)

In Tsukiki reift derweil die Zuneigung zu ihrem Sensei heran, die sie innerlich förmlich zerreißt, da sie die Worte nicht über die Lippen bringt. Dabei verbringen sie immer mehr Zeit miteinander und er zeigt sich ihr gegenüber nie abweisend, eher distanziert. Man weiß nie richtig, was er denkt und fühlt. Ob er sie als Tochter, gute Freundin oder Geliebte sieht. Während die beiden auf Märkte gehen und kleine Ausflüge machen, will man ihre Köpfe packen, sie zusammendrücken und sagen >Küsst euch!<, wie in einem Comic.

Was dieses Buch ausmacht, ist vor allem die sanfte Sprache. Sie berührt einen von der ersten Seite an und man will wissen, wohin sie einen führt. Man bleibt ein stummer Beobachter und sieht, wie ihre gewollte Nähe zueinander, mit der Zeit förmlich greifbar wird und dennoch bleiben sie auf Abstand. Zu sehr sitzen Normen und Benimmregel in den Knochen. Vor allem bei ihr merkt man das. Bei ihm sind es andere Punkte, die ihn zurückhalten.

“Kaum hatte ich den Satz zu Ende gesprochen, wurde mir ganz heiß. Ich hatte einen Fehler gemacht. Ein erwachsener Mensch sollte andere mit seinem Gerede nicht in Verlegenheit bringen, nichts sagen, was es den Beteiligten unmöglich macht, einander am nächsten Morgen noch unbefangen in die Augen zu schauen.” (S.117)

Letztlich hätte ich nie gedacht, dass ich mal einen Liebesroman empfehlen würde, aber et voila ich mache das heute. Premiere für mich! Die beiden wachsen einen ans Herz und selbst wenn man selbst sonst kaum oder nie auf diesem Gebiet unterwegs ist, so geht es einen doch Nahe, wie die beiden zaghaft zueinander finden.

Randnotiz: Neben dem Neujahrsfest, wird hier auch noch das Kirschblütenfest erwähnt und natürlich stehen die japanischen gesellschaftlichen Normen im Fokus.

 

Edit: Der deutsche Titel klingt zwar zauberhaft, hat aber kaum was mit dem Buch gemein außer einer erwähnten Textstelle aus einem Lied. Der Originaltitel lautet “Sensei no Kaban” – frei übersetzt “Die Tasche des Sensei”. Dieser wäre deutlich stimmiger gewesen, auch wenn er nicht so fein klingt.


Genre: Roman / VÖ: März 2010 / Verlag: dtv Verlag / Seiten: 192 / Serie: Einzelband

weitere Kritiken: Japanliteratur, Wortmeerblog,

weitere (dt.) Bände von Hiromi Kawakami: Bis nächstes Jahr im Frühling, Herr Nakano und die Frauen, Am Meer ist es wärmer, …

erhältlich z.B. bei: hugenubel


#JapanSpecial [Aktion]

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