Ich bin kein Philosoph und möchte keiner werden. Dennoch wage ich mich einmal an die Kritik zu einem Thriller, was ein Philosoph namens Jonas Winner geschrieben hat heran.Was hat man in der Hand bis auf sein Buch? Den menschlichen Leser- und Kritikerverstand, der sich nicht mit Frage “Sind wir allein in unserem Körper?” befasst, sondern damit wie das Buch letztlich ankam.

Direkt zu Beginn wird einem der junge Philosoph Karl Borchert vorgestellt.

Er wartet hibbelig auf die Rückmeldung, die über sein kommendes Projekt entscheiden wird. Seine Frau hat passenderweise schon Kontakte geknüpft und sie zu einem gemeinsamen Abendessen eingeladen. Doch es kommt alles anders wie geplant. Das Projekt wird abgelehnt, Borchert steht quasi ohne Job da und seine Frau wird nicht begeistert sein, wenn er nicht zum Essen erscheint. Ihm ist nicht nach feiern.

Allerdings bietet ihm Professor Forkenbeck etwas an, was Karl kurz seine Sorgen vergessen lässt. Er darf für den Philosophen Leonard Habich als eine Art Privatsekretär arbeiten. Dieser will, dass sich jemand um seinen Vorlass kümmert. Völlig schockiert und erfreut zugleich, nimmt er das Angebot an und befindet sich am nächsten Tag auf direkten Wege zu Habichs Anwesen in Urquardt.

Was ihn dort erwartet, hätte er sich in seinen kühnsten Träumen nicht ausmalen können.

Er taucht ab in das Wissen und Werk von Habichs. Sprachtheorien auf höchster Ebene. Woher kommt die Sprache? Wieso können wir sie so schnell in uns aufnehmen? Was ist in unserem Gehirn vorhanden, dass dies ermöglicht? Ist es unser ICH was uns die Sprache beibringt? Ist das ICH überhaupt menschlich? Haust ein Dämon in unserem Inneren? Fragen über Fragen, die Karl vor noch mehr Fragen stellen.

Aber Habich bleibt verschlossen, Karl soll sich erst etwas einarbeiten in die Materie, bevor er ihm alles erklärt und ihm seinen “Durchbruch” zeigt. Als sich jedoch seltsame Vorkommnisse in den alten Gemäuern von Urquardt häufen und dann auch noch die Dorfbewohner so seltsame Andeutungen machen, ist es mit seiner Geduld vorbei. Borchert merkt dabei nicht, dass er selbst auch schon von dem Fragenstrudel erfasst wurde und die Schwelle zwischen Philosophie und Schizophrenie immer geringer wird.

Klingt spannend? Ist es auch.

Der Grundbaustein hinter allem, die Frage nach der Sprache ist durchaus interessant. Trotzdem wird gerade im ersten Teil des Buches zu viel mit Fachjargon um sich geworfen, den man als Leser nicht unbedingt versteht und einen häufig mit Fragezeichen über dem Kopf zurücklässt. Wer einst Philosophie in der Schule hatte, kennt mit Sicherheit die Grundbausteine und wird vielleicht nicht so überflutet wie ich (ich hatte es nicht zu Schulzeiten behandelt). Das Buch wirkt größtenteils wie eine wissenschaftliche Arbeit und lässt oft den storytechnischen Part völlig außer Acht. Das liegt nicht zuletzt an den Berichten, Analysen und autobiographischen Auszügen, die stetig aufgeführt werden. Zwar besteht in diesen Texten eindeutig ein Bezug zum Buch selbst, doch es ist meist zu trocken und wissenschaftlich.

Im zweiten Teil ändert sich dies zum Glück und die Figuren aus der Gegenwart kommen viel häufiger zu Wort. Man muss dazu sagen, dass alle Auszüge in der Zukunft liegen. Man weiß also als Leser, dass da etwas kommt. Dass da etwas Geschehen ist bzw. Geschehen wird, was man sich jetzt noch nicht ausmalen kann. Ein Punkt, der die Spannung und das Interesse am Ausgang der Story extrem steigert.

Alles in allem lässt sich das Buch gut lesen. Man wird geistig stark gefordert und gezwungen langsam zu lesen, damit man alles versteht – was nicht immer einfach ist. Teepausen sind eine gute Unterbrechung. Der Gedanke, der hinter allem steckt macht den Philosophen im Autor deutlich. Hier hat jemand anscheinend versucht seine Ideen und Ansätze in einen Thriller zu packen. Leider ist es häufig zu viel des Guten und man merkt manchmal, wie das Hirn auf Durchzug schalten möchte.

Mir kam am Ende die Geschichte selbst viel zu kurz, was recht schade ist. Worte in zusammenhängenden Zeilen zu packen und sie leben zu lassen, davon scheint Jonas Winner etwas zu verstehen. Doch hätte man die Figuren sich selbst noch etwas mehr entwickeln lassen können und sie nicht nur durch Berichte von ihnen erzählen lassen sollen. Das Buch hat  durchweg einen gewissen Spannungspegel, der jedoch immer wieder durch zu viel philosophisches abgemildert wird.

Wer also die Philosophie liebt und selbst gerne Gedankenexperimente startet, ist hier an der richtigen Stelle.
Wer einen Thriller mit philosophischen Ansätzen erwartet, wird durch die Übermacht von diesen überrannt und enttäuscht werden.


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Genre: Thriller / VÖ: April 2014 / Verlag: Droemer Knaur / Serie: Einzelband


2 thoughts on “|Crime| “Das Gedankenexperiment”

  1. Eine aufschlussreiche Rezension! Da ich mir etwas ganz anderes unter dem Buch vorgestellt habe, wahrscheinlich beeinflusst durch "Der Architekt" (Thriller von ihm, habe ich vor einiger Zeit gelesen, seltsam abgründig), bin ich mir inzwischen ganz sicher, in Ruhe auf das Taschenbuch warten zu können! Danke für die Auskunft!! :D

    Liebst, WortGestalt

    1. Danke :)

      Hatte nach dem Klappentext auch was anderes erwartet. Hätte ich gewusst, dass es so sehr ins philosophische geht, hät ichs wohl nicht geordert :/

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