Es klingt zunächst wie ein Double von John Nivens “Das Gebot der Rache”: Eine wohlhabende Familie namens Denby lebt in einer gutbetuchten Gegend, die gemeinsame Tochter steckt mitten in der Pubertät und dennoch gehören sie zu dem Klischeebild einer “perfekten Familie”. Doch eines Abends ändert ein Ereignis alles. Die Familie wird brutal entführt und keiner aus der Nachbarschaft will etwas gesehen haben. Ein Racheakt? Ist Geld das Motiv oder sind sie Zufallsopfer? Trotz der sichtbaren Gemeinsamkeiten, sind die beiden Bücher natürlich grundverschieden, was nicht zuletzt an den unterschiedlichen Stilen der beiden Autoren liegt.

Als Ermittlerin kommt überwiegend Detective Tessa Leoni zu Wort.

Die junge Frau musste den Polizeidienst quittieren und arbeitet nun einer Detektei, was ihren ehemaligen Kollegen nicht so wirklich in den Kram passt. Denn auf diese Art und Weise kann sie ermitteln wie früher, wenn auch sich ihr Hauptaugenmerk nun auf andere Sachlagen beschränkt. Trotzdem raten hier Fronten aneinander, die für ein nettes Machtspiel in den eigenen Reihen und entsprechend für gute Unterhaltung bei dem Leser sorgen.

Zudem kommt für Leoni der Druck von oben hinzu. Der Fall muss schleunigst gelöst werden. Denn nicht nur die Hinterbliebenen machen sich Sorgen. Eine ganze Firma mit zig Angestellten droht dem Abgrund entgegen zuschlittern, da wohl doch nicht alles happy family ist, wie man nach außen hin bisher immer gezeigt hat. In dem Buch werden Abgründe und Verstrickungen aufgedeckt, an die man nicht mal im Traum gedacht hätte. Natürlich vermutet manbei so einem wohlhabenden Hintergrund, dass da einige schlafende Hunde nicht geweckt werden wollen, aber trotzdem ist es immer wieder spannend zu verfolgen, welche Idee der Autor diesmal aus dem Hut zaubert.

Mit der “Idee” die Lisa Gardner hier hervorholt, habe ich zunächst nicht gerechnet. Man ahnt durch bestimmte Andeutungen, dass in der Ehe der Familie Denby schon eine Weile die Fassade am bröckeln ist, dennoch kommt man lange nicht darauf, was es ist. Als man es dann erfährt beziehungsweise das Ausmaß der Entführung sichtbar wird, ist man einfach nur noch schockiert und angeekelt zugleich.

Sehr gefallen mir an diesem Buch auch, dass der Leser durch die Ich-Perspektive einer Frau – nämlich der Ehefrau Libby Denby – tiefe Einblicke ins Geschehen bekommt. Was nicht zuletzt an ihren Gedanken und Gefühlen liegt, sondern auch an den Zusatzinformationen, die sie einem über die Entführer liefert. Aber auch eben jene Entführer werden einem näher vorgestellt, man lernt Hintergründe kennen und entwickelt sogar eine kleine Sympathie für einen der Herren. Was sehr makaber eingefädelt ist von Frau Gardner.

In diesen beiden Punkten ist man also dem polizeilichen Suchtrupp immer einen kleinen Schritt voraus, was aber der Spannung keinen Abbruch gibt. Diese zieht sich wie ein konstanter Faden durch den gesamten Thriller und fesselt einen brav an die Lektüre.

Wer bereits Bücher der Autorin gelesen hat, dem wird der Schreibstil der amerikanischen Autorin vertraut sein. Er hat auf der einen Seite was Typisches und auf der anderen Seite ist er recht eigen. So vermischt sie Klischeekonstruktionen mit Neuem und nicht immer führt es zu einem fröhlichen Ende. In “Du darfst nicht lieben” hatte mich zum Beispiel gestört, dass sie eine Romanze eingebaut hatte, die fehl am Platz wirkte und nur vom eigentlichen Geschehen ablenkte. Zum Glück hat sie dieses Klischee hier anders umgesetzt und mich auch weitaus zufriedener zurückgelassen.

Alles in allem hat mich das Buch vollends überzeugt.

Erst als bestimmte Worte fallen wird einem das Ende bewusst und welche grausame Wahrheit hier aufgedeckt wird. Ab diesem Punkt wird es leicht vorhersehbar, was aber dem Lesefluss nicht stört. Hier und da habe ich manche Gedankengänge nicht nachvollziehen können. Auch wenn man die Hintergründe irgendwann kannte. Trotzdem ziehen diese kleinen Abstriche die Gesamtpunktzahl nicht nach unten. Ich fühlte mich von der ersten Seite an sehr gut unterhalten und habe lange nicht wahr haben wollen, wie fies doch Menschen sein können.

Ein gelungener Thriller, denn man guten Gewissens lesen kann und es ist auch ein guter Einstieg um die Autorin Lisa Gardner kennen zu lernen, die in der amerikanischen Literatur sich schon einen festes Standbein aufgebaut hat.


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Genre: Thriller / VÖ: September 2014 / Verlag: Rowohlt* / Serie: Band 2


2 thoughts on “|Crime| “Blut ist dicker als Wasser”

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