“Du lieber Gott, Martha! Warum?”[S.31]

Das ist eine Frage, die man wohl jeder Auswandererfamilie stellt, sobald die ersten Sätze über Umzug, Verkauf und Neuanfang fallen. So kann sich auch Martha nicht vor diesen bohrenden Nachfragen verstecken. Doch zufriedenstellen kann man nie alle Parteien, was auch sie zu spüren bekommt. Irgendwann ist dann der entscheidende Tag gekommen. Das Haus ist verkauft, der Job gekündigt, die Kinder abgemeldet. Der Neustart in Neuseeland kann für die britische Familie beginnen.

Zunächst läuft auch alles nach Plan. Martha lebt sich in ihrem Job im Pflegeheim rasch ein und auch ihr Mann Kit bekommt endlich die ersehnten Anerkennung für seine Kunst. Die Zwillinge Charlie und Finn stehen kurz vor der Einschulung und die große Tochter Sasha scheint ebenfalls schnell Anschluss zu finden. Doch dann passiert das Unglück. Mitten in der Nacht. Alles scheint zu schlafen. Stürzt der fünfjährige Finn über das Balkongeländer und liegt fortan im Koma.

Dieser Cut verändert alles in Martha’s Leben.

Plötzlich hinterfragt sie alles und überlegt wann der Wandel stattgefunden hat. Welcher Stein brachte alles ins Rollen? Wer oder was sorgte für den Stimmungswandel? War es richtig nach Neuseeland auszuwandern? War der Schritt unüberlegt? War sie zu selbstlos?
Aber die wichtigste Frage ist eigentlich: War der Sturz des kleinen Finn wirklich ein Unfall? Ist er wirklich während einer seiner Schlafwandelphasen nach draußen gelaufen?

Man reist als Leser mit der verzweifelten Mutter in die Vergangenheit zurück und kommt mit ihr gemeinsam den Antworten näher. Bis alles in der bitteren Wahrheit gipfelt, die einen selbst als Leser schockiert und die entsprechende Satzstelle zweimal lesen lässt.
Zwar hat man irgendwann eine gewisse Vermutung, aber man will es einfach nicht wahr haben. Es ergeht einem genauso wie der Mutter: Man will sich die Wahrheit über diese Nacht sich nicht eingestehen.

Der Aufbau des Buches ist hier geschickt gewählt. Ähnlich einem Thriller, wechseln immer wieder die Perspektiven. Wobei es hier eher zeitliche Momente sind. In der einen Phase befindet man sich in der Gegenwart und in der anderen in der Vergangenheit.Die Gegenwartsmomente zeigen die traumatisierte Mutter, die bangend und hoffend im Krankenhaus sitzt. Zusätzlich bekommt sie ständig Besuch von einer Sozialmitarbeiterin, die ihr bohrende Fragen stellt, denn im Krankenhaus glaubt man nicht an den “unfreiwilligen” Sturz.

Außerdem wundert man sich wo der Vater ist. Sollte er nicht bei solchen Momenten auch da sein? Wo er seine Kids doch so sehr liebt? Wer sorgt für den Zwillingsbruder, während die Mutter im Krankhaus ist? Diese Fragen werden einem in den Stücken aus der Vergangenheit nach und nach erklärt.
Es wird erzählt warum die Familie ausgewandert ist. Wie sich sich eingelebt hat. Wo sie angeeckt ist und mit wem sie sich wunderbar versteht. Bis plötzlich kleine Veränderungen auftreten, die den normalen Alltag unregelmäßig unterbrechen, bis zu ihn fast zum erliegen bringen.

Der Titel des Buches sorgt unweigerlich dafür, dass man beim Lesen hinter jeder Ecke das Schlimmste vermutet.

Doch weit gefehlt. Man wird genauso schleichend an das Übel heran geführt, wie es auch Martha und ihren Mann Kit selbst erleben mussten. Das ist eine sehr gute Wahl von der Autorin Charity Norman. Schließlich baut sie mit dieser Methode perfekte Spannung auf, die einen an einen Krimi denken lassen.
Zwar geht es hier nicht um Mord und Totschlag, dennoch ist das Grauen hier genauso schlimm, wenn nicht sogar noch schlimmer. Leider kann ich an dieser Stelle nicht ins Detail gehen – was ich gerne machen würde – da es ich diese Sache sehr gut recherchiert finde und gerne ein paar Worte dazu hier gelassen hätte. Ich kann daher nur so viel sagen: Wenn man es weiß, sieht man viele Dinge im Buch komplett anders.

Sprachlich kann ich nicht meckern. Ich habe Martha nach einer Weile direkt ins Leserherz geschlossen und konnte vieles von ihrer Denkweise nachvollziehen. Es wird hier gut und kritisch mit dem Thema des Auswanderns umgegangen und auch wie sehr dramatische Ereignisse eine Familie Stück für Stück entzweien können. Außerdem kann Frau Norman einem wunderbar die Landschaft von Neuseeland beschreiben, was ein wenig das Reisefieber weckt. Ab und an, ist es für den ein oder anderen Leser sicher etwas zu verheult und dramatisch. Ich fand aber, dass das genau zum Typ “Martha” passte. Das Ende selbst ist okay. Ich hätte mir jedoch gewünscht, dass der letzte Abschnitt nicht existieren würde. Das macht einiges kaputt und drückte die Gesamtwertung etwas nach unten.

Letztlich habe ich mich auf knapp 500 Seiten sehr gut unterhalten gefühlt. Ich wurde nicht müde die Zeilen zu verschlingen und es war eine angenehme Abwechslung zwischen meinen ganzen brutalen Thrillern.


Genre: (Schicksals) Roman / VÖ: Oktober 2014 / Verlag: Bastei Lübbe / Serie: Einzelband

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