geheimer ort, tana french, buchkritik, crime

St.Kilda. Ein Mädcheninternat, was bei Eltern recht beliebt ist und auf eine langjährige Tradition zurückblicken kann. Nichts konnte bisher den Ruf dieser Schule beschmutzen. Vor einem Jahr jedoch, wurde ein Junge aus dem benachbarten Jungeninternat St. Colm erschlagen. Der Fall wurde damals rasch aufgeklärt. Der Verdächtige – ein Gärtner – wurde geschnappt und verurteilt. Doch nun taucht plötzlich eine mysteriöse Karte auf. Darauf steht nur “Ich weiß wer ihn getötet hat”. Ausgerechnet Holly, die Tochter des Detectives Frank Mackey, findet diese am Schwarzen Brett, dem geheimen Ort der stillen anonymen Botschaften. Allerdings überreicht sie diese nicht ihrem Vater, sondern dem jungen Detective Stephen Moran. Der diese Chance nutzen will, um in der Hackordnung nach oben aufzusteigen. Also macht er sich mit seiner Kollegin Antoinette Conway, welche damals bereits an dem Fall gearbeitet hat, daran die Akten neu aufzurollen. Eine Verhörung der besonderen Art beginnt.

Somit wird dem Leser der Startschuss für ein fast 700 Seiten langes Verhör begeben.

Das klingt lang und langweilig? Erster Punkt mag stimmen, der zweite Punkt allerdings nicht. Nach einer kurzen Einleitung und der Vorstellung der ermittelnden Charaktere, (Moran kam bereits ist “Sterbenskalt” zu Wort) geht es direkt rauf zum Internat St.Kilda. Dort erklärt man die Umstände der Internatsleitung und kurz darauf werden die ersten Mädchen über die Ereignisse von vor einem Jahr ausgefragt. Schnell stellt sich heraus, dass es im Grunde zwei Mädchen-Clans gibt, die aus jeweils vier unterschiedlichen Typen bestehen und sich auf den Tod nicht ausstehen können. Entsprechend konzentrieren sich Moran und Conway auf die acht Mädchen, die von Holly und Joanne “geführt” werden. Das ist der Part aus der Gegenwart. Parallel dazu gibt es Einblicke in die Vergangenheit.

In diesen Abschnitten wird eine Art Countdown gezählt, wie lange Chris Harper – so heißt der ermordetet Junge – noch zu leben hat. Es wird einem quasi vor Augen geführt was er erlebt hat, mit wem er Kontakt hatte, was ihn ausmachte, wie beliebt er war und ob er seinen Mörder kannte. Jetzt könnte man vermuten, dass man in diesem wechselhaften Stil schnell zu einer Lösung kommt! Weit gefehlt. Die beiden Abschnitte liefern einem so viele komplexe Informationen, dass sie einem die Lösung sehr lange verschleiern. Glaubt man den Mörder herausgefischt zu haben, kommt ein Dialog aus dem aktuellen Verhör und schon ist man verunsichert und schmeißt alle Ideen über Bord.

Vom inhaltlichen steckt nicht viel in dem Buch. Das Verhör findet an einem Tag statt und macht fast 90% des Buches aus. Man befindet sich eigentlich nur an einem Ort und wandert vielleicht dort etwas durch die Gegend, aber das war es auch schon. Selbst die Momente aus der Vergangenheit lassen einen nicht die weite Welt erkunden. Daher ist es umso faszinierender, wenn ein Autor beziehungsweise hier eine Autorin, es schafft, einen so komplexen Krimi abzulegen, dass einem diese Punkte überhaupt nicht so bewusst auffallen.
Das liegt vor allem daran, dass sie die Figuren sehr facettenreich gestaltet. Das sind nicht nur Gesichter. Die Mädchen und Jungen bekommen Leben eingehaucht. Sie sind individuelle Charaktere, welche ihre Eigenheiten teilweise schon von der Redensart und vom Auftreten her verdeutlichen und einen immer wieder überraschen.

Ganz ohne Kritikpunkte kommt das Buch allerdings nicht aus.

So gibt es hier und da Momente, wo es sich etwas zieht und man sich im Kreis dreht, da jede Figur ihre Variante erzählt und sich einiges wiederholt. Darunter leidet dann auch die Spannung. Bei einem Schmöker von diesem Umfang ist das fast unumgänglich, aber machbar, wie mir der Italiener Roberto Constantini mit seinen beiden Büchern schon beweisen durfte. Des Weiteren kommen seltsame Szenen vor, die ich mir nicht wirklich erklären konnte. Man weiß, dass es unter anderen zur Einschüchterung ausgenutzt wird von Detective Conway, aber warum tauchen diese Momente überhaupt auf? Ich werde nicht benennen um was es geht, damit keiner es vorab stark die Waagschale legt. Nur so viel: Ich fand sie auf jeden Fall überflüssig.

Abschließend kann ich aber dennoch sagen: Lest dieses Buch!
Vielleicht sollte es nicht der Einstiegsband zu der Reihe von Tana French sein. Allein schon wegen dem eigenwilligen Ein-Tages-Verhör, aber um ihren flüssigen, traumhaften Schreibstil kennen zu lernen reicht das Buch auf jeden Fall aus. Ihr Stil ist wunderbar zu lesen und ich bin jedes Mal nach den ersten Zeilen in ihren Worten versunken. Das schaffen nicht viele Autoren. Ein Grund für mich, die nächsten Werke von Tana French auf jeden Fall im Auge zu behalten!

geheimer ort tana french


Genre: Krimi / VÖ: Dezember 2014 / Verlag: Scherz  / Serie: Dublin Murder Squad #5 / Region: Dublin

Danke für deine Lesezeit!

Gefällt dir der Beitrag?

/ 5.