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“Der Tag, an dem Karl starb, war ein guter Tag.” [S.9]


Ein Buch, was mit solchen Worten eingeleitet wird, macht den Leser direkt viele Hoffnungen und Erwartungen. Denn sofort fragt man sich, was eine Person gemacht haben muss, damit sie so sehr gehasst wird. Direkt schweifen die Gedanken zu einem grausigen Killer, einem Massenmörder, der vor nichts halt macht. Aber er könnte auch eine schlimme Krankheit haben und er wird nun davon erlöst. In gewisser Weise trifft beides auf Karl zu. Der Junge tötet und leidet gleichzeitig an einem seltsamen Phänomen, dass man so nicht kennt. Er hört alles. Jedes kleinste Schaben von Insekten, das Atmen der Eltern drei Zimmer entfernt, das Plätschern des Baches im Wald. Ein lautstarkes Konzert spielt sich in seinem Gehör ab und er kann es nicht durch einen Off-Knopf einfach abstellen.

Doch von vorne. Am Nikolaustag 1982, wird ein Junge geboren, der später ein ganzes Dorf in Aufruhr versetzen wird. Momentan sind die Eltern aber noch Stolz wie Oskar auf den kleinen Wonneproppen, der unentwegt am schreien ist. Zahlreiche Ratschläge trudeln bei der Familie ein, wie sie ihr Baby beruhigen können. Aber wie sorgt man dafür, das ein Schreikind nicht mehr schreit? Irgendwann kommt man durch Zufall auf die Lösung und das Kinderzimmer wird kurzerhand in den Keller verlegt. Kindgerecht eingerichtet, mit Kameras versehen, können die Eltern ihren Sohn nun dort aufwachsen sehen. Die Ruhe dort unten scheint ihm zu gefallen, denn das Schreien hat aufgehört. Leider ahnt zu diesem Zeitpunkt keiner, was das für einen Einfluss auf die Mutter hat. Erst als ihre Leiche aus dem See geborgen wird. Gleichzeitig ist dies ein entscheidendes Erlebnis für den kleinen Karl. Er lernt den Tod kennen.Die Ruhe. Und lernt die Ruhe in diesem Zusammenhang zu lieben. Etwas, was eine schlimme Kettenreaktion hervorruft.

Wie der Buchtitel schon sagt, ist das Buch eine Chronik.

Entsprechend lernen wir das Leben und Leiden des jungen Karl Heidemann kennen. Wir erfahren warum er zu dem wurde, was ihm letztlich das Leben kostete. Die Sprache von Thomas Raab hat dabei einen besonderes Einfluss, der mich zu Beginn sehr störte. So hat man das Gefühl sich in einem Märchen zu befinden. Die Sätze wirken leicht abhakt und haben etwas von einem altern Herrn, der in seinen Erinnerungen wühlt und nun alles für seine Zuhörer wiedergibt. So gelangte ich direkt zu meinem Problem Nummer zwei. Ich hatte stetig die Vorstellung mich im Mittelalter zu befinden. Nicht wegen primitiver Verhaltensweisen der Charaktere, sondern wegen der Beschreibungen. Nur die Jahreszahlen erinnerten mich daran, dass es eben nicht so ist, sondern man sich in der Gegenwart, in den späten Achtzigern, den frühen Neunzigern befindet.

Nach einer gewissen Zeit, konnte ich mich etwas in die Geschichte hineinfühlen und Karls Werdegang schlüssig verfolgen. Denn das muss man dem Autor lassen: Man versteht Karl. Man empfindet Mitleid mit einem Mörder, der unter einem extrem guten Gehörsinn leidet. Schließlich versucht er alles um den Lärm auszuschalten und geht dabei eben auch über Leichen. Das ruft rasch einen Verfolger auf den Plan. Identische Morde bleiben nicht lange ungesehen. Gefasst wird er sehr lange nicht. Doch er ist von einem Jäger des Lärms zu einem Gejagtden des Gesetztes geworden. Seine Naivität in dieser Hinsicht, hat mich stark an Jean-Baptiste Grenouille erinnert. Auch dieser Junge hat eine Leidenschaft, die ihm zum Verhängnis wird. Auch er hat eine andere Auffassung vom Leben und Tod. Auch er muss am Ende für seine Taten büßen, doch auf seine Art und Weise.

Wer Thomas Raab und seinen künstlerisch angehauchten Stil kennt und liebt, der wird auch diese Buch lieben.

Ich selbst konnte damit nichts anfangen, mir war es zu viel des Guten. Wobei das größte Problem ich wirklich mit meinem Kopfkino hatte. Die Zeitepochen passten nicht zusammen und bissen sich immer wieder. Vor allem wenn ein Auto oder ähnliches Modernes im Buch vorkam. Zu hundert Prozent warm bin ich entsprechend nicht mit dem Stil geworden. Da aber die Geschichte um Karl nachvollziehbar ist (bis auf kleiner Ausreißer in einer bestimmte Region, die mir zu klischeehaft war) sackt das Buch nicht komplett bei mir ab. Ein Autor, der es schafft, trotz seines eigenes Schreibstils mir seine Figuren glaubhaft herüber zu bringen, hat an dieser Stelle etwas Lob verdient.

Alles in allem war ich von der Chronik enttäuscht. Ich habe mir mehr erhofft. Und etwas möchte ich an dieser Stelle noch aussprechen, auch wenn ich selten Autoren vergleiche: Der zeitweise stakkatohafte Stil erinnerte mich stark an Bernhard Aichner, nur hat dieser es nicht geschafft mir seine Charaktere näher zu bringen, im Gegensatz zu Raab!

 


Genre: Krimi/Chronik / VÖ: Januar 2015 / Verlag: Droemer Knaur / Serie: Einzelband / Region: Deutschland/Jettenbrunn

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