the circle, eggers, buchkritik, roman

Am liebsten würde ich dieses Buch allein mit Zitaten daraus sich selbst wiederspiegeln lassen. Aber das wäre ja dann keine wirkliche Kritik oder gar Rezension zum Buch. Entsprechend versuche ich mich trotzdem kurz zu halten und meine Eindruck hier festzuhalten. Einen ersten wichtigen Hinweis möchte ich aber geben: Lest bitte nicht die zahlreichen Zeitungsmeinungen und angeblichen Buchkritikersätze durch! Da werden haarsträubende Vergleiche angestellt, das Buch für auf ein Podest gehoben haben, auf das es nie wollte und man legt die gute Werbepromotion des Verlages nun dem Buch total negativ aus!
Doch nun zum Buch: Ich habe es im Original gelesen, von daher werden hier teilweise auch englische Begriffe fallen.

“Die 24-jährige Mae Holland ist überglücklich. Sie hat einen Job ergattert in der hippsten Firma der Welt, beim »Circle«, einem freundlichen Internetkonzern mit Sitz in Kalifornien, der die Geschäftsfelder von Google, Apple, Facebook und Twitter geschluckt hat, indem er alle Kunden mit einer einzigen Internetidentität ausstattet, über die einfach alles abgewickelt werden kann. Mit dem Wegfall der Anonymität im Netz – so ein Ziel der »drei Weisen«, die den Konzern leiten – wird es keinen Schmutz mehr geben im Internet und auch keine Kriminalität.

 

Mae stürzt sich voller Begeisterung in diese schöne neue Welt mit ihren lichtdurchfluteten Büros und High-Class-Restaurants, wo Sterneköche kostenlose Mahlzeiten für die Mitarbeiter kreieren, wo internationale Popstars Gratis-Konzerte geben und fast jeden Abend coole Partys gefeiert werden. Sie wird zur Vorzeigemitarbeiterin und treibt den Wahn, alles müsse transparent sein, auf die Spitze. Doch eine Begegnung mit einem mysteriösen Kollegen ändert alles …” [KiWi]

Ist es nicht der Traum eines jeden berufstätigen Neueinsteigers, von einer großen Firma genommen zu werden? Endlich mit dem Firmennamen “angeben” zu können? Sich über sein kollegiales Umfeld zu freuen? Einen super Arbeitsplatz auf neustem modernen Stand zu haben? Von der prima Vergütung mal ganz zu schweigen? Mae hat dieses Glück. Sie darf in “the circle” arbeiten. Einem riesigen Konzern, der neue Ideen und Ansätze von seinen Mitarbeiten perfekt fördert, die sein Ansehen verbessern. Dennoch steht im Mittelpunkt “TruYou”. Eine Plattform, die alle kleinen Plattformen der Kommunikation im Netz in sich vereint hat. So muss man sich nur noch ein Passwort merken und besitzt nur noch ein Profil, mit dem man sich überall bewegen kann ohne immer wieder “login” klicken zu müssen.

Das Ziel ist es, den User gläsern zu machen. “We don’t delete here!” ist ein gängiger Satz, über den Mae recht häufig stolpert und ihr zunächst ein skeptisches Stirnrunzeln beschert. Schließlich soll nicht jeder alles mitbekommen. Man möchte doch Privatsphäre haben! Doch dann treten ihre Vorgesetzten auf sie zu. Fragen sie nach ihrer Zurückhaltung, warum sie nicht sonderlich aktiv im world wide web ist und dass sie das bitte schleunigst ändern soll! Da sie leicht Sorge hat, ihren Job zu verlieren, blendet sie alles Negative aus und verliert sich komplett in der Materie. Zu wird zu einem Vorzeigeobjekt. Selbst ihre beste Freundin Annie, die ihr sehr bei der Anstellung geholfen hat, rückt plötzlich in den Hintergrund.

Ihr Ex-Freund Mercer versucht sich auf ihren Weg aufmerksam zu machen. Versucht sie zu warnen und sie zum umkehren zu bewegen, doch sie stempelt ihn als ignorant ab. Und so nimmt der “circle” seinen Lauf…

Anfangs fragt man sich, wo das Buch hinführen wird. Lange Zeit wird nur der Konzern gelobt und man muss hilflos mit ansehen, wie die junge Frau ihre Seele verkauft. Irgendwann erkennt man aber, dass der Autor einem eigentlich nur einen Spiegel vor die Nase hält. Dass das, was hier beschrieben wird, heutzutage schon in vielen Auszügen bei uns Gang und Gebe ist.
Was in “the circle” mit kleinen Kameras am Handgelenk aufgezeigt wird, ist nichts anderes als unser Smartphone. Fast jede Lebenslage und Situation wird heute dokumentiert. Man lechzt den likes hinterher und grummelt über dislikes. Selbstjustiz ist ebenfalls ein schlechter Vertreter. Auch wenn es in dem Buch leicht überspitzt dargestellt wird, solche lynchenden Menschenmassen gab es auch schon in der Gegenwart.

Erwähnen möchte ich an dieser Stelle auch die drei Leitsätze des Konzerns:

secrets are lies
sharing is caring
privacy is theft
[S.303]

Sie machen sehr deutlich, wie man hier tickt. Solltest du also mal etwas nicht veröffentlichen, fragt man sich direkt: Warum lügst du deine Mitmenschen an? Willst du etwas verheimlichen? Bist du ein Gegner? Willst du “the circle” unterwandern?
An die einzig logische Schlussfolgerung, nämlich, dass man schlichweg seine Ruhe haben möchte, mal einen Moment nicht mit der gesamten Erdbevölkerung teilen möchte, kommt keiner. Man könnte das dem Autor jetzt ankreiden, dass er nur verschönigt und nicht die Nachteile aufdeckt. Keine Sorge, es gibt durchaus Gegner in dem Buch. Doch letztlich dreht sich alles um Mae und ob diese bekehrt werden kann. Das ist die große Frage.

Manche dargestellten Situationen in dem Buch, die vor allem die “wise man” betreffen, sind nicht in der Wirklichkeit realisierbar. In diesem Fall schreibe ich das aber der fiktiven Ader eines Buches zu, dass es eben doch geht! Denn wenn Tiefseetiere in einem Aquarium leben können und sich gegenseitig zerfetzen, dann will Dave Eggers bestimmt nicht aufzeigen, dass das es umsetzbar ist, sondern er will das “Fressen und Gefressen werden” verdeutlichen – und das ist ihm gelungen.

Sein Schreibstil haut einen jetzt nicht wirklich vom Hocker. Ich fühlte mich an ein Jugendbuch erinnert und möchte das Buch daher auch der jüngeren Leserschaft empfehlen. Man sollte daher auch nicht mit zu großen Erwartungen herangehen. Es kommen keine komplizierten Fachbegriffe oder fiesen Programmiererausdrücke vor. Alles schwimmt im verständlichen Bereich umher und man darf sich mit der leisen Stimme auseinandersetzen: Bin ich auch schon ein gläserner Mensch?

Um die Entwicklung von Mae noch besser darstellen zu können, werden immer ihre Followerzahlen genannt, ebenso die “gefällt mir” Statistiken. Das werden mit der Zeit immer mehr Zahlen und ja, ich gebe zu, sie verwirren und stören ein wenig. Ich habe sie irgendwann nur noch überflogen, halte sich aber trotzdem für wichtig. Sie gehören zu der Weiterentwicklung von Mae dazu. Irgendwann kommt auch ein Moment, wo sie von Leuten erfährt, die sie nicht mögen und schon stürzt sie in ein Loch. So umgeben von ihren Zahlen vergisst sie nämlich vollkommen die Realität und die echten Menschkontakte, was ihr einige Einbußen im privaten Umfeld bringt.

Alles in allem war ich dennoch sehr positiv überrascht von dem Buch und empfehle es daher auf jeden Fall!  Wie es auf deutsch ist, kann ich nicht sagen. Im Original liest es sich sehr flüssig und hat eine einfache Sprache, weswegen ich es nach Möglichkeit auch Empfehlen würde auf Englisch zu lesen und schraubt bitte eure Erwartungen nach unten! Das ist kein moralisches Werk mit berstender Tiefgängikeit und perfekten Charakteren! Man sieht den Verfall kommen und Menschen verändern, aber das “Warum” ist das letztlich das Entscheidente.

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Genre: Roman, Gegenwart, Zukunft / VÖ: Oktober 2013 / Verlag: Penguin / Serie: Einzelband

weitere Kritiken: Die dunklen Fellereisswolfblog, …


 

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