“Die Kinder haben die Welt außerhalb ihres Zuhauses nie gesehen. Nicht einmal durch die Fenster. Und Malorie hat seit mehr als vier Jahren nicht hinausgeschaut.” [S.7]

Warum?
Das ist unweigerlich die erste Frage, die man sich stellt. Warum versteckt man seine Kinder? Warum verbindet man ihnen die Augen? Lässt sie ihre Sinne schärfen? Hält ihnen die bunte Welt außerhalb der eigenen vier Wände vor? Kinder müssen toben, schreien, Blödsinn machen, die Eltern zum Wahnsinn treiben, aber nicht unfreiwillig blind durchs Leben tapsen! Solange das erste Kapitel andauert, hat man zig Lösungen im Kopf parat. Eine Idee reiht sich an die Nächste. Man will hinter diesem Verhalten einer jungen Mutter eine Logik sehen. Sie wird kommen. Doch komplett anders als zunächst vermutet.

Malorie lebt zusammen mit ihren Eltern und ihrer Schwester Shannon in Michigan. Alles ist in bester Ordnung. Jeder lebt sein Leben, bis plötzlich seltsame Meldungen kommen und die Monotonie des Alltags unterbrechen. Menschen begehen Selbstmord. Greifen grundlos Freunde an. Zerfleischen ihnen die Kehle. Dabei hatten sie alle keinen pausiblem Grund. Während Malorie dem ansteckenden Wahnsinn keinen Glauben schenkt, fängt ihre Schwester an zu werkeln. Sie dunkelt die Fenster ab. Niemand soll rein und rausschauen können. Damit “Es” sie nicht ansteckt. Nach draußen geht es nur noch mit Hand vor den Augen. Und der kleinen Schwester wird eingeschärft sich daran zu halten! Man will “Es” schließlich nicht sehen. Doch was ist “Es”? Was verängstigt die Menschen so? Erst als ein Schicksalsschlag Malorie bewusst macht, dass es ihre Familie nicht verschont, beginnt sie zu begreifen.

Sie kommt in einer Art sicherem Haus unter und lebt dort fortan mit meherer Gleichgesinnten zusammen. Allerdings mit dem Unterschied, dass sie schwanger ist. Eine Problematik die, wie wir aus “The Walking Dead” gelernt haben, in Endzeitmomenten nicht gerade praktisch ist. Doch man will es stemmen und hilft ihr so gut es geht. Die größte Sorge liegt eher in der Nahrungsmittelknappheit. Wie lange kann man überleben ohne, dass neue Ware produziert wird? Schließlich scheint der gesamt Globus betroffen zu sein. Reichen Supermärkte und Vorratslager aus? Anbauen im Garten ist ja etwas ungünstigt, wenn man nichts sieht und dass “da draußen” meidet. Außerdem hockt man die ganze Zeit auf engsten Raum aufeinander. Das muss doch zu Streitereien führen! Da man nur einen kurzen Auszug der Ereignisse aufgezeigt bekommt, bleiben in dieser Hinsicht viele Fragen ungeklärt.

Das Buch lässt sich sehr angenehm lesen. Die knappen Dialoge und Sätze ohne großartige Schnörkel sorgen für eine beklemmende Stimmung während man sich von Kapitel zu Kapitel hangelt. Fast jedes Kapitel endet mit einem Cliffhanger. Entsprechend will man immer weiter lesen und baut ein rasants Lesetempo auf. Sodass das Buch eigentlich viel zu schnell wieder beendet ist.
Zu den unterschiedlichen Charakteren erfährt man nur das Nötigste. Man weiß genauso viel, wie sie preisgeben möchten. So darf man sich also viel dazu reimen. Was allerdings das “Wem kann ich trauen” noch mehr verschärft. Generell habe ich während des gesamten Buches eine fiese unterschwellige Bedrohung gespürt. Man kann das unbekannte “Es” förmlich fühlen. Zwar artet es nicht in einen Horror-Roman aus, dennoch war die Dauerspannung stets greifbar.

Sehr gelungen fand ich auch die Perspektivwechsel. So lernen wir Malorie mit ihren beiden Kindern kennen, denen sie die Augen dauerhaft verdunden hat und einmal den Ausbruch. Vier Jahre davor. Die Zeit, in der man anfing sich zu verstecken. Wo man menschliche Verluste ohne Ende verzeichnen musste. Wo alles in eine stumme Panik geriet. Diese beiden Parts wechseln sich immer wieder ab. Natürlich wird so noch mehr Spannung erzeugt. Man brennt darauf zu erfahren, ob die Menschen in dem sicheren Haus eine Art Lösung gefunden haben oder ob es auch jetzt – vier Jahre später – immer noch keine Idee gibt, was dieses “Es” ist.
Auf jeden Fall gibt es Überlebende, also muss es zumindest eine Chance geben dieses “Es” auszutricksen.

Alles in allem hat mir dieses Buch sehr gut gefallen. Besonders diese drückende Lesestimmung hat dafür gesorgt, dass ich es innerhalb weniger Stunden verschlungen habe. Schließlich wollte man das Ende wisssen!
Es gibt auch eines. Allerdings nicht so wie man es sich erhofft, denn viele Fragen bleiben trotzdem ungeklärt. Das fand ich etwas schade. Da aber die Bedrohung so real spürbar war, möchte ich vor allem den Schreibstil loben. Der ist einfach grandios! Der Inhalt selbst hätte gerne zumindest ein paar Lösungsansätze liefern können.

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Genre: Thriller, Endzeit, Science Fiction / VÖ: März 2015 / Verlag: penhaligon / Serie: Einzelband / Region: Amerika, Michigan

8 thoughts on “|Thriller| “Bird Box”

  1. Hi, eine sehr gute Rezension zu diesem Buch. Ich habe es gerade als Hörbuch täglich auf dem Weg von/zur Arbeit gehört und kann dir nur zustimmen. Die Sprecherin Anna Thalbach hat diese Stimmungen wunderbar rüber gebracht und gleichzeitig erschreckend realistische Szenen dargestellt. Auch wenn das Buch ein paar Fragen bezüglich "Es" (wer/was sind sie und woher kamen sie) nicht genau beschrieben wurde, hat es mir sehr gut gefallen und kann es nur empfehlen. Besonders gefallen hat mir die Stelle mit den Vögeln und sehr traurig hat mich die Stelle mit dem Hund in der Kneipe gemacht.

    Liebe Grüße,
    Uwe

    1. Das stimmt, als Hörbuch kann ich mir das Buch auch super vorstellen!
      Mich störten die offenen Fragen zu dem "Es" auch nicht. Aber wie unten bei Andrea geschrieben, sind auch einige logische Fragen (Nahrung???) ungeklärt und das fand ich was schade.

  2. Hallo Liebes,
    tolle Rezi! Und ich freue mich, dass ich mich auf dieses Buch freuen darf. Erdrückende Stimmung ist ja mein Ding. Ich werde es im Mai lesen, liegt schon bereit.
    Allerdings die offen bleibenen Fragen? Na mal schauen, manchmal stört es mich nicht, manchmal stört es mich :P

    1. Ich glaube, wenn man "es" aufklärt geht die ganze Spannung flöten. Denn es müste perfekt sein!
      Von daher stört mich dieser Aspekt nicht.
      Allerdings werden auch viele andere (sich logisch aufdrängende) Fragen nicht geklärt und das fand ich ein wenig doof :P

  3. So, endlich mal wieder online! :D Glänze im Moment mit Abwesenheit, dafür verschwinden immer mehr Bücher in Umzugskartons, was ich da schon so alles entdeckt habe in den letzten Tagen! :D

    Die Rezension zu "Todesblau" lese auch erstmal noch nicht, da muss ich erstmal selber lesen, aber auf deine Meinung zu "Bird Box" war ich gespannt!! Lotta hatte das Buch auch lobend besprochen und ich hatte es mir in der Verlagsschau schon notiert, muss ich, glaube ich, wirklich lesen, besonders, wenn Du hier auch den Schreibstil so positiv erwähnst, klingt überhaupt nach einem Buch, in das man für einen Sonntag mal gut flüchten kann. Sehr schön! :)

    1. Hab ich mir fast gedacht, dass du nun grad eher andere Sorgen hast, als deinen Blog. Ich glaube man nennt es das reale Leben *schauder* Klingt gruselig ;)

      Den Schreibstil haben auch ein paar kritisiert. Ich fand ihn hier passend und es würde mich wundern, wenn du komplett anderer Meinung wärst ;)

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