japantown

“Ein weiser Mensch hört, was keinen Laut verursacht, und sieht, was keine Form besitzt.” [Zen-Sprichwort]

Wie wahr dieses Sprichwort ist und wie verschieden man es auslegen kann, wird Jim Brodie in “Japantown” deutlich zu spüren bekommen. Zunächst fängt alles ganz harmlos an. Ein kaltblütiger Mord an einer Familie ruft die Polizei von San Francisco auf den Plan. Sie ist ziemlich ratlos, wer dies getan haben könnte, denn man findet so gut wie keine brauchbaren Hinweise, bis auf ein seltsames japanisches Zeichen. Entsprechend fragt man den Antiquitäten-Experten Jim Brodie, dessen Liebe zu japanischer Kunst bekannt ist. Als dieser das Kanji entdeckt, fällt er fast aus allen Wolken. Doch bevor er seinen Verdacht äußert will er sich ganz sicher sein und so vergleicht er das Zeichen mit dem, was damals bei seiner ermordeten Frau gefunden wurde. Sie stimmen zu 100% überein. Schlagartig ist das Interesse von Jim geweckt und er verspricht, den Beamten bei der Aufklärung zu helfen. Hätte er das auch gemacht, wenn er geahnt hätte, was da noch auf ihn zukommt?

So, wie man den Amerikaner kennenlernt, würde ich die Frage schlichtweg mit “Ja” beantworten. Schließlich erhofft er sich nun die Aufklärung an dem Mord seiner Frau. Warum also nicht direkt zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen? Kurz darauf steht ein weiterer Interessent auf seiner Matte. Mister Katsuyuki, ein mächtiger Konzernmogul aus Japan, möchte ebenfalls, dass der Killer gefunden wird. Schließlich wurde seine halbe Familie kaltblütig ermordet und das lässt keiner auf sich sitzen. Nach kurzem Hin und Her, nimmt Jim Brodie den Auftrag an und so arbeitet er ab sofort für zwei Klienten, was nicht jeden erfreut. Angefangen natürlich bei der örtlichen Polizei, über seine kleine Tochter, die tierisch Angst um ihn hat, bis hin zu den japanischen Mitarbeitern von Brodie Security, die vor allem dem Geschäftsmann nicht trauen. Doch sie haben alle ein Ziel und somit beginnt die Jagd.

Bald werden aus dem Jägern jedoch Gejagte, wie sie schmerzhaft erfahren müssen. Rasch werden Strategien geändert und der Zeitplan gestrafft. Aber keiner ist sich zu dem Zeitpunkt wirklich bewusst, wie groß die Gefahr ist. Die Gruppierung, der sie auf den Schlips getreten sind, macht kurzen Prozess und will auf keinen Fall enttarnt werden. Das heißt auch, dass man gnadenlos über Leichen geht, um Geheimnisse zu bewahren. Kann man dieser Übermacht überhaupt noch Herr werden? Was nützen perfekte Kampfkünste, wenn der Gegner mit fieseren Methoden kämpft? Doch so schnell gibt keiner auf und es entspinnt sich eine spannende Jagd nach der Wahrheit, die sich bis auf die letzten Seiten des Buches hinzieht. Das ist etwas, was bei einem dicken Schmöker von knapp 600 Seiten nicht selbstverständlich ist und somit einen fetten Pluspunkt verdient hat.

Man kann es sich jetzt fast denken, natürlich kommt die Spannung nicht zu kurz. Zunächst sind es nur kleine Wellen die geschlagen werden. Je mehr man sich aber der Wahrheit näher, umso großer werden diese und drohen die Beteiligten förmlich mit sich zu reißen. Dabei kommen die ruhigen Momente jedoch auch nicht zu kurz. Vor allem, wenn Jim mit seiner Tochter zusammen ist oder alten Erinnerungen an seine Frau nachhängt, kehrt besinnliche Ruhe ein. Die einem zum einen durchatmen lässt und zum anderen zeigt, dass dieser harte Amerikaner auch nur ein Mensch mit Gefühlen und normalen menschlichen Bedürfnissen ist. Das macht ihn sehr sympathisch. Da ich Band zwei bereits gelesen hatte, kannte ich ihn schon ein wenig besser und wusste, dass er sich nicht zu leicht unterbuttern lässt, dennoch überrascht er einen immer wieder mit verschiedenen Aktionen.

Sobald ein Buch sich spannend liest, ist es fast unweigerlich auch sehr flüssig geschrieben und kommt ohne komplizierte Fachbegriffe aus. Allerdings bekommt man von Barry Lancet auch einige wichtige Informationen mit auf den Weg und darf sein Allgemeinwissen weiter ausbauen. So geht er zum Beispiel auf die Entstehung der Kanji-Zeichen ein und erklärt die Herstellung von dem Papier, auf dass es geschrieben wird. Ebenso erfährt man wieder einiges über alte Clans und mächtige Herrscher in Japan, die ihren Ursprung weit in der Vergangenheit haben. Zwar wird hier nicht alles wahr, sondern der fiktiven Ader entsprungen sein, doch irgendwie steckt irgendwo immer ein Fünkchen Wahrheit drin.
Diese Erklärabschnitte werden übrigens nie langweilig. Wer sich für Japan interessiert wird automatisch die Informationen in sich aufsaugen, sofern er sie nicht sogar schon kennt.

Alles in allem kann ich diesen Serienauftakt auf jeden Fall empfehlen. Mir hat er sogar einen Ticken besser gefallen als der zweite Teil, den ich vor kurzem gelesen habe. Was wohl an der dauerhaften Spannung liegen mag, die in der Fortsetzung nicht in dieser Form vorhanden war. Dort wurde sich mehr auf andere Dinge konzentriert.
Trotzdem halte ich die Geschichten um Jim Brodie absolut lesenswert und werde hier auf jeden Fall am Ball bleiben. Es würde mich nicht mal wundern, wenn diese Reihe in dem kommenden Jahren verfilmt wird…

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Genre: Thriller / VÖ: Juni 2014 / Verlag: Heyne / Serie: Band 1 / Region: Amerika + Japan

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