blinde sekunden, buchkritik, crime, rüther

Stell dir vor, du bist in die Frau deines besten Freundes verliebt und stell dir nun auch noch vor, dass diese deine Gefühle erwidert. Was würdest du an dieser Stelle machen? Die Gefühle unterdrücken, damit die Freundschaft nicht zerstört wird? Oder es ausleben – hinter dem Rücken des jeweiligen Partners? Oder noch besser, es offen ansprechen und klaren Tisch machen?

“Nach vielen Jahren standen sie jetzt kurz davor, Grenzen zu überschreiten, die sie eigentlich stets zu wahren versucht hatten. (S.19)

Nach ewiger Unterdrückung seines Verlangens, gibt Sven nach und beschließt, sich mit Silvia, eben jener Frau seines besten Freundes zu treffen. Die Büchse der Pandora ist quasi geöffnet und es gibt kein zurück mehr. Man entscheidet sich in einem Hotelzimmer zu treffen. Ein Klassiker. Hibbelig bereitet Sven alles vor und versucht dem Hotelzimmer seinen Hotelflair zu nehmen. Aber nicht zu kitschig. Schließlich mag Silvia das nicht. Irgendwann ist dann der große Moment gekommen und Silvia betritt die Hotellobby um sich auf das gebuchte Zimmer zu begeben.

Doch sie kommt nie dort an.

Parallel zu den Ereignissen ist der Schönheits-Chirurg Dr. Karl Freiberger in der Stadt unterwegs und pflegt seine Kontakte. Er ist ein angesehener Arzt und vor allem um das Wohl seiner eigenen Frau bemüht, die Dank starker Depressionen ans Haus gefesselt ist. Vor kurzem hat sie auch eine schwere OP hinter sich bringen müssen und liegt nun sogar noch im Bett. Doktor Freiberger musste sich sogar eine Haushaltshilfe zur Unterstützung holen.

Er hat Silvia mit als einer der letzten lebend gesehen und wird somit zu einem wichtigen Zeugen.

Denn es schwebt der große Verdacht im Raum, dass die gute Silvia Opfer eines Serienkillers wurde, der seit geraumer Zeit seine Kreise zieht. Kommissar Eberhard Rieker befasst sich mit dem Fall, der sein letzter, vor seiner anstehenden Pensionierung sein soll. Nur muss die sich wohl noch etwas gedulden. Da Rieker ahnt, dass hier mehr dahinter steckt, als man anfangs vermuten könnte und fängt an sich in dem Fall zu verbeißen. Ganz der brave Kommissar.

Wie man sicher schon gemerkt hat, gibt es drei große Handlungsstränge, die alle irgendwie miteinander verbunden sind. Und man erfährt eine Menge über die jeweiligen Charaktere. Kann sich somit ein sehr gutes Bild von ihnen machen und sie so besser einschätzen. Ob einem das bei der großen Lösung hilft, ist fraglich.

Man dreht sich nämlich sehr lange im Kreis, hat keine wirklichen Spuren, nur Verdachtsmomente. Es spielt sich das bekannte Gezeter im Hintergrund auf dem Revier ab. (Mein Fall! Nein, meiner!) Sven muss sich mit argen Gewissensbissen zu herumschlagen, was sich natürlich auf seine Beziehung auswirkt und der gute Doktor hat stärker mit der Krankheit seiner Frau zu kämpfen als gedacht. Da passt ihm die Fragerei der Polizei mal so überhaupt nicht in die Tüte.

Durch das ganze hin und her, weiß man lange nicht, wer der Täter ist. Man hat nur Vermutungen, ähnlich wie der Kommissar, was für die Spannung recht vorteilhaft ist.

Leider ist es der Autorin nicht gelungen, dies bis zum Ende durchzuziehen. Das große Manko sind nämlich die zeitlichen Sprünge zwischen den Kapiteln. Da liegen nicht nur Tage, sondern manchmal Monate dazwischen. So entstehen Lücken und man verliert den roten Faden der Geduld. Warum künstlich ziehen? Sollte es realer wirken? Wie richtiege Ermittlungen? Diese Form der Umsetzung ist in meinen Augen etwas misslungen. Deutliche Abschnitte im Buch zum Beispiel wären eine Möglichkeit gewesen.

Mich hat das Buch letztlich nicht zu 100% überzeugen können. Anfangs war ich Feuer und Flamme und erfreut über die Tiefe und Vielseitigkeit, die das Buch aufzeigt. Doch durch die Sprünge habe ich den Leseelan verloren und irgendwann war mir auch sehr klar, wer der Täter ist und dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis die Polizei auch dahinter kommt. Schade um das Buch. Ich würde aber dennoch weitere Werke der Autorin in Augenschein nehmen, da sie durchaus Potenzial hat!

 

Randnotizen:

eine weitere Meinung zu dem Buch von Papiergeflüster und dem Lesefuchs


Genre: Thriller / VÖ: Juni 2016 (Neuauflage) / Verlag: Aufbau Verlag / Serie: Einzelband / Ort: Hamburg

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