…mit Sketchnote

“Er lässt meine Hand los und führt die Beamten über unsere vordere Veranda ins Haus. Und die Mauern meines so sorgsam aufgebauten zweiten Lebens stürzen einfach so ein.” (S.46)

Helena Pelletier steht vor den Scherben ihres Lebens. Mühsam hat sie sich abgekapselt. Hat ihren Namen geändert. Sich eine Familienidylle mit ihrem Mann und zwei Töchtern aufgebaut und selbst ihnen nie DAS große Geheimnis verraten. Aus Schutz oder aus Angst? Fakt ist, dass ihr dies nichts genützt hat, da das Übel – ihr Vater – aus dem Gefängnis ausgebrochen ist und alles mit einem Schlag ans Tageslicht kommt.

Plötzlich wird ihr klar, dass sie die Vergangenheit nicht einfach ausblenden kann. Sie muss sich ihr stellen. Jetzt, als erwachsene Frau, wo sie eine andere Sicht auf die Dinge hat, als als Kind. Sie kennt das Moor, wo sie jahrelang zusammen mit ihrer Mutter und ihrem Vater gelebt hat, wie ihre Westentasche. Sie weiß, wie man jagt und Fährten liest. Wie man eins mit der Natur wird. Das kann die Polizei nicht und so bleibt nur ein Weg offen: Sie muss ihren Vater selbst suchen.

“Wenn irgendjemand meinen Vater fassen und ins Gefängnis zurückbringen kann, dann bin ich es. Niemand kann meinem Vater das Wasser reichen, wenn es darum geht, sich in der Wildnis zurechtzufinden, aber ich bin nahe dran. […] Ich weiß, wie er denkt. Was er tun wird. Wohin er gehen wird.” (S.57)

Natürlich spricht sie ihre Pläne nicht offen aus, sondern nutzt einen passenden Moment aus, um zusammen mit ihrem Hund im Moor abzutauchen. Nach kurzer Zeit hat sie bereits einen ersten grausigen Hinweis entdeckt: Ein toter Polizist liegt am Waldesrand. Kurz und schmerzlos hingerichtet. Und dabei entdeckt sie etwas, was sie so nicht erwartet hat. Ein Zeichen. Ihr Vater weiß, dass sie ihm auf der Spur ist. Sieht er es als Spiel? So wie damals? Ab diesem Moment ist der Jagdtrieb in Helena vollstens erwacht.

Jetzt fragt man sich, warum macht sie das? Warum fügt sie sich dieses Leid zu? Sie weiß, dass doch zu was ihr Vater fähig ist! Ja, das weiß sie inzwischen, aber dennoch ist er ihr Vater. Ein Mann, den sie geliebt hat. Der ihr vieles beigebracht hat. Ein perfektes Vater Tochter Verhältnis. Dass er in Wirklichkeit ein Psychopath ist, der ihre Mutter entführt hat und dass seine Strafen bei Missachtung von Aufgaben Folter und nicht normale Erziehungsmaßnahmen waren, wusste sie lange Zeit nicht. Und nun möchte sie damit abschließen.

“Die Leute scheinen das Foto als ein Sinnbild für den bösartigen Charakter meines Vaters zu sehen, den fotografischen Beweis dafür, dass er beabsichtigte, meine Mutter und mich lebenslang als Gefangene zu halten. Für mich markierten die Schuhe nur mein Wachstum, so, wie andere Leute ihre Kinder mit Kreide an einer Wand messen” (S.69)

An dieser Stelle folgt ein entscheidender Hinweis meinerseits: Dieses Buch ist kein Psychothriller. Es ist die Geschichte einer Frau, die in der Wildnis aufgewachsen ist, die nicht wusste, dass dieses Leben DORT nicht normal ist. Für sie war ihr Vater, ein Mann zu dem sie erstaunt aufgeschaut hat und ihre Mutter eine stille, in sich gekehrte Frau. Es wird aus ihrer Sicht beschrieben, was sie erlebt hat. Wie sie gelebt hat und welche Auswirkungen das moderne 21.Jahrhundert letztlich auf sie hatte.

Im Hintergrund – quasi der Gegenwart – versucht sie nun ihren Vater aufzuspüren und mit ihrem Gewissen zu recht zu kommen. Schließlich liebt sie ihre neue Familie und möchte ihnen durch ihre Vergangenheit kein Leid zufügen. Der Wechsel zwischen Vergangenheit und Gegenwart geschieht ständig. Es ist, als ob Helena vor einem sitzt und über alles berichtet. Dieser Stil sorgt natürlich für eine gewisse Spannung, da man wissen will, wie sie reagiert, wenn sie nach Jahren ihrem Vater wieder gegenübersteht.

Letztlich hat mich dieses Buch erstaunlich gut unterhalten. Dank ein paar Hinweisen vorab, wusste ich, dass ich keinen sauspannenden, nervenaufreibenden Thriller erwarten darf. Nur gegen Ende will man, dass die gute Helena nicht mehr so viel sinniert und endlich weiter ihren Vater sucht, denn die Spannung nimmt doch merklich zu und die häufigen Szenenwechsel bremsen den Fluss etwas aus.

Lesenswert, wenn man sich auf die Geschichte einer Gefangenen einlassen kann, die nun endlich alle Fesseln von sich lösen möchte. Dieser Weg ist sehr steinig und holprig, aber er wirkt authentisch und es macht Spaß ihr zu folgen.


Genre: Crime / VÖ: Juli 2017 / Verlag: Goldmann / Seiten: 384  / Serie: Einzelband

weitere Kritiken: buechermonster, pergamentfalter, …

erhältlich bei: hugendubel

11 thoughts on “|Crime| “Die Moortochter”

  1. Ein schönes Fazit zu einem interessant klingendem Buch! Sehr schön gefällt mir, wie du das Buch mit einer selbst erstellten Handlettering-Seite beschreibst und schmückst! Ganz toll, diese Idee! Zudem scheinst du es damit draufzuhaben. Sieht sehr gelungen aus, die Schrift und das Gemalte. Hat mir auch schon bei deiner letzten Rezension sehr gut gefallen. Werde ab jetzt ganz speziell auch immer darauf achten! hihi

    GlG vom monerl

    1. Dein Kommi geht ja hier :D Das ist ja ma fein!

      Und Danke :3 Jahrelange Übung und inzwischen bin ich sehr happy mit meinen Ergebnissen. Ich mach die aber nicht immer! Meistens bei den “großen” Kritiken unten selten bei den “Kurz Kommentierten” da sie doch recht zeitintensiv sind ;)

  2. Hey!
    Eine schöne Rezension! Vielleicht ist es wirklich nochmal ein anderes Lesen, wenn man bereits vorgewarnt wurde, dass das Buch kein Psychothriller ist, wie das Cover behauptet. Keine Ahnung, die Naturbeschreibungen waren mir trotzdem stellenweise etwas zu viel ;-)
    Ich finde die Idee mit den Sketchnotes super; das sieht richtig gut aus und gibt deiner Rezension eine tolle persönliche Note!

    Liebe Grüße
    Sarah

    1. Ich kenns ja aus meiner Zeit, als ich noch recht naiv an die Genrezuteilungen herangegangen bin: Ja, man geht anders an Bücher heran. Aber das mit der Natur könnte dich wohl auch so gestört haben :P

      Danke dir :3 Macht immer viel Spaß die zu zeichnen!

    1. Oh, du hattest es auch gelesen – hatte ich gar nicht mehr auf dem Schirm. Aber schön zu hören, dass es dir auch gefallen hat! Und ja, die Auorin darf gern mehr in dem Stil schreiben!

  3. Oha, deine Rezi macht mich jetzt doch neugierig, obwohl ich in diesem Genre sonst so gar nicht Wildere. :-D
    Aber dieses “Jagdspiel” und wie du die Spannung beschreibst, zusammen mit den Zitaten, lassen meine Neugier einfach steigen. … Und die WuLi weinen. :-D
    Danke! :-D

    1. Och, man muss sich auch mal was trauen XD
      Ich bin ja auch ein Naturmensch (ein Grund, warum ich nie in die Großstadt ziehen könnt) und von daher fühlte ich mich in dem Buch direkt heimisch :3

    1. Ist für mich dann hier wieder schlechte Verlagsarbeit bzw jmd hat sich das Buch einfach nicht genau genug angeschaut und enttäuscht somit Leser :(

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