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“In  diesem Sommer redeten alle in Shaker Heights darüber, wie Isabelle, das jüngste Kind der Richardsons, schließlich durchdrehte und das Haus niederbrannte.” (Buchbeginn”)

Und vorbei. Das ist das Ende der Geschichte. Isabelle hat das Haus ihrer eigenen Familie in Brand gesetzt und ist somit zu einer kleinen Sensation geworden. Schließlich macht so etwas niemand hier. Man benimmt sich. Ist ein Vorbild und von höherem Stand. Da werden Konflikte gerne ausgeblendet und hinter einem steifen, überbreiten Lächeln versteckt. Es ist also ganz so, wie man es bei dem Namen “Shaker Heights” schon spürt: Nichts ist so, wie es scheint.

Doch wie kam es zu diesem Ausbruch an Gefühlen? Dazu müssen wir gerade einmal ein Jahr in der Vergangenheit zurückspringen. Damals zog eine junge Mutter mit ihrer Tochter in die feine Vorstadt. Nicht in eine der Villen, sondern in ein kleines Haus, in dem zwei Parteien wohnen konnten. Natürlich durfte man das von außen nicht sehen. Das Erscheinungsbild der Straße musste bewahrt werden.

“Denn allen war klar, dass Viertel mit Mietshäusern zu den weniger begehrten zählten. So war das in Shaker Heights. Es gab Regeln, viele Regeln, was man tun und nicht tun durfte, wie Mia und Pearl nach dem Einzug in ihre neues Heim schnell begriffen.” (S.18)

Man entwickelt eine richtige Liebe zu den Menschen dort, nicht wahr? Zugeben, ich habe mich anfangs an “Desperate Housewives” erinnert gefühlt. Alles ist super duper fein. Man hat sich lieb, verdient gutes Geld und führt ein erfolgreiches kleines Familienunternehmen. Aber die Fassade bröckelt. Die Künstlerin Mia bringt frischen Wind in das Viertel. Eher ungewollt. Es liegt an ihrer sanften Art und ihren Einsichten zum Leben. Sie hilft den Kindern, sorgt sich um ihre Freunde und unterstützt, wo sie nur kann. Doch selbst sie hat ein dunkles Geheimnis.

Es gibt Menschen – allen voran die gute Mrs Richardson – die dieses Geheimnis lüften wollen. Sie sehen in Mia einen dunklen Fleck der Schande, der beseitigt werden muss. Wenn es nötig ist, dann muss eben der harte Reiniger herbei geholt werden. Damit alles wieder fein porentief rein wird. Schließlich gehört sich so etwas in Shaker Heights nicht. Niemals! Ob nur sie das so sieht, oder auch ihre eigen Familie?

“Mrs Richardson hatte diesen Anfang vorhergesehen und darauf vertraut, dass ihr Instinkt die Unterhaltung in die gewünschte Richtung lenken würde. Einem Interviewpartner Informationen zu entlocken – das hatte sie über die Jahre gelernt – war ungefähr so, wie eine Kug zu führen: Man musste das große, störrische Tier auf den richtigen Weg lenken und es gleichzeitig in dem Glauben lassen, es sei eigenständig unterwegs.” (S.210)

Mit der Zeit wendet sich das Blatt. Der Ton ändert sich. Von den verzweifelten Hausfrauen, wechseln wir zum turbulenten Teenager-Alltag. Plötzlich bekommt das Geschehen einen Jugendbuch-Touch. Wir schlagen und mit den Problemen und Sorgen, aufwachsender Jugendlicher herum und nur am Rande kommen die Eltern als Berater zu Wort. Natürlich hat der Inhalt, einen Einfluss auf das kommende Geschehen, dennoch wurde ich mit dem Part nicht ganz glücklich.

“Kleine Feuer überall”, was auch im Original so heißt, ist ein perfekter Titel. Überall brodelt es. Man hat seine kleinen unzufriedenen Punkte, die man tief in seinem Inneren versteckt. Dort keimen sie heran. Glühen vor sich hin und wollen sich emporzündeln. Sie wollen zu Wort kommen. Dafür benötigt man einen Auslöser. Dieser Auslöser ist in Form einer kleine Familie nach Shaker Heights gekommen. Diesen Anreiz finde ich super gewählt. Man weiß, was passieren wird und fragt sich nun ständig, wie es dazu kam. Dass da letztlich noch viel mehr unter der Decke brodelt, ist ein feiner Bonuspunkt und zugleich eine spannende Überraschung.

Abschließend habe ich das Buch mit einem lachenden und einem weinenden Auge zugeschlagen. Nicht, weil es mit emotional so berührt hätte. Nein, weil ich einerseits die Idee hinter allem gut gewählt finde und andererseits von der Umsetzung mit der Zeit enttäuscht war. Das Buch liest sich flott weg, man spürt sofort an der Tonlage, wenn es anfängt umzuschlagen. Dennoch hat es mich ab der Hälfte nicht mehr so extrem gepackt, wie anfangs. Selbst das “große Geheimnis”, konnte meinen Gesamteindruck nicht verbessern. Ich hab es eher mit einem fast gleichgültigen inneren Schulterzucken aufgenommen.

Lesetipp, ja oder nein? Ich spreche mich für ein Nein aus, dafür war ich zu enttäuscht.


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Genre: Roman / VÖ: April 2018 / Verlag: dtv Verlag / Seiten: 382 / Serie: Einzelband

weitere Kritiken:  Leselust, LeckerereKekse, …

erhältlich bei: hugendubel


gelesen Dank “Vorablesen

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