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Sommer 1982. Italien feiert ausgelassen seinen verdienten Weltmeister-Titel. In mitten dieser ganzen Freude wird fast ungemerkt eine junge Frau ermordet. Es handelt sich um die 18jährige Italienerin Elisa Sordi. Direkt werden die Ermittlungen in Gang gesetzt, um den Mörder zu finden. Doch der Commissario Michele Balistreri hat seinen Kopf ganz woanders. Während er Zeugenaussagen aufnimmt und die Alibi diverser Personen überprüft und seine Arbeit eher stümper- als gewissenhaft erledigt.

Er nimmt denn Fall komplett auf die leichte Schulter. War schließlich sicher nur irgendein enttäuschter Verehrer gewesen, der nun gefasst werden muss, wie es so oft bei weiblichen Opfern der Fall ist. Warum also groß anstrengen? Seine Haltung diesem Fall gegenüber wird ihn allerdings noch teuer zu stehen kommen und so ist es fast nicht verwunderlich, dass nach über zwanzig Jahren ein weiterer Mord geschieht und Verbindungen zu eben jenem aus der Nacht des Fussballsiegs bestehen, die sich zunächst keiner eingestehen will.

Michele ist das Spiegelbild eines Super-Machos.

Er ist ein Frauenheld schlechthin und ist von sich und seiner Optik vollkommen überzeugt. Die Frauen landen scharenweise mit ihm in der Kiste und selbst die eigensinnigste Sekretärin ist nicht vor ihm sicher, solange sie einen ordentlichen Vorbau hat. Neben dieser Fleischeslust, legte er seine Leidenschaft noch in das Pokern, das Trinken von Whisky und natürlich Zigaretten. Dass das alles irgendwann zu seinem Untergang führen könnte ist dem Leser völlig klar und auch der Commissario macht sich nichts vor. Mit fünfzig würde er eh in Afrika sein und dieses ganze Dasein hier in Rom hinter sich lassen. Den Polizistenjob an den Nagel hängen und die Seele in der warmen Sonne baumeln lassen. Also warum nicht jetzt das junge Leben in vollen Zügen genießen?

2005. Dreiundzwanzig Jahre sind vergangen und Michele arbeitet immer noch als Commissario in Rom. Doch sein Leben ist nun das komplette Gegenteil. Frauen hat er schon lange nicht mehr im Bett gehabt und auch seine lockere Lebensfreude ist wie weggeblasen. Desillusioniert und verbissen erledigt er seinen Job. Kleine Tabletten helfen ihn über den Alltag hinweg und so vegtiert er quasi vor sich hin. Plötzlich geschehen grausame Frauenmorde in der Metropole Roms und das zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt.

Es stehen die Bürgermeisterwahlen an und Michele wird von seinem Chef dazu verdonnert die Fälle schnellstmöglich aufzuklären. Die Wahlen sollen in Frieden ablaufen und nicht mit Aufständen. Denn wird schnell der Verdacht gehegt, dass die unbeliebten Roma an den Morden Schuld sind. Man spürt förmlich wie sich der Hass und die Wut in den Bürgern Roms anstaut.

Doch Michele Balistreri denkt nicht daran den gleichen Fehler noch mal zu machen und seine Instinkte erwachen langsam zu neuem Leben.

Hier steckt weit mehr dahinter, als es zunächst den Anschein hat. Je mehr er mit seinen Mitarbeitern und Kollegen recherchiert und erste Fakten auf den Tisch legt, umso mehr wird klar, das hier ist ein Level, dass man nicht mit seinem Gegner spielen möchte. Jeder scheint Dreck am stecken zu haben. Seien es wohlhabende Bürger, die gesegneten Priester, der freundliche Politiker oder gar der nette Nachbar. Alle haben etwas zu verbergen und es liegt an dem Commissario und seinem Team, dies herauszufinden und den wahren Mörder zu präsentieren. Der Weg dorthin ist lang, steinig und recht gefährlich.

Wer jetzt schon denkt, dass das recht komplex und verworren klingt, der soll recht behalten.

Allein der Vergleich von 1982 zu 2005 wird sehr gut dargestellt. Es werden die Pro und Contra dargelegt. Es wird deutlich der Verfall und das Aufblühen diverser Charaktere beschrieben. Allen voran natürlich mit dem Commissario Michele Balistreri. Dieser kommt aus der Ich-Perspektive zu Wort und das ist hier auch eine gut gewählte Erzählweise. So kann man einiges von seinen Sichtweisen besser nachvollziehen und man bekommt ein Gespür für seine Gedankenwelt. Nicht alles ist nachvollziehbar und lobend hervorzuheben, aber seine Verbissenheit und seine Gabe Dinge zu durchschauen machen ihn irgendwie symphatisch. All das was er sich in seinen jungen Jahren beim Leser verbaut hat, holt er nun wieder nach und er wächst einem ans Herz.

Die Handlung geht sehr in die Tiefe. So kommt die dunkle Grundstimmung wunderbar herüber und man wandelt selbst in diesen Stimmungsphasen beim Lesen mit. Die Korruption und Hinterhältigkeit die einem dargeboten wird, ist einfach nur grausam. Ist die Welt wirklich so hinterhältig? Man hofft sehr, dass dies hier alles nur den fiktiven Fingern eines italienischen Schriftstellers entspringt. Denn solche Verschwörungen auf so hoher Ebene wünscht man sich nicht im Geringsten.

Roberto Costantini bietet dem Leser hier also nicht nur ein oberflächliches Lesevergnügen, sondern geht in die Tiefe. Er beschreibt die finanzielle Situation, die Lebensumstände der Figuren und die politische Gespanntheit, die vor allem wegen den ungewünschten Roma aus dem Bezirk “Casilino 900” herrscht. Die dicke Luft ist die ganze Zeit spürbar, ebenso die Spannung. Wenn man glaubt, dass sie dem Killer dicht auf den Fersen sind, geschieht eine weitere Wende. Eine neue Ungereimtheit taucht auf und der Schwindel muss entdeckt werden.

Zeitweise sind diese Verstrickungen verwirrend. So sollte man diese Buch nicht all zu lange aus der Hand legen und eine Lesepause einlegen. Es könnte sein, dass man dann im nächsten Kapitel den Zusammenhang nicht direkt versteht und noch einmal ein paar Seiten zurückblättern muss. Das ist mir selbst passiert und danach habe ich diesen “Fehler” nicht noch einmal gemacht. Ein weiterer kleiner Kritikpunkt sind die Namen. Wobei das dem Autor eigentlich nicht vorhalten kann. Allerdings ist es zunächst schwierig die italienischen Namen gedanklich auszusprechen. Hier wird nicht nur Alberto und Maria verwendet, sondern vor allem die Nachnamen lassen einen ab und an leicht stolpern. Doch sobald man mit der Welt rund um Michele vertraut ist, kommt man auch damit zurecht.

Der Schreibstil ist trotz der kleinen Kritikpunkte sehr flüssig zu lesen.

Es wird Stück für Stück alles abgehandelt. Man bekommt Gedankenfetzen dargeboten, die kaum gedacht, schon wieder verschwunden sind und grübelt unablässig, in welchem Zusammenhang diese zu den Ermittlungen stehen. Denn nichts was hier erwähnt wird, geschieht ohne Hintergedanken. So wird man das eine oder andere Mal in die Irre geführt und auf der nächsten Seite wiederum bekommt man einen wichtigen Hinweis präsentiert, sodass das sich das Puzzle ein Stückchen weiter zusammen setzen lässt. Das macht sehr viel Spaß beim Lesen, vor allem, wenn man sich darauf einlassen kann. Das Ende selbst halte ich für gelungen und selbst kurz vor Ende glaubt man seinen Augen nicht zu trauen, was da so alles an das Tageslicht kommt und warum man die Indizien nicht schon eher erkannt hat. (Dafür ist es aber einfach zu komplex, um es durchschauen zu können.)

Alles in allem fühlte ich mich sehr gut unterhalten. Es ist ein Thriller auf einem anderen Level und man hat ihn nicht mal eben in einem Rutsch gelesen. Das liegt natürlich nicht nur an der Seitenanzahl, sondern an der Fülle an Informationen die einem geboten werden. Ich kann mir allerdings auch vorstellen, dass dieses Buch dem ein oder anderen überhaupt nicht gefällt. Vor allem wegen dem Inhalt und dem provokanten Charakter Balistreri.
Dennoch war es gerade dieses Zusammenspiel von Macht, Furcht und Manipulation, was dieses Buch zu etwas besonderem macht. Ich hoffe Roberto Costantini kann dieses Level auch in den kommenden Bänden halten, schließlich sind noch ein paar Fragen offen geblieben, die in der Trilogie geklärt werden müssen.


Genre: Thriller / VÖ: August 2012 / Verlag: C.Bertelsmann / Serie: Band 1 von 3

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