der ruf der tiefen

Das letzte Buch, was ich von Wolfgang Hohlbein gelesen habe, war “Infinity – Der Turm”. Ein gewaltiger Fantasy-Epos, in dem sich alles um einen mystischen Turm dreht, der bei weitem nicht so normal ist, wie man im ersten Moment glauben mag. Doch gerade diese Entführung in eine andere Welt, die so glaubhaft dargestellt ist, dass man sich perfekt reinfühlen kann, fasziniert mich an dem Schreibstil von dem deutschen Autor aus Weimar.
Somit hatte ich natürlich gewisse Erwartungen und Hoffnungen an sein neustes Werk “Der Ruf der Tiefen”.

Das Cover sagt schon einiges über den Inhalt des Buches aus. So sieht man einen riesigen Kraken, der ein Schiff in Beschlag nimmt. Die Grafik erinnert an H.P.Lovecraft und seinen Cthulhu-Mythos. Eine Welt, in die Hohlbein sehr gerne eintaucht. So hat er dies bereits in “Der Hexer von Salem” getan. Eine Reihe, die ich jedem Horror-Liebhaber nur ans Herz legen kann. Somit möchte er die Leser nun wohl erneut in diese schaurige Welt eintauchen lassen, die durchaus für schlaflose Nächte und der Angst vor Dunkelheit sorgen kann.

Der Inhalt ist schnell erzählt.

So geht es um die junge Dame Janice Land, die ihren Verlobten Joffrey Coppelstone vermisst. In einem letzten Brief berichtet er von seiner Arbeit und dem seltsamen Ort namens Magotty, an dem er gelandet ist um einen Auftrag seiner Firma zu erledigen. Bereits seit einem Jahr ist er nun schon verschwunden und während Joffrey’s bester Freund Steve Waiden sich mit dessen Tod abgefunden hat, will Janice die Hoffnung nicht aufgeben, solange sie keine Leiche vor sich liegen hat. Entsprechend reagiert sie recht ungestüm, als man ihr erklären will, dass es keinen Ort namens Magotty in Neuengland gibt. Nachdem sie dann auch noch eine seltsame Begegnung in ihrem heimischen Bad macht, der ihr ganz und gar nicht geheuer ist, beschließt sie, sich selbst auf die suche nach der Stadt zu machen. Schließlich war Joffrey nicht krank im Kopf. Warum sollte er ihr Lügen erzählen? Sie wollten heiraten!

Steve versucht vergeblich ihr diese Reise auszureden und so begleitet er Janice, bei ihrer Suche nach der Wahrheit. Dabei stolpern sie desöfteren über Ungereimtheiten und Begegnungen, die vor allem Janice an sich zweifeln lassen. Keiner außer ihr will die wabbeligen Wesen gesehen haben, die aus dem Boiler im Bad kamen. Keiner will das riesige eiserne Schiff gesehen haben, was draußen im Sturm unheimlich auf der unruhigen See drohnte. Keiner sieht ihre nächtlichen Besucher oder gar die krakenähnlichen Wesen, die ihr am Strand aufgelauert haben.

“Aber sie hatte es gesehen! Sie war doch nicht verrückt!” (S. 105)

Eine Krankheit wird ihr angedichtet und so ist Janice nahe dran, es selbst zu glauben. Doch dann ereignet sich ein Zwischenfall, der sie nur in ihrem Gesehenen bestätigt und auch den Glauben darin stärkt, dass ihr Verlobter noch am Leben ist. Ein harter Kampf um Hoffnung und Vertrauen ins sich selbst beginnt.

Janice ist eine Figur, wie ich so noch nicht erlebt habe. Einerseits ist sie sehr selbstbewusst und von sich überzeugt. Für eine junge Frau, die zur Zeit der Industrialisierung auf sich selbst gestellt ist, ist das nicht selbstverständlich. Andererseits wirkt sie sehr arrogant und ungestüm. So hat man zeitweise das Gefühl, dass ihr vollkommen egal ist, wie ihr Umfeld sie wahr nimmt. Dankbarkeit scheint ihr meistens ein Fremdwort zu sein. Janice glaubt das sagen zu haben, doch immer wieder wird sie des besseren belehrt, wenn ihr Steine in den Weg gestellt werden.

In solchen Momenten reagiert sie sehr undamenhaft und lässt ihrer Wut freien Lauf. Besonders in Form von Worten.
Ihr treuer Begleiter Steve, der von ihr oft als “dumm” dargestellt wird, wirkt eher tollpatschig und verwirrt. Obwohl nicht er diese schaurigen Begegnungen erlebt, sondern Janice. Doch gegen Ende des Buches zeigt er dem Leser, was wirklich in ihm steckt. Die Rollen werden hier quasi vertauscht, wenn es zum Showdown kommt.

Zum Schreibstil könnte man jetzt sagen: Er ist so wie immer bei Hohlbein. Doch das klingt für meinen Geschmack zu fad und einseitig. Natürlich bekommt man den typischen Schreibstil mit langen Sätzen und Beschreibungen präsentiert. Dennoch finde ich nicht, dass man alles über einen Kamm scheren kann, gemäß dem Motto: “Kennst du ein Buch, kennst du alle.”

Jedes Buch von ihm hat seinen eigenen Stellenwert. So ist das eine besser, das andere schlechter verpackt. In “Der Ruf der Tiefe” merkt man deutlich Hohlbeins Liebe zu den H.P.Lovecraft Erzählungen. Schließlich kommt nicht nur “Neuengland” darin vor, sondern auch die “Tiefen Wesen”. Amphibienartige feuchte Geschöpfe, die für Ekel und eine verständliche Wasserscheuheit bei Janice sorgen. Trotz der guten Erklärungen und Beschreibungen der Szenen in denen die Tiefen Wesen zu Wort kommen, will kein richtiger Schauer beim Lesen aufkommen. Man nimmt es auf, kann es sich wunderbar vorstellen, verspürt die gleiche Abneigung wie Janice und dennoch schockiert es einen nicht so wie erhofft.

Mir fehlte hier einfach der Horror-Touch, wie ich ihn aus anderen Büchern von Hohlbein kenne.

Auch der Spannungsaufbau flacht mit zunehmender Seitenzahl ab. Ist man anfangs total geflasht von der Idee und der wilden ungestümen Miss Lands, lässt dieser Eifer zunehmend ab. Man hat das Gefühl man kommt zeitweise nicht vom Fleck. Als ob man sich die ganze Zeit im Kreis dreht. Im Grunde genommen macht man das auch. Schließlich kann auch Janice lange nichts handfestes beweisen und fängt an, an sich zu zweifeln. Dennoch sollte man dem Leser hier und an, etwas zum Beißen geben, damit der Wille am lesen nicht nachlässt.

Da ich am Ausgang der Story interessiert war, habe ich das komplette Werk gelesen und nicht abgebrochen. Das Ende war dann okay, aber nicht so überwältigend wie erhofft. Ich hätte mir mehr Spannungselemente, ein rasanteres Tempo und viel mehr beantwortende Fragen gewünscht. Man schwebt zeitweise sehr in der Luft. Was natürlich das fehlende Wissen von Janice unterstützt. Aber wenn nach der Hälfte der Buches immer noch nichts richtig passiert ist, wird man ungeduldig.

Alles in allem muss ich leider sagen, dass man dieses Buch lesen kann, aber nicht muss.
Einsteigern in den Hohlbein-Mythos würde ich dieses Werk nicht empfehlen. Zu groß wäre hier die “Gefahr”, dass sie kein Buch mehr von dem Autor anrühren werden.
Die Idee hinter allem ist super. Die Umsetzung an sich auch. Allerdings hapert es an den oben genannten Punkten und somit rutscht es auch in der Gesamtbewertung nach unten. Das ist sehr schade!


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Genre: Fantasy, Mystery / VÖ: Dezember 2015/ Verlag: Piper / Serie: Einzelband


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