das stumme kind, michael thode, buchkritik

In einem kleinen Dorf in der Lüneburger Heide kommen der Kinderarzt Andreas Joost und der Rechtsanwalt Thomas Wilke auf grauenhafte Weise ums Leben. Rasch ist klar, es gibt eine Verbindung zwischen den beiden Männern: Joosts Tochter Anna, ein autistisches Mädchen, das noch nie ein Wort gesprochen hat. Das Geheimnis, das die Beteiligten miteinander verbindet, führt tief in menschliche Abgründe. Und die Zeit zur Aufklärung des Falles drängt – denn der Täter hat bereits sein nächstes Opfer ins Visier genommen …[bastei lübbe]

Meine Meinung: 

Gut, ein interessanter Plot, eine wunderbare Ausgangslage für interessante Ermittlungen und es drängen sich direkt die ersten Fragen auf. Was ist die Verbindung zu der kleinen autistischen Anna? Wieso wurden sie beide ermordet? Wer will hier Rache nehmen? Denn schließlich schaut es stark danach aus. Wem sind die beiden auf die Füße getreten? Warum wird überhaupt der Freund von Annas Vater dort mit hineingezogen? Die Ehefrau ist doch da eher der Kontaktpunkt?

Natürlich gibt es die klassischen Ermittler: Erfahren und Unerfahren. Jung und Alt. Dennoch harmonieren sie recht gut mit einander. Einzig für den Leser wird ihr Arbeitsstil irgendwann vorher sehbar und man ist gedanklich den Ermittlungen immer einen Schritt voraus, was man nicht immer nur den zusätzlich Hintergrundinformationen verdankt, die man als Leser bekommt und die Ermittler eben nicht.

Der Autismus wird hier eigentlich nur im Hintergrund erwähnt und spielt anfangs keine wirklich Rolle. Denn ein stummes Kind kann man auch ohne diese Erbkrankheit sein. Nach und nach kommt allerdings heraus, wie alles zusammenhängt und man begreift, warum kein “normales” Kind genommen wurde.

Das Ende ist okay, aber nicht überraschend. Da man – wie gesagt – durch die unterschiedlichen Perspektiven immer mehr weiß als die Polizei und man sich somit alles schon vorab zusammenspinnen kann.
Es bleibt lediglich die Frage offen, wie der Mörder reagiert und seine letzten Züge geplant hat. Diese sind letztlich recht geschickt gewählt und lassen den Leser zufrieden das Buch zu klappen.


Positiv:
+ Die Ausgangslage. Sie bietet gutes Gedankenkino und lässt einen interessanten Plot erahnen.
+ Der Spannungsaufbau. Zuerst gibt es die Leichen und eine seltsame Frau, dann lernt man die Frau kennen und Stück für Stück ihre Welt und Gedanken, die nicht ohne sind. (Leider flaut der Bogen ab und an etwas ab.)
+ Die regelmäßigen Zusammenfassungen von den Ermittlern sind sehr aufschlussreich und zeigen einem immer deutlich den Ermittlungsstand, wenn auch sie nicht nötig gewesen wären, man kam auch so ganz gut mitkommt.
+ Die Darstellung von Anna, dem autistischen stummen Mädchen. Das kommt wunderbar herüber. 

Negativ:
Direkt zu Beginn, als die Gelüste des Anwalts zu Licht kommen, fühlte ich mich wie in einem Klischee-Bilderbuch. Missbrauch in der Kindheit, also finde ich es geil geschlagen zu werden und entwickle den passenden Sadomaso-Fetisch….
Wenn man den “Eisengel” näher kennenlernt, fügt sich alles langsam zusammen, je mehr Personen man vorgestellt bekommt und die anfängliche Spannung verfliegt etwas.
Die Figur der jungen Polizistin war einfach nur noch nervig. Wieder mal jung und naiv. Brauche ich nicht in jedem 2ten Buch.
Den Autismus mit in die Story einzubinden, wäre kein Muss gewesen. Sie hätte auch ohne Funktioniert. Zumal Anna nicht die tragende Rolle bekommt, die man sich erhofft.
Die subtilen Hinweise auf einen Täter oder eine Wendung, störten manchmal, als ob der Leser nicht selbst drauf kommen könnte.

+/- Die Komplexivität der Story ist einerseits sehr interessant, andererseits zu zaghaft angeschnitten.


Fazit: 

Ich ging mit hohen Erwartungen an das Buch, vor allem durch das zahlreiche Lob und leider wurden diese nicht wirklich gestillt. Das Buch ist sehr rasch durchgelesen, was vor allem an den nur knapp 400 Seiten liegt. Eigentlich zu wenig, um die ganzen spannenden Themen richtig ausreifen lassen zu können. Letztlich hat mich das Buch “Das stumme Kind” nicht vom Hocker gehauen. Es waren dann doch 1-2 Klischees zu viel und mit fehlte einfach die Tiefe. Ich konnte mich auch kaum mit einer Figur anfreunden. Einzig den “Eisengel” fand ich zeitweise recht sympathisch, vor allem weil ich ihre Argumente nachvollziehen konnte, so komisch es klingen mag. Somit reiht sich der Thriller im Mittelfeld ein. Man kann ihn lesen, muss es aber nicht.


Genre: Thriller / VÖ: August 2014 / Verlag: Bastei Lübbe /Serie: Einzelband

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