ich sehe was, was niemand sieht, buchkritik, roman

Charley hat eine Gabe. Eine Gabe, die nicht jeder versteht. Eine Gabe, die vor allem ihr Vater nicht ernst nehmen kann. Für ihn sind ihre Visionen nichts als Hirngespinste. Immer wieder versucht er ihr zu erklären, dass das keine Zukunftsvisionen sind – oder Blitze – wie Charley sie nennt. Doch das junge Mädchen ist davon überzeugt, dass sie in die Zukunft sehen kann. Egal was ihr Umfeld behauptet. Und diese Zukunft ist nicht sonderlich rosig. Sie kann einen grausamen Mord sehen. Voller Inbrust hofft sie, dass ihr Vater vielleicht doch recht hat.

Aber als sie erfährt, dass tatsächlich ein Mädchen namens Kerry an den Bahngleisen ermordet wurde – genau, wie sie  es ihn ihren Blitzen gesehen hatte – ist sie zutiefst bestürzt und will der Polizei mit ihren gesehenen Details helfen, den Mörder zu fangen. Doch erklär mal einem Beamten, dass man eine Vision hatte und daher Insider-Informationen hat. Das kauft dir kein Mensch ab.Doch das junge Mädchen hat Glück im Unglück. Sie lernt den jungen Polizisten Tom kennen und dieser glaubt ihr. Sie ist so erstaunt und voller Hoffnung endlich verstanden zu werden, dass sie ihm die nötigen Details anvertraut, die sie weiß, um den Täter schnappen zu können. Natürlich kann Tom dies nicht einfach so auf der Wache herausposaunen. Man würde Charley zur Mittäterschaft heranziehen. Also lässt er geschickt einige Fakten einfließen und hofft die Kollegen umstimmen zu können. Dass der grausame Selbstmord an Kerry keine Eigenhandlung im Rausch war, sondern kaltblütiger Mord.
Leider hat er die Rechnung ohne seinem neuen Partner Jackson gemacht. Dieser glaubt nicht an seine “Fakten” und will den Fall endlich ad acto legen.

Man steigt ziemlich schnell in das Geschehen ein und erlebt Charley bei ihren ersten Blitzattacken, wie sie schmerzverzerrt sind am Boden krümmt und über tierische Kopfschmerzen klagt. An dieser Stelle hat man eine Menge Mitleid mit ihr und möchte definitiv nicht tauschen. Kurz darauf lernt sie den Polizisten kennen und eine zarte Romanze entwickelt sich, die aber zum Glück nicht in den Vordergrund gehoben wird. Ihr Vater ist davon natürlich nicht im geringsten begeistert und als Charley ihren Freund Tom, welcher 20 Jahre alt ist, als “Mann” darstellt, musste ich leicht schmunzeln. Ebenso amüsant fand ich es, wie stolz Tom auf seine Laufbahn ist. Immerhin ist er erst zwanzig und schon Officer, da ist klar, dass ihn nicht alle Kollegen ernst nehmen. Würde er entsprechend agieren, hätte ich nichts gegen diese rasche Karriere gehabt. Allerdings benimmt er sich wie ein Teenager. Sei es in seiner Gedankenwelt oder in diversen Dialogen. Somit fiel es mir sehr schwer ihn ernst zu nehmen.

Der Schreibstil ist recht locker und der Autor benutzt oft aktuelle Filme oder Spiele aus dem realen Leben um die Ereignisse glaubhafter darstellen zu können. “The Last of Us” allerdings an shooter game hinzustellen, wo man seinen Frust beim Zombie abknallen rauslassen kann, halte ich jedoch für schlecht gewählt. Da gibt es andere Alternativen.
Tim O’Rourke hat sich die Ich-Perspektive für sein Buch ausgesucht, was ich an sich sehr löblich finde, da man hier meist noch besser in Charaktere hineinfühlen kann. Wenn man aber zwei Charaktere aus der Ich-Perspektive sprechen lässt, ist das ungeschickt. Ich hatte damit anfangs meine Probleme und man musste tierisch aufpassen, wer in dem Kapitel gerade spricht. Zu jedem Kapitelanfang steht auch der Name – entweder Tom oder Charley. Bis zur letzten Seite konnte ich mich auch nicht damit anfreunden.

Der Personenandrang in dem Buch ist gering. Man hat sich hier auf die nötigsten Charaktere beschränkt, somit verliert man auch nie den Überblick.
Besonders die Hauptfigur Charley ist recht glaubhaft dargestellt und ich denke, dass sich hier einige Teenager mit ihren Problemen und Ängsten identifizieren können. Doch dem Leser glaubhaft erzählen zu wollen, sie habe nur 3 Freunde auf ihrem Smartphone gespeichert, hat nicht sonderlich gut geklappt. Natürlich hat sie damit zu kämpfen eine Außenseiterin zu sein. Sie wird jedoch als hübsch und intelligent beschrieben ohne dramatische Makel, da ist man heutzutage nicht so einsam auf der Welt.
Der Vater ist ebenfalls eine Figur, die recht glaubhaft herüber kommt. Er hat Angst um seine einzige Tochter und weiß nicht, wie er an sie herankommen soll. Was sich in Streitgesprächen äußert, die die beiden regelmäßig führen.

Alles in allem ist das Buch sicher eine nette Lektüre für die junge Leserschaft. Es ist schnell gelesen und dank der einfachen Sprache stolpert man auch über keine Fachbegriffe aus der Polizeiarbeit, was ich hier auch für angebracht halte.
Wie man sicher gemerkt hat, habe ich den Aspekt eines Thrillers komplett außen vorgelassen in meiner Kritik. Einfach aus dem Grund, da ich nach einem bestimmten Satz sehr genau wusste, wer hinter allem steckt und somit das Ende nicht überraschend daher kam, sondern eher bestätigend und zu melodramatisch. Auch waren mir die Eigenschaften der Figuren zu klischeelastig.
Ich hätte mir noch mehr Tiefe gewünscht und mehr Glaubhaftigkeit. Denn trotz, dass die Story fiktiv ist und der Autor viele Freiheiten hat, muss er mich mit seiner Variante überzeugen können und das hat er hier definitiv nicht. Außerdem geht er kaum auf die Gabe von Charley ein. Ich hätte da doch gerne mehr über das Woher und Warum gewusst.

ich-seh-was-sketch


Genre: Mystery-Thriller, Jugendbuch / VÖ: Februar 2015 / Verlag: Chicken House / Carlsen
Serie:
Einzelband / Region: Großbritannien

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