das verlorene dorf, crime, buchkritik

“Im Sachsenrieder Forst geht es nicht mit rechten Dingen zu.” [S.9]

 

Nein, geht es wirklich nicht. Doch bis wir wissen was der Grund dafür ist und wieso dieser den Bewohnern des Nachbarortes einen Schauer über den Rücken jagt, müssen wir uns noch etwas gedulden.
Zunächst lernen wir das Mädchen Rosalie kennen. Sie nähert sich langsam dem heiratsfähigen Alter und darf sich entsprechend mit einem jungen Mann vermählen, damit sie den langen Armen des Waisenhauses entkommen kann. Klingt einfach. Doch Rosalie ist kein gewöhnliches Mädchen. Sie hat helle Haut und rotschimmernde Augen, was ihr nicht selten den Spitznamen “Hexe” einbringt. Man fürchtet sich vor ihr und besonders die kleinen Kindern nehmen keine Hand vor den Mund, wenn es darum geht, ihr die blanke Wahrheit ins Gesicht zu schleudern. Entsprechend zieht sich das Mädchen sehr zurück und findet nur ein wenig Rückhalt bei der Köchin des Hauses. Bis plötzlich Romar auftaucht.

Dieser junge Mann bringt ein Licht in das Leben von Rosalie, wie sie es bisher nicht kannte. Zwar ist die verzückt von ihm und möchte ihm am liebsten überall hin folgen, ihre schlechte Erfahrung mit ihrem Äußeren lässt sie jedoch zögern. Etwas, was den Waisenhausdamen sehr gelegen kommt. Sie halten nichts von Romar und warnen das Mädchen dringlichst davor mit ihm mitzugehen. Er kommt aus dem verwunschenen Dorf im Wald. Haberatshofen. Jeder der bisher seinen Weg dorthin gefunden hat, ward nicht mehr gesehen. Natürlich kursieren deswegen die grausamsten Horrorgeschichten umher. Aber ist nicht an jeder Überlieferung auch ein Fünkchen Wahrheit dran? Rosalie wird es bald herausfinden, denn sie vermählt sich mit Romar und folgt ihm in den Wald. In sein Dorf. Lernt seine Familie kennen und bekommt somit eine neue Heimat, wo sie erstaunlicherweise nicht auf ihre Haut angesprochen wird. Sie beginnt langsam sich wohlzufühlen und hat in Romars Cousine rasch eine Freundin gefunden. Dann hört die plötzlich Schreie in der Nacht. Von Totgeburt ist am nächsten Morgen die Rede. Aber sie hat es doch gehört! Es lebte! Keiner glaubt ihr und so keimt langsam die zarte Pflanze des Misstrauens in ihr heran.

Bis zu diesem Punkt, hat man nur so viel von dem seltsamen Dorf und seinen Bewohners erfahren, wie man es als Außenstehender wissen kann. Alles basiert auf Gerüchten und verworrenen Erzählungen. Doch niemand hat es bisher mit eigenen Augen gesehen. Somit  betritt man auch als Leser komplettes Neuland. Zwar bekommt man ab und an Abschnitte präsentiert, wo Roman zu Wort kommen darf. Allerdings sind die nicht sehr aussagekräftig und schüren das Verworrene nur noch mehr an. Das macht sich natürlich in der Spannung bemerkbar. Man fiebert mit Rosalie mit und wünscht ihr nur Gutes, doch man weiß genau, dass sie in ein Wespennest gestoßen ist, aus dem man nicht so leicht wieder wegkommt.
Die ganze Geschichte spielt im Jahre 1844 und entsprechend primitiv sind die Lebensumstände. Man vertraut der Kräuterkunden, sowie Gott. Klinische Verhältnisse sind in einem Walddorf kaum erreichbar. Also wieso könnte das Kind nicht wirklich gestorben sein?
Nun, das liegt wohl an dem ganzen Verhalten der Bewohner. Das würde auch mich skeptisch werden lassen. Ausgeschlossen von Dorfversammlungen, eingesperrt in der eigenen Wohnung, Lügen aus dem Mund des Ehemannes. Wer beginnt da nicht zu zweifeln?

Rosalie hat ein schweres Los gezogen. Trotzdem ist ihre Entwicklung in dem Buch beachtlich. Das schüchterne zurückgezogene Mädchen wird zu einer selbstbewussten Frau, die beginnt Dinge zu hinterfragen, anstatt hinzunehmen und macht sich somit einige Feinde.
Man merkt hier, dass die gute Stefanie Kasper bereits einige Bücher über starke Frauen aus der Ära des Mittelalters geschrieben hat. Dieser Zweig bricht deutlich hervor und war mir letztendlich ein wenig zu viel des Guten gewesen. Das Anfangs so mystische unterschwellige, wird bald von seinen Nebelschwaden befreit und sobald man die Wahrheit erkennt, nicht mehr so aufregend, wie gedacht. Natürlich ist das Geschehen grausam, dennoch wirkte zum Beispiel Romar ab diesem Zeitpunkt nicht mehr glaubwürdig genug auf mich, mit seiner Unterwürfigkeit und seinen Gefühlsschwankungen. Nur Rosalie bleibt steht aufrecht stehen und sticht aus der Masse positiv hervor.

Das Buch lässt sich flüssig lesen und der historische Hintergrund auf dem die Geschichte von der Autorin aufgebaut wurde, ist sehr interessant. Die eingeflochtenen Gedanken, wie von einer Märchenerzählerin vor den wichtigsten Abschnitten finde ich auch super gelungen, sie schüren noch einmal das Lesefeuer an. Trotzdem verließ mich gegen Ende der Eifer und die Begierde von den ersten Seiten. Im Vergleich zu “Das Haus der dunklen Träume”, verblasst der Roman ein wenig. Mir hat der erste Ausreißer aus der Mittelalter-Historien-Sparte wesentlich besser gefallen, auch wenn ich dort ebenso Kritikpunkte hatte.
Dennoch halte ich den Roman für lesenswert. Das Kopfkino wird eifrig in die Gänge gesetzt, sobald man das Buch aufschlägt. Die zarte Romanze entwickelt sich bald zu einen fiesen Schwiegermutteralbtraum, der es in sich hat und Ängste in einer jungen Frau aufkommen lässt, die man als junge Braut eindeutig nicht haben sollte. Die Auflösung kommt auf leisen Sohlen angeschlichen und lässt einen einfach nur Schaudern, da man hofft, dass so etwas nie real stattgefunden hat.

Alles in allem finde ich “Das verlorene Dorf” gut gelungen. Mich hat es nicht vom Hocker gehauen, aber unterhalten. Wer nichts gegen historische und mystische Einflüsse hat, darf gerne zugreifen.
Ich werde mir allerdings bei dem nächsten Buch von Frau Kasper dreimal überlegen ob ich es lesen werde, da es einfach nicht zu 100% nach meinem Geschmack war. Ein wenig mehr Thrill und es wäre ein super Thriller geworden, ein wenig mehr magischer Zauber und es wäre ein Mysterybuch geworden, ein Hauch weniger von den ersten beiden Punkten und es wäre ein Historienroman. Diese zarte Prise von allem, war mit einfach zu wenig im Topf.

Das verlorene Dorf Sketchnote


Genre: Krimi-Thriller-History-Mix / VÖ: April 2015 / Verlag: Goldmann / Serie: Einzelband / Region: Ostallgäu

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