Es ist warm. Die Sonne strahlt mit emsiger Ausdauer ihre glühende Hitze auf Italien nieder. Zeit die Betriebsamkeit des Alltags herunterzufahren. Mittags die offenen Plätze ohne Schatten zu meiden und in seinen kühlen vier Wänden zu bleiben. Doch nicht jeden hält es drinnen. Gianna hat einen dringenden Zahnarzttermin und verabschiedet schon einmal ihre Tochter, die ins Dorf will. Gleichzeitig treffen vier junge Männer an dem örtlichen Bistro ein und machen es sich an einem der Außenplätze bequem. Trotzdem ist es ruhig. Vögelchen zwitschern. Eine kühle Brise weht durch die Gassen. Hunde liegen hechelnd an den Hauswänden. Suchen etwas Schatten.
Plötzlich fährt knatternd ein kleiner Transporter auf den Platz. Rast mit quietschenden Bremsen in die Kurven und kommt abrupt vor dem kleinen Café zum stehen. Mit unglaublicher Wucht ertönt lautes Maschinengewehrgeknatter. Wie ein Donnerschlag wirkt diese Unterbrechung der Stille. Es folgt ein heftiger Schusswechsel, bevor sich erneut die Stille über den Dorfplatz niederlegt. Nur diesmal ist es nicht angenehm. Es ist zu ruhig. Viel zu ruhig. Grabesstille.

 “Wer taub, blind und stumm ist,
lebt hundert Jahre in Frieden.”

Dieses unglaubliche Massaker löst eine Kettenreaktion aus, die man zu dem Zeitpunkt der ersten Zeugenaussagen sich noch überhaupt nicht vorstellen kann. An vorderster Front des Ermittlerteams steht Alessandro Valverde. Er gehört zu einer Spezialeinheit und konzentriert sich vor allem auf die Jagd nach der Mafia und ihren korrupten Spielchen. Als ihm klar wird, das hier nicht einfach nur vier Männer ermordet worden, sondern die Söhne des Umweltministers und zudem noch ein unschuldiges Mädchen, wird er hellhörig. So etwas kann kein Zufall sein. Nicht in dieser Gegend und nicht mit so bekannten Gesichtern. Doch er stößt mit seinen Kollegen schnell an seine Grenzen. Keiner will sprechen. Die Mafia hat das Dorf fest in seiner Hand und die Angst sitzt allen fest in den Gliedern. Wer spricht muss mit Konsequenzen rechnen und die will niemand  zu spüren bekommen. Als er jedoch in den eigenen Reihen, bei der anwesenden Policia auf Mauern trifft, wird er sauer und seine Instinkte verschärfen sich. Hier ist etwas oberfaul und er will herausbekommen was es ist!

Wenn man die ersten Kapitel gelesen hat, muss man erst einmal kräftig schlucken. Zwar weiß man was passiert, dennoch ist es heftig. Vor allem als man die Angst der Bewohner zu spüren bekommt und das kaum einer seinen Mund aufmacht, fühlt man eine innere Wut, die der von Valverde vielleicht nicht das Wasser reichen kann, aber nahe dran ist. Auf der anderen Seite kann man die Sorgen nachvollziehen. Wer stetig bedroht wird, wem seine Kinder zur Mafia überlaufen, der läuft nicht mit einer rosaroten Brille sorgenfrei durch das Leben. Es sei denn man verschließt sich. Genau diese Hürde müssen nun die Ermittler überwinden.
Unfreiwillig kommt ihnen hier die Journalistin Gianna Corodino zur Hilfe. Sie hat sich vor allem an dem Umweltminister verbissen. Durch einen neuen Auftrag erfährt sie zudem brisante Hintergründe über die Entsorgung von Atommüll. Illegale Machenschaften sind hier am Werke,
die nicht nur den Menschen und ihrer Gesundheit schaden, sondern vor allem der Umwelt. Von den Langzeitfolgen mal ganz angesehen. Allerdings muss auch sie die Mauern des Misstrauens kennenlernen und läuft Gefahr sich selbst vor die Flinte zu werfen.

Atommüll? Mord und Totschlag? Mafia? Politiker? So viel auf einmal? Oh, ja! Und es schadet nicht im geringsten. Dieses Komplexität macht das Buch nämlich aus. Zwar ahnt man wer wie mit wem in Verbindung steht, doch das reicht noch lange nicht aus um alles zu verstehen. Als später die ganze Wahrheit ans Tageslicht kommt, schmerzt es einen so etwas zu lesen. Zwar ist die Geschichte fiktiv, aber wer kann seine Hand ins Feuer legen und sagen, dass es so etwas auf der Welt nicht gibt? Das Thema der Atommüllentsorgung ist ein Dauerthema und somit auch interessant zu lesen. Die Aktualität macht die Geschichte somit noch nachvollziehbarer. Wer sich nun Sorgen macht, dass es für ihn zu viel ist und die besagte “Mauer des Schweigens” sicher für sich im Kreis drehende Ermittlungen sorgt, dem kann ich beruhigt sagen, dass dem nicht so ist. Fällt eine Tür zu, öffnet sich eine andere. Allein die zahlreichen unterschiedlichen Charaktere in dem Buch sorgen für eine angenehme Abwechslung und zugleich Unterhaltung.

Sehr ins Detail gehen möchte ich nicht, was die verschiedenen Protagonisten angeht. Einfach, damit ich niemanden das Denken abnehme und Anreize gebe, die eventuell zu viel verraten könnten und die Spannung somit zunichte machen. So viel sei aber gesagt: Wer Probleme mit den italienischen Namen hat, der findet auf einer der ersten Seite eine schöne Übersicht, wo alle wichtigen Figuren mit ihrer Funktion benannt sind. Damit ist eigentlich sichergestellt, dass man in dem ganzen Wirrwarr zwischen Polizei, Mafia und Politik nicht den Faden verliert.
Zu Wort kommen meist Gianna und Alessandro. Die beiden geben das Tempo vor und laufen sich natürlich desöfteren über den Weg. Bevor sie aber merken, dass die quasi den gleichen Job machen, dauert es eine Weile und neue Lösungswege breiten sich vor ihnen aus.
Die beiden habe ich auch schnell ins Herz geschlossen. Beide haben ihre Probleme und Sorgen, an denen sie zu knabbern haben und dennoch kämpfen sie eisern um die Wahrheit.

Alles in allem hat mich dieses Buch perfekt unterhalten! Den Autor werde ich mir definitiv auch für die Zukunft vormerken und seine bisher erschienen Bände noch auflesen. Mich hat vor allem das Komplexe überzeugt. Dass dennoch nie zu schwer oder gar langweilig wurde. Man bleib freiwillig am Ball und wollte wissen, auf welches Finale es hinausläuft. Ob auch jeder seine gerechte Strafe bekommt. Das Ende fand ich stimmig. Ein wenig anders hätte es ich mir zwar gewünscht, damit es perfekt zu der Rubrik “Mafia-Thriller” passt, aber es passte auch auf diesen Weg ganz gut.
Empfehlen kann ich dieses Buch allen Thriller- und Krimilesern, die gerne mal nach Italien einen Abstecher machen möchten und die Korruption, Machtspielchen und Gewalt nicht sonderlich stören, sondern als Unterhaltswert ansehen können.

il-bastardo-sketch


Genre: Thriller, Mafiathriller / VÖ: April 2015 / Verlag: Droemer Knaur / Serie: Einzelband / Region: Italien

5 thoughts on “|Thriller| “Il Bastardo”

    1. Ja, achso nee, ich meinte *augen zuhalt* wegen der Rezension, ich wollte nicht auf deinen Text schielen, damit ich unvoreingenommen ans Lesen gehen kann! :D

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