lügentanz, roman, buchkritik

“Es war der elfte Mai 2014, ein Sonntagmorgen, kurz nach halb zehn.” [S.11]

Dieser elfte Mai ist kein gewöhnlicher Tag. Es ist ein Tag, der Michaela noch lange im Gedächtnis bleiben wird. Zum einen ist es ihr sechsunddreißigster Geburtstag und zum anderen passieren mehrere Dinge fast gleichzeitig, die sie zu einer wichtigen Entscheidung drängen. Da wäre das überraschende Geständnis von ihrem Mann, dass er sie nicht mehr liebt, ein Anruf an den sie sich kaum erinnern kann und ein Zeitungsartikel mit einer Suchanfrage als Dogsitter in der Urlaubszeit.
Am schlimmsten ist jedoch die Tatsache, dass ihr Mann David kurze Zeit später behauptet, sie hätte sich den Dialog am Frühstückstisch nur eingebildet. Natürlich würde er sie noch lieben, warum sollte er das nicht mehr tun? Dieser Punkt drängt sie geradewegs dazu aus ihren eigenen vier Wänden zu flüchten.
Ab in die Stadt. Weg von ihren Liebsten. Sie hat Angst, dass sich ihre Gedächtnisverluste von damals wieder melden, dass sie einen Rückschlag erhalten hat und das kann und will sie nicht noch einmal durchstehen.

Doch kaum führt sie Gespräche mit Freunden und lässt das Geschehene Revue passieren, nagen erste Zweifel an ihrer Theorie. Man kann sich doch keine kompletten Dialoge und Ereignisse einbilden. Gedächtnisverluste hin oder her. Selbst das Telefonat mit der Lehrerin ihrer Tochter kommt nun langsam bruchstückhaft wieder zurück. Macht sie sich selbst etwas vor? Oder spielt ihr Mann hier ein perfides Spiel mit ihr? Da hilft nur Abschalten und die Flucht nach vorne, in die Stadt, weg von der ländlichen Idylle.
Kaum dort angekommen, macht sie die Bekanntschaft mit Lena. Einer jungen Frau, die wie Michaela auf der Suche nach etwas Neuem ist, wenngleich sie komplett andere Beweggründe hat. Nach der anfänglichen Skepsis freunden sich die beiden an und der elfte Mai gerät langsam in Vergessenheit, als ein Vorfall ihr deutlich macht, dass ein Wohnungswechsel nicht automatisch zu einer Verbesserung der Umstände führt. Denn es ist schon wieder geschehen: Sie kann sich an einen bestimmten Moment nicht mehr erinnern. Aber was war der Auslöser?

Das mag jetzt alles im ersten Moment etwas wirr klingen, doch so ist es natürlich nicht. Stück für Stück wird man in das Leben von Michaela hineingeführt. Man lernt ihren Mann, ihre Tochter und die beste Freundin kennen. Alle lieben sie und sagen ihr das auch mehrfach. Doch irgendeiner von ihnen scheint wohl nicht die ganze Wahrheit zu sagen. Irgendjemand hält etwas hinter den Berg und will, dass die gute Michaela ihre Rückschläge hat oder es sich zumindest einbildet. Aber wer könnte so gemein sein? Und vor allem warum?
Hinzukommen noch die geschwätzigen, dauerneugierigen Frauen aus der Nachbarschaft, die meinen sich in alles einmischen zu müssen. Das Wirrwarr um die Wahrheit muss also ersteinmal entknotet werden, was gar nicht so einfach ist. Selbst ich, mit meiner Krimi und Thriller-Spürnase habe eine Weile gebraucht, bis ich erkannt habe, wer schuldig ist. Auch wenn das sowieso spät aber dennoch verständlich aufgeklärt wird.
Ich würde das Buch dennoch nicht als einen Krimi einstufen, sondern eher als Schicksalsroman, wo manche Ereignisse durchaus in der Realität passieren könnten…

Der Schreibstil ist sehr flüssig. Ich habe Michaela trotz ihrer verwirrten und steifen Art schnell ins Herz geschlossen. Ebenso die seltsame Lena, die ihre Rolle nicht von ungefähr bekommen hat. Die restlichen Charaktere stehen fast alle auf der “könnte der Auslöser sein” Liste und von daher hegt man ständig ein gewisses Misstrauen, was sichtlich von der Autorin gewollt ist.
Glaubt man zu wissen, wo alles hinführt, macht der nächste Absatz alles zunichte und man überlegt neu. Lässt die Ideen keimen und gedeihen, bis sie sich fast von selbst offenbaren. Schade ist trotzdem, dass hier und da etwas zu viel an der Dramatik herumgeschraubt wurde. Es müssen ja nicht gleich alle eine schlimme Vergangenheit haben. Da fallen die “normalen” Menschen schon bald eher auf, als dieser Schlag. Trotzdem tat das dem Lesevergnügen keinen Abbruch. Vor allem die Auflösung rundet alles ab, es bleiben fast keine Fragen offen und es schleicht sich der ein oder andere “Aha, deswegen” Moment ein.

Alles in allem kann ich das Buch allen empfehlen, die mal eine andere Art des Schicksalsschlages erleben wollen und dabei erkennen müssen, wie boshaft doch das eigene Umfeld sein kann. Ich fühlte mich von Anfang bis Ende gut unterhalten und habe diesen Genrewechsel sehr genossen.

sketch-luegentanz


Genre: Roman, Schicksal / VÖ: Mai 2015 / Verlag: Droemer Knaur / Serie: Einzelband / Region: Deutschland

Loading Likes...