kälte im juli, thriller, buchkritik, lansdale

“Wer immer gegen Monster kämpft, sollte dabei möglichst nicht selbst zum Monster werden.” [S.5]

Es ist Nachts. Alle liegen im Bett und träumen vor sich hin. Nur Ann nicht. Sie hat etwas gehört. Etwas ungewöhnliches, etwas was sie aufgeweckt hat. Sofort ist sie sich sicher: Dass da war kein normales Geräusch. Jemand machte sich an ihrer Tür zu schaffen. Kurzerhand weckt sie ihren Mann Richard leise auf, der sofort handelt und auf leisen Sohlen in das gemeinsame Wohnzimmer schleicht. In der Hand eine Waffe. Und tatsächlich, da stand ein Einbrecher in seinem Haus und schaute sich in aller Seelenruhe nach Beute um. Kurz darauf löst sich ein Schuss und danach noch einer. Richard steht noch. Der Einbrecher liegt tot auf der Couch. Notwehr wird man ihm später sagen. Alles ist in Ordnung. Er braucht keine Konsequenzen fürchten. Das war ein bekannter Verbrecher und er hat somit dem Staat quasi etwas Gutes getan. Doch so leicht ist Richard nicht zu beruhigen und erst recht nicht, als er erfährt, dass dieser Mann der Sohn eines Verbrechers ist, der frisch entlassen wurde. Ob er auf Rache aus sein wird?

Es dauert nicht lange und die beiden Männer treffen aufeinander. Sofort ist klar, dass das nicht ohne besagte Rache enden wird. Notwehr ist das eine, aber einen Sohn zu ermorden etwas anderes und so fängt Richard an, um seinen kleinen Sohn zu bangen. Wer weiß zu was Ben Russel fähig ist? Seine Sorge ist auch nicht ganz unbegründet. Kurze Zeit später kommt es erneut zu einem Aufeinandertreffen, was nicht nur ein Gespräch beinhaltet und Russel landet letztlich im Gefängnis. In der Zwischenzeit macht Richard eine Entdeckung, die ihm an dem Geschehen der letzten Tage zweifeln lässt. Irgendetwas passt hier hinten und vorne nicht zusammen. Doch wer hat ihn angelogen? Wer will hier etwas vertuschen? Und vor allem warum? Somit schlägt das Buch kurzerhand eine Wende ein und eine neue Rachetour wird geplant, nur eben komplett anders als zunächst gedacht, um die neue Wahrheit an das Tageslicht zu bringen.

Bis zu diesem Punkt – dieser kleinen überraschenden Wende – liest sich das Buch super spannend.

Es hat genau das richtige ruchige Flair, was man bei dem Klappentext erwartet hat. Derbe Sprüche fallen, es wird schonungslos zur Tat geschritten und auch Ekelszenen, werden ohne mit der Wimper zu zucken beschrieben. Man möchte sich am liebsten zurücklehnen und dem Autor sagen: Oh, Ja! Gib mir mehr davon! Entsprechend hoch ist die Erwartungshaltung an die kommenden Seiten nach so einem starken Einstieg. Doch nun folgt das böse “aber”. Leider kann der Autor dieses Level nicht halten. Zunächst merkt man nichts davon. Man schreitet den neuen Pfad entlang. Zu bekannten Gesichtern kommen Neue dazu, die dem Texaner-Klischee in nichts nachstehen und mit Sprüchen unter der Gürtellinie versuchen zu punkten. Selbst als neue brisante Fakten ans Tageslicht kommen, ist man noch erschüttert und glaubt an den “Kampf, der alle Grenzen überschreitet”. Nur irgendwie kommt dieser nicht.

Natürlich kommt es zu Kämpfen und gemeinen Wortklaubereien. Auf diesem Level bleibt sich Lansdale treu. Allerdings wirken diese fad und zeitweise unglaubwürdig. Spannung will irgendwie nicht mehr so recht aufkommen nachdem man die Wahrheit weiß, denn automatisch kennt man das Ende und das will so gar nicht in das Genre “hardcore” passen. Ins Detail gehen kann ich in vielen Punkten nicht, sonst könnte ich hier eine Menge schöner Beispiele bringen, die das unterstreichen. Nur so viel: Wenn man die drei Unterteilungen des Buches sich anschaut, kann man sich theoretisch schon eine Menge denken. Vor allem den Weg den die Handlung einschlagen wird.
Die Figuren helfen leider auch nicht dabei, den Thriller ein wenig zu pushen. Richards Frau ist etwas schräg drauf und hat Denkweisen, die ich nicht immer nachvollziehen kann. Der gemeinsame Sohn hat wohl eine Aufmerksamkeitsübersteuerung und macht viel Blödsinn um sich seiner Beobachtung gewiss zu sein. Die Polizisten stinken schon zehn Meilen gegen den Wind nach Korruption und auch das Umfeld der Familie ist recht strange drauf. Einzig Mister Russell, wirkt zunächst wie das reine Böse, wie ein Hoffnungsschimmer.
Doch auch hier wendet sich das Blatt.

Alles in allem war ich enttäuscht von dem Buch. Es war nicht mein erster Joe R. Lansdale, diesen Rang hat “Akt der Liebe” der “Kälte im Juli” bereits abgelaufen. Dieses Buch hat mich auf jeden Fall mehr überzeugt gehabt. Von daher hoffe ich hiermit nur einen Fehlgriff gelandet zu haben und werde mich nach weiteren Büchern von Lansdale umschauen. Wer einen Thriller lesen möchte, der derbe sein kann, aber schnell den Weg eines Krimis einschlägt, darf zugreifen. Allen anderen Extrem-Lesern rate ich davon ab.

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weitere Kritik zum Buch von: Nenatie


Genre: Thriller / VÖ: März 2015/ Verlag: Heyne hardcore / Serie: Einzelband / Region: Amerika/Texas

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