“Servaz nahm in.
Betrachtete die CD-Hülle.
Erkannte sie.
Gustav Mahler…
Die Kindertotenlieder.” [S.81]

Dieser kleine Oha-Moment, noch recht am Anfang der Ermittlungen, sorgt bei Martin Servaz für böse Bauchschmerzen. Hatte er doch zuletzt seine Liebe zu diesem Komponisten mit einem Serienkiller namens Hirtmann unfreiwillig teilen müssen. Nicht viele wissen von dieser schon fast intimen Verbindung. Wieso war nun die Musik an dem aktuellen Tatort aufgetaucht? War es absoluter Zufall? Vielleicht hörte die grausam ermordete Lehrerin auch solche klassische Musik? Oder war Hirtmann wieder aufgetaucht? Sicher ist auf jeden Fall, dass er diese Theorie erstmal für sich behält und nur seinem engsten Kreis anvertraut. Doch selbst der sieht seine Vermutungen kritisch. Servaz soll sich lieber auf die Tätersuche konzentrieren und nicht immer direkt alles persönlich nehmen! Und so beginnt die Jagd nach einem Mörder, der noch lange nicht fertig ist mit seinem Werk…

Direkt eine Sache vorweg. Ja, es gibt einen Vorgängerband und Nein, ich habe ihn nicht gelesen. Das war keine Absicht, sondern wurde mir erst bewusst als ich in diesem Buch hier gelesen habe, dass es eine Vorgeschichte gibt. Auf der einen Seite hatte ich somit natürlich einen kleinen Nachteil, da ich die Figuren nicht kannte. Auf der anderen Seite jedoch konnte ich die Zusammenhänge und Verstrickungen auch so erkennen, ohne dass ich den Fall um “Hirtmann” zwingend vorher hätte lesen müssen. Zwar hab ich mich in ein paar winzigen Aspekten nun selbst leicht gespoilert, aber ich denke nicht, dass ich mir dadurch das Feeling für “Schwarzer Schmetterling” versaut habe. Ganz im Gegenteil. Ich bin noch viel gespannter auf diese Geschichte um den Ermittler Martin Servaz!

Nun zurück zu “Kindertotenlieder”. Um ein Gefühl für die Musik und die Stimmung zu bekommen, empfehle ich allen Lesern einmal in die Komposition von Gustav Mahler hineinzuhören, denn das ist ein realistischer Liederzyklus, welchen er zwischen 1901 und 1904 auf den Gedichten von Friedrich Rückert basierend, komponierte. Mein Geschmack ist es nicht. Dennoch stimmte es mich noch besser auf das Buch und Servaz’ innere Gefühle ein. Martin Servaz selbst ist einer der Ermittler vor Ort, als es um die Beschauung der geknebelten Leiche geht. Neben dem schmerzvollen Anblick in der Wanne, in der die Leiche der jungen Lehrerin liegt, ist der Ausblick auf den Pool auch nicht besser. Zahlreiche nackte Puppen schwimmen dort im Wasser umher und lassen einen Schauer über den Rücken jagen. Was will der Täter damit ausdrücken? Als hätte man einen sogortigen Aufruf für den Mörder gemacht, sitzt am Pool tatsächlich ein Teenager, der sofort mit dem Mord in Verbindung gebracht wird. Es ist ein Schüler namens Hugo, der Claire öfters privat besuchte. Hat er sie in einem eventuellen Liebesakt ermordet? Wollte er ihre Verbindung so lösen? Oder steckt etwas ganz anderes dahinter?

Während alle Welt sich auf Hugo konzentriert, ist Martin komplett anderer Meinung.

Das ist viel zu perfekt. Das kann so nicht zusammenpassen und wäre das nicht schon schlimm genug, anderer Meinung zu sein, kommen noch zwei weitere Fakten hinzu, die dem Ermittler gar nicht gefallen: Hugo ist der Sohn seiner Jugendliebe und Hugo ging mit seiner Tochter Margot zur Schule. Hinzukommt noch die Musik aus dem Player am Tatort. Das waren ihm eindeutig zu viele Hinweise auf ihn selbst. Da kann nur ein Racheakt ihm gegenüber in Frage kommen. Doch plötzlich finden seine Ermittler neue Hinweise, dass der Fall mal so gar nichts mit Martin selbst am Hut hat. Allerdings findet der Täter dies schnell heraus und ist so gar nicht erfreut, dass man ihm auf der Spur ist und versucht alles wieder in die “richtigen” Bahnen zu lenken. Dummerweise muss auch Margot darunter leiden.

Ein verzweifelter Ermittler, der alles auf sich bezieht? Gäääähn! Langweilig!

Keine Angst! Auch wenn im ersten Moment alles etwas altbacken und klischeehaft wirkt, dass ist es auf gar keinen Fall. Martin hat zwar viele Momente, wo er an sich und seinem Urteilsvermögen zweifelt, aber er ist sehr klar im Kopf und weiß was er macht. Meistens jedenfalls. An dieser Stelle muss man auch sagen, dass man stets so viel weiß, wie der Ermittler selbst. Zwar gibt es Momente, wo jemand anderes zu Wort kommt und einem selbst wichtige Hinweise gibt. Doch meist erfährt er es kurz darauf auch selbst. So ist man lange – gemeinsam mit Martin – auf der falschen Fährte. Der entscheidende Hinweis kommt recht spät. Miträtseln ist also vorprogrammiert! Und nach eben jenem Auszug in die Vergangenheit, dem Auslöser der ganzen Morde, fügen sich auch die Puzzleteilchen zusammen. Dabei kommt man einer sehr makaberen Revanche auf die Spur.

Das Buch ist in Wochentage aufgeteilt. Alles fängt an einem Freitag an und endet auch an einem Freitag. Dabei sorgen die einzelnen Kapitelüberschriften zusätzlich für Spannung, das sie einen geschickt auf das kommende einleiten und die Neugierde noch mehr wecken. Neben Martin Servaz selbst, kommt seine Tochter zu Wort, alte Bekannte – die ich absichtlich nicht namentlich erwähne – und eine unbekannte Person, die auf jeden Fall weiblich ist und sich in den Händen eines perfiden Killers befindet. Trotz der zahlreichen Gesichter, verliert man nie den Faden. Alles fügt sich brav zu einem dicken Strang zusammen. Einzig die gequälte Frau bleibt lange ein Rätsel, bis auch ihres endlich gelöst wird und dafür sorgt, dass das Ende der Ermittlungen einen bitteren Beigeschmack bekommt.

Alles in allem hat mir das Buch sehr gut gefallen. Ich werde mir demnächst auch den Vorgänger holen und hier mein Wissen um den mysteriösen Herrn Hirtmann auffrischen, der ja ein ganz “netter” Kerl zu sein scheint. Ich lege dieses Buch allen Thriller-Lesern auf jeden Fall ans Herz! Es macht Spaß den Worten des Pariser Autoren Bernard Minier zu lauschen und neue Abgründe der menschlichen Seele kennenzulernen!

sketch-kindertotenlieder


Genre: Thriller / VÖ: August 2015 / Verlag: Droemer Knaur / Serie: Band 2 / Region: Frankreich

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