“Kunst musste für die Ewigkeit sein und unter die Haut gehen. Er grinste. Das würde sie, da war er sich sicher.” [S.18]

Wenn der eigene Papa nicht der Mann ist, den man glaubt zu lieben, ist das ein harter Schnitt in dem Leben eines Kindes. Man wird automatisch misstrauisch. Weiß nicht, wem man noch Vertrauen schenken soll. Die wenigen Auserwählten, werden mit höchster Sorgfalt herausgepickt, bevor man ihnen seine Geheimnisse erzählt. Doch auch die Ehefrau – die einst diesen Mann geliebt hat – ihn zu seiner besseren Hälfte gemacht hat, ist nun in ihrem emotionalen Grundgerüst komplett erschüttert. Wieso hat sie nie etwas gemerkt, wird sie sich fragen. Wieso hat er das getan? Was hat ihn dazu gemacht? War sie em Ende selbst der Auslöser?
Thomas Ried hat seine Familie derart zerstört. Er ist ein Serienkiller, der Frauen fängt, übel zurichtet und dann kunstvoll drapiert. Lange war man hinter ihm her. Hat ihn nun gefasst und in eine Psychatrie gesteckt. Die Hinterbliebenen füllten sich danach endlich wieder sicherer. So schnell würde er da nicht mehr herauskommen. Weit gefehlt. Thomas entkommt und er ist noch lange nicht geheilt.

Es kommt nun wie es kommen musste: Kurz nach seine Flucht verschwindet seine Tochter Lillian. Die Mutter Michelle macht sich große Vorwürfe und befindet sich in einem Zwiespalt. Soll sie den Bedingungen, die Thomas ihr stellt folgen? Oder doch lieber der Polizist vertrauen und sie dazu heranziehen? Natürlich vertraut sie der Polizei nicht. Schließlich hat sie auch beim letzten Mal versagt. Wieso ist er sonst nicht im Gefängnis gelandet und nun wieder auf freiem Fuss? Entsprechend wird sie zur Marionette des Serienkillers von Ehemann und tappt langsam aber sicher in seine Falle.
Natürlich bleibt ihr komisches Verhalten ihrem aktuellen Freund Maik nicht verborgen. Glücklicherweise ist er Polizist und war damals an der Verhaftung beteiligt. Er macht sich also wieder zusammen mit seinem Partner Robert auf die Suche nach dem Killer und der großen Frage, wie so ein Mann aus einer geschlossenen Psychatrie entkommen konnte. Allein die Anstalts-Chefin legt schon so ein ignorantes Verhalten an den Tag, dass sie direkt zu den Verdächtigen gehört. Doch ist es wirklich so einfach.

Kaum kommen nun die Ermittlungen in Fahrt. Ein erstes Opfer ist bereits gefunden. Erste Verknüpfungen erstellt. Kommt es wie es kommen muss: Der Polizeichef schreitet dazwischen. Er rügt seine Mitarbeiter zu besserem Benehmen und droht mit Suspendierung. Aber wieso? Wen will er decken? Und wieso kann Robert nicht endlich einen alten Fall mit einer vermissten Chinesin beenden. Wieso wird er dauernd blockiert? Dabei verhärtet sich zunehmend seine Vermutung, dass diese Frau nicht nur Zeuge von Thomas Greultaten war, sondern da mit involviert ist. Ein fieses Katz-Maus-Spiel beginnt, wo man nicht weiß, wem man eigentlich noch trauen soll.

Verwirrt? Das war ich auch. Klischees erkannt? Oh, ja, zahlreiche. Dem Buch trotzdem ein Chance geben? Natürlich! Man weiß ja nicht, was da noch kommt. Doch wenn man sich direkt nach dem ersten Schauplatz an Dexter oder Hannibal erinnert fühlt, so wie die Opfer hängend , mit ausgebreiteten “Flügeln” drapiert werden, gerät man das erste Mal ins stocken. Dann kommen die seltsamen Gedanken der Mutter hinzu, die – verständlicherweise – absolut ängstlich wirkt, nachdem ihre Tochter vom eigenen Vater entführt wurde und keine Hoffnung auf eine lebende Rückkehr besteht. Aber muss sie deshalb willenlos wie eine Puppe werden und auf der anderen Seite todesmutig in den Kampf ziehen? Das beißt sich ein wenig und wirkt keineswegs glaubwürdig. Ebenso macht ihr Liebhaber Maik einen recht naiven Eindruck. Er ist Polizist und verhält sich dennoch wie ein vollkommener Idiot, der nicht vor seinem Handeln nachdenkt. Hinzukommt die mürrische Anstalts-Chefin, die von Anfang an unglaubwürdig wirkt und mehr verbirgt als es zunächst scheint.

Wirkt denn überhaupt jemand glaubwürdig in dem Buch? Ja. Robert ist eine Person, die ich am meisten mochte. Er handelt durchdacht und klar. Er war quasi mein Fels in der Brandung. Der Serienkiller selbst ist auch nicht ohne. Seine Psychospielchen und Gedankengänge sind wirklich krank.
Es gibt noch zahlreiche Nebencharaktere, die alle ein Puzzleteil in dem ganzen Komplex aus verworrenden Teilen sind. Sie sorgen für Verwirrung und man muss viel mitüberlegen, bevor man ein Stück an das Nächste setzen kann. Zudem sorgt der häufige Perspektivwechsel auch nicht gerade für eine klare Sicht. Irgendwann ist es dann einfach zu viel des Guten gewesen. Der Autor hat zu viel Böses und Ekliges gewollt, dass das Psychospielchen vom Anfang komplett den Bach hinunter geht. Außerdem kommen plötzlich derbe Aktionszenen vor, die so gar nicht hineinpassen wollen. Der Abschnitt um die asiatische Frau nimmt Demensionen an, die einfach too much sind. Ebenso wird einem ein Ende präsentiert, wo man sich fragt: Wieso? Warum hat Sven Hüsken nicht den super Ausgangspunkt des kranken Serienkillers genutzt und ihn perfekt bis zum Ende gesponnen? Warum hat er so viele Abzweige hineingepackt, die das Ende so übertrieben machen? Auch wenn sich alles aufklärt.

Alles in allem war ich enttäuscht von dem Buch. Ich habe mir einen schönen Thriller mit kranken Psychospielchen vorgestellt, der auch nach der ersten Kapiteln genau diesen Weg einschlug. Doch dann kommt zu viel hinzu. Es ist, als ob jemand von Filmen und Serien inspiriert wurde und dann alles in seinen Debüthriller packen wollte. Es war leider zu viel des Guten. Für Thriller-Leser ist dieses Buch nichts. Man findet zu viele Klischees und ist rasch müde davon. Wer nicht so oft derartige Bücher liest, könnte vielleicht Gefallen daran finden, da er sich nicht so schnell langweilen wird.

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Genre: Thriller / VÖ: August 2015 / Verlag: Droemer Knaur / Serie: Einzelband / Region: Deutschland

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