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“Er wusste, das Problem, das ihm zu schaffen machte, konnte ihn töten, er kämpfte ums nackte Überleben. […] Er fragte sich angstvoll, wie lange er ein solche zerstörerisches Leiden wohl noch ertragen konnte.” (S.17)

Martin Servaz hat ein Problem. Diese Problem nennt sich Depression und er ist kurz davor dort mit vollem Tempo hineinzuschlittern. Arbeiten darf er momentan nicht, sondern soll sich von der Folgen seines letzten Einsatzes erholen. Dafür gibt es wunderschöne Einrichtungen, die genau für Beamte wie ihn, errichtet wurden und sie ins Leben zurückwuchten sollen. Nun – ja, man kann es sich schon denken – hält Martin nichts davon. Zwar wohnt er dort, aber da hört seine soziale Ader zu den “Mitbewohnern” auch schon auf.

Doch mit so einem Trauma, wie er es erlebt hat (Päckchen mit dem Herz seiner Marianne) ist nicht mal so eben von heut auf morgen verdaut. Als ein Paket mit einem Hotelzimmerschlüssel bei ihm ankommt. Zimmer 117. Ein Sterneschuppen in der Stadt. Verwundert nimmt er den losen Faden auf und sucht nach einem Grund für die Zusendung. Doch bis auf einem grausamen Mord – oder eher Selbstmord – der in eben jenem Zimmer vollzogen wurde, wird er aus der Sache nicht schlau. Wer Martin kennt, ahnt jetzt bereits, dass er sich damit nicht zufrieden gibt und auf Spurensuche geht.

Und selbst wenn er nicht im Dienst ist, die Jagd ist eröffnet.

Parallel dazu lernen wir die Radiomoderatorin Christine Steinmeyer kennen. Sie bekommt ebenfalls Post. Allerdings in Briefform. Eine Selbstmörderin verurteilt dort den Lesenden, schuld an ihrem baldigen Tod zu sein. Verwirrt beschließt Christine damit direkt nach der Arbeit zur Polizei zu gehen. Da sie von einer Falschsendung ausgeht und vielleicht kann man den Schreibenden retten. Doch noch während ihrer aktuellen Sendung an dem Tag, muss sie feststellen, dass der Brief sehr wohl an sie gerichtet war. Warum sonst, sollte ein anonymer Anrufer sie beschuldigen, für den Tod eines Menschen verantwortlich zu sein?

Ein Albtraum scheint ab diesem Moment in ihrem Leben Fuß zu fassen.

Vorwürfe, Anschuldigungen, Verwünschungen, Drohungen von Kollegen und selbst ein Einbruch in ihrer Wohnung schwappen schlagartig über sie hinweg und drohen ihr den Lebensmut zu nehmen. Wer stellt sich gegen sie? Wer hasst sie so sehr, dass man sie in den Suizid treiben will. Als auch noch ihr Verlobter erste skeptische Worte äußert, droht ihr Leben wirklich in einem Scherbenhaufen zum erliegen zu kommen. Aber Christine ist eine Kämpfernatur. So leicht bricht man sie nicht entzwei.

Na, wer merkt die Zusammenhänge? Richtig. Zwei Sturköpfe kommen hier zu Wort, an denen der Täter ordentlich zu knabbern hat. Allerdings ist auch er keine Eintagsfliege und gibt nicht so schnell auf, wie man das gerne hätte. Das spannende Katz- und Mausspiel darf man also seitenlang beobachten und der Sieger ist lange Zeit nicht eindeutig erkennbar. Man erfährt es dann fast zeitgleich mit den Charakteren wer dahinter steckt, was ich äußerst gelungen fand und das Spannungslevel weit oben hält.

Außerdem hat hier Mal nicht der gute Martin das Hauptwort, sondern Christine. Sie steht an vorderster Front und bringt die Story voran. Martin agiert eher im Hintergrund. Seine Auszeit ist also nicht nur für die Kollegen spürbar, sondern auch für den Leser. Und der spannende Schreibstil von Bernard Minier sorgt für die perfekte Harmonie in dem gesamten Buch.

Alles in allem hat mir das Buch sehr gut gefallen. Was anfangs so simpel und eindeutig aussah, entwickelte sich zu einem wirren Netz aus Verschwörungen und Hass, was verdammt groß ist. Trotzdem verliert man auf den über 600 Seiten nie den Überblick. Sondern will eher, dass es nicht so rasch zu Ende ist. Nicht umsonst habe ich das Buch zu meinem Lesetipp des Monats August gewählt.


Genre: Thriller / VÖ: August 2016 / Verlag: Droemer Knaur / Serie: Teil 3 / Region: Frankreich

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