“Niemand durchschaut Emmerich. Daran kannst du dich gleich gewöhnen.” (S.24)

Nachkriegszeit. Man hangelt sich von Tag zu Tag. Hofft, dass man morgen genügend zu Nahrung findet, sich nicht den Arsch abfriert und die nächsten Tage in der Hundskälte überlebt. Mittendrin sterben Menschen. Was nicht sonderlich überraschend ist. Wer unterernährt ist oder keinen Sinn mehr in seinem Dasein sieht, beendet es eben. Gern auch mit Nachdruck. Doch nicht alle wollen sterben. Sondern müssen es.

Und genau so einen Fall hat Polizeiagent August Emmerich auf dem Tisch liegen. Selbstmord. Was sollte es sonst sein. Mach einen Haken an die Sache, die ist es nicht wert. Aber Emmerich ist skeptisch. Also recherchiert er und geht den letzten Spuren des Verstorbenem nach. Wohlbetucht hat er nicht gelebt. Kein Wunder, dass der ehemalige Soldat als traumatisches Opfer deklariert wird.

Immer mit an seiner Seite – mehr oder weniger freiwillig – der Neuling Ferdinand Winter. Das komplette Gegenteil von ihm: Aus gutem Haus. Lebt bei seiner Mutter. Noch grün hinter den Ohren. Wie soll DER mit ihm mithalten? Der hat doch keine Ahnung! Aber wie sagt man so schön, was nicht ist, kann ja noch werden. Die beiden entdecken nämlich schnell wo ihre Stärken und Schwächen liegen und wie sie sich perfekt ergänzen können.

“Chef, da sind Sie ja.” Winter hatte von dem ganzen Wirbel rote Wangen und glänzende Augen bekommen.”Das war vielleicht aufregend heute, oder?”
Emmerich zuckte mit den Schultern und verkniff sich einen Vergleich mit der Dramatik von Grabenkämpfen und Gasangriffen. “Kümmerst du dich später um den Papierkram?” bat er seinen Assistenten stattdessen. (S.153)

Eigentlich ist es “nur” ein Fall, der einem Inspektoren mit feinfühligem Instinkt auffällt und dennoch ist das Buch super spannend und interessant geschrieben. Besonders das Zusammenspiel der beiden Hauptfiguren und deren Umgebung ziehen einen in den Bann. Lassen einen schmunzeln und zusammenzucken. Man fühlt sich ihnen nah, auch wenn man diese Epoche nicht miterlebt hat.

Zeitgleich kommt man dem gesuchten Mörder immer näher. Diesem passt es überhaupt nicht, dass da jemand seine Taktik scheinbar durchschaut und setzt zum Gegenangriff an. Diese sind nicht sonderlich zögerlich und beide Polizisten bekommen den Hass deutlich zu spüren und neue Leichen präsentiert. Ein Teufelskreis. Der nicht aufhören will.

“Kommt no mehr. Kommt no mehr Unglick.” (S.241)

Irgendwann ahnte ich, wer hinter allem steckt, aber richtige Hinweise bekam man nie präsentiert. Erst kurz bevor Emmerich es selbst herausbekommt, konnte mich sich zu 100prozent sicher sein. So etwas mag ich bei Krimis. Denn die Spannung ist dadurch immer vorhanden, genauso wie der Wille vor dem Ermittler aus dem Buch auf die Lösung zu kommen. Was für einen wunderbaren Leseeifer sorgt.

Alles in allem kann ich das Buch nur empfehlen. Der zynisch denkende (und aussprechende) Emmerich, kombiniert mit dem zarten Jüngling Winter, geben ein sympathisches Team ab. Zudem haben beide ihr Leben, was Schatten und Licht bereit hält. Was, sie auch noch äußerst menschlich wirken lässt. Desweiteren schafft die Autorin es, einem die damalige triste, trübe und traumatische Stimmung perfekt darzustellen. Da bleibe ich gerne am Ball!


Genre: Crime / VÖ: März 2017 / Verlag: Limes / Region: Wien / Serie: Reihenstart

weitere Kritiken: Zeit für neue Genre, LiteraturWerkstatt, ….

8 thoughts on “|Crime| “Der zweite Reiter”

  1. Hallo! =)
    Das Buch ist schon auf meinem Wunschzettel und nach deiner Rezin wandert es gleich noch ein Stück höher =) Amer im Moment habe ich soo viele Bücher hier, die ich lesen sollte, da muss es leider noch warten.
    Liebe Grüße
    Martina

    1. Ich war übrigens bei der Suche nach Kritiken zu dem Buch fest davon überzeugt, dass du es schon gelesen hast :D Und total verwirrt, dass ich keine Kritik gefunden hab. Was sagt uns das?! Das Buch verbinde ich quasi mit dor – du musst es lesen XD

  2. Ich habe es auch total gern gelesen. Grad, weil es nach dem 1. Weltkrieg spielt fand ich es reizvoll, denn die Zeitspanne ist meinem Gefühl nach unterpräsentiert.

  3. Und gefunden.
    Deine Rezensionen darf ich ja gar nicht mehr lesen kommen, schon das zweite Buch in dieser Woche um das ich schleiche und hier echt super gut dargestellt wird.
    Scheint ein tolles Team zu sein und der Hintergrund zu der damaligen Zeit wird auch eingebaut. Mag ich, nein, will ich.
    Liebe Grüße
    Kerstin

    1. Bei manchen Büchern denke ich immer, dass du sie schon kennst, daher bin ich immer erstaunt, wenn du sie nicht kennst: Was du jetzt als gutes Zeichen deuten darfst :D
      Hast du eigtl den Angstmann gelesen? (weiß ich grad nicht)

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