berichte aus japan

Ein Zeichner auf Wanderschaft

Inhalt:

2015 reist der italienische Zeichner Igort anlässlich einer Ausstellung seiner Werke nach Tokio. Auch bei diesem Besuch stellt er wieder fest, dass die Stadt sich rasant verändert, dass die Orte, an denen er sich einst zu Hause gefühlt hatte, nicht mehr existieren. Warum kann er den unablässigen Wandel der Stadt nicht akzeptieren? Mit dieser Frage begibt er sich, inspiriert vom großen Haiku-Dichter Matsuo Basho, auf eine Reise ohne Ziel. Er lässt sich treiben und begreift allmählich: Wer sich in unbekannten Gegenden verläuft, kann Zugang zu Räumen eines tief verborgenen Selbst finden. (Verlagsseite)

Allgemeiner Leseeindruck:

Wie stellt man sich einen Reisebericht in Comicform über Japan vor? Genaue Vorstellungen und Erwartungen hatte ich nicht wirklich an dieses Werk. Zwar kannte ich ein paar Ausschnitte, aber ein komplettes Bild erhält man dadurch natürlich nicht. Umso mehr war es mir eine Freude die einzelnen Seiten zu betrachten und Igort auf seiner Reise zu begleiten. Das Buch ist dabei in drei Abschnitte unterteilt: die Vorgeschichte, die Reise und das Nachwort. Den größten Teil nimmt natürlich “Die Reise” ein.

Thematisch erhält man einen guten Querschnitt durch die japanischen Traditionen und Kultur. Wo Moderne auf das Alte trifft. Wo sie sich ergänzen und wo sie sich unterscheiden. In den Bergen begibt er sich in ein Onsen, lässt die Gedanken schweifen und reinigt sich von den Sünden. Er besucht den größten Friedhof Japans (Okunoin), wo keine Toten ruhen, sondern wartende Seelen herumwandern. Dabei fällt nicht zum ersten Mal der Name Miyazaki (Ghibli-Filme).

Igort geht die vier Elemente durch (Feuer, Wasser, Erde, Luft) und hat zu jedem etwas zu berichten, was mit Japan verknüpft ist. Sei es die Religion, eine Gedichtform oder das Erlebnis einer Begegnung mit Einheimischen. Sobald man die Schwere einer Tradgödie (Verlust) auf den Schultern spürt, welchselt er geschickt das Thema, lockert die Stimmung, um ein paar Seiten später, nach dem gleichen Prinzip, dem Beobachter seine Entdeckungen zu beschreiben.

Zeichenstil:

Bunt, schlicht, geradlinig und passend zur Szenerie. So würde ich am ehesten den Zeichenstil von Igort beschreiben. Er erzählt schließlich nicht eine komplette Geschichte in Bildform, sondern wechselt ständig zwischen Text und Bild. Dabei passt er sich der Situation an. Geht er durch Straßen, zeigt der die Moderne, die Häuser, Stromkabel, die Gegenwart. Dann der Schritt in die Vergangenheit, die Edo-Zeit mit ihren typisch japanischen Holzschnitten. Befindet er sich in den Wäldern, gibt es helle Momente mit schneebedeckten Bergen oder bunte, herbstliche Wälder. Manchmal schwarz umrandet, machnchmal schlichte Aquarelle.

Zeitweise sieht man nur Gesichter, Masken (No-Masken) mit unterschiedlichsten Ausdrücken oder einen Mensch, wie auf einem Portraitfoto festgehalten. Landschaften, die zwei Bildseiten einnehmen oder eine kleine Geschichte, in wenigene Panels erzählt. So vielfältig, wie seine Thematiken sind, so ist auch sein Zeichenstil. Stets durchbrochen von langen und kurzen Textpassagen.

Meine Abschlussworte:

Frei zitiert nach Matsuo Basho: Er geht mit offenem Herzen durch Gegend und versucht auch die kleinsten Funken des Lebens einzufangen, um die Konstanten des Daseins zu spüren. Das trifft den Inhalt recht gut. Igort nimmt uns mit auf eine Reise, wo er beobachtet und sich selbst kennenlernt. Er reist ohne Terminstress und hat nur wenige Treffen mit Freunden vereinbart. Dazu gehört auch Jiro Taneguchi. Ihn trifft er zwei Jahre vor seinem Tod, besucht ihn daheim und sieht ihn an seinem letzten Werk arbeiten, was leider nie beendet wurde.

Ich mochte den Querschnitt, den der Künstler hier grafisch und in Textform umsetzt. Wer sich mit Japan beschäftigt, wird viele Dinge, wie Orte und Begrifflichkeiten wiedererkennen. Man kann sie auffrischen und Neues lernen. Wer dagegen Japan nur in Verbindung mit Sushi und dem Fuji-san kennt, wird hier ein wahren Potpouri an Informationen präsentiert bekommen.

Info: Das Buch ist komplett in Farbe gehalten und nicht auf Hochglanz, sondern mattem, festem Papier gedruckt.

>> Daher spreche ich eine klare Leseempfehlung aus!


Auf die Ohren: Dieses Werk stelle ich in Folge 10 von 3 Frauen. n Comics – Der Comicklatsch vor (Link folgt)


keine Alterseinschränkung bekannt


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Genre: Tatsachenbericht / VÖ: Oktober ’18 / Verlag: Reprodukt Verlag / Serie: Band 2

erhältlich bei: hugendubel.de


 

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