tsokos, wahre verbrechen

und “Der Totenleser”

“Unglaubliche Fälle aus der Rechtsmedizin”

Frank Schätzing sagt, dass Michael Tsokos uns folgendes zeigt: “Nichts ist spannender als die Wirklichkeit.” Ich würde an dieser Stelle noch die Verben grausam und naiv einfügen. Denn die Grausamkeit mancher Menschen lässt einen auf Fiktion hoffen, aber dem ist nichts so. Ebenso die Naivität, mit der manche Mörder an einen Akt der Brutalität herangehen und dabei glauben, sie werden nicht erwischt, da ihr Plan absolut durchdacht und perfekt ist. Nicht.

In dreizehn Fällen zeigt uns Michael Tsokos die Wirklichkeit. Er nimmt uns an die Hand und präsentiert Morde, Unfälle und Tode anderen Ursprungs, wo er an den hinterbliebenen Körperteilen beweisen muss, woran die Person gestorben ist. War jemand involviert, es ein Suizid oder schlichtweg ein dummer tödlicher Unfall? Dabei erklärt er die Herangehensweise während der Obduktion. Worauf man achten muss und wie wichtig das Sammeln von Beweismaterialien ist.

“Kein anderer Arzt schaut so tief in die menschlichen Abgründe wie der Rechtsmediziner.” (S.12)

“In unserem Beruf muss man objektiv bleiben und Distanz halten: zu dem Geschehen, zu den Opfern, zu den Tätern und zu den eigenen Emotionen. Wir sind Sachverständiger, keine Prediger und keine Richter.” (S.14)

Um einen Einblick in die Fälle zu geben, habe ich mir ein paar herausgesucht. Da wäre zum Beispiel der Tode am Fuße eines Abhangs. Blutüberströmt, zerfetzte Kleidung, keine Schuhe, überall Schürfwunden und eine klaffende Wunde an Gesicht und Hals des Mannes. Schnell wird klar: Der Mann wurde überfahren und mitgeschleift. Aber es bleiben die Fragen offen: Suizid, Unfall, Mord? Durch verschiedene Aspekte kommt man der Wahrheit näher. Besonders interessant fand ich hier die Schleifspuren an den Schuhen:

(A) Schuhsohlenabrieb da? Ja! > in aufrechter Position erfasst
(B) Abrieb an beiden Sohlen? Ja! > Opfer stand, bewegte sich nicht
(C) Abrieb in Längsrichtung? Ja! > Opfer von vorn oder hinten vom Auto erfasst
(D) Abrieb in Querrichtung? Ja! > Opfer von der Seite vom Auto erfasst

Gibt es keinen Abrieb, kann man also davon ausgehen, dass das Opfer bereits auf der Straße lag. In dem nächsten Fall geht es um einen toten Mann, der auf einem Spielplatz gefunden wird. Es gibt Leichenflecken, die sich wegdrücken lassen und violette Hautverfärbungen, die nicht verschwinden, wenn man sie versucht wegzudrücken. Das sind sogenannte “Kälteflecken”. Ist der Man nun an Erfrierungen gestorben? Auffällig ist zumindest die nicht komplett eingetretene Leichstarre, die nach 17 Stunden eigentlich eingetreten sein müsste.

Tsokos erklärt in dem Kapitel, was mit dem Körper passiert, wenn er erfriert. Ganz ehrlich, ich möchte nicht daran sterben… Ob der Mann letztlich wirklich an Hypothermie gestorben ist, offenbart die Obduktion. In dem dritten und letzten Fall, den ich vorstellen möchte, geht es um einen geköpften Kastenwagenfahrer. Zwei Beamte finden den Wagen und gehen nicht von einem Unfall aus. Allerdings kann man rasch eine defensive Leichenverstümmelung durch Enthauptung ausschließen. Es gibt keine Unkenntlichmachung und der Kopf ist nicht versteckt, sondern auf der Rückbank..

“Von offensiver Leichenverstümmelung sprechen wir, wenn der Täter im Anschluss an den Mord Körperteile des Opfers abtrennt, weil ihn entweder der Vorgang als solcher erregt oder er sie als Souvenir oder Trophäen mit nach Hause nehmen will, um den Mord und vielleicht auch die Leichnenzerstückelung später wieder und wieder in seiner Phantasie durchleben zu können.” (S.137)

Aber auch das kann ausgeschlossen werden. Was hat ihn dann umgebracht? Gelebt hat er noch, als er seinen Kopf verlor. Denn selbst einen Suizid kann man hier nicht ausschließen und genau auf den scheint alles hinauszulaufen. Wie verzweifelt muss man sein, um so eine Methode zu wählen? In der Wohnung findet man zudem zwei Flaschen voller Blut. Selbstständig abgezapft. Aber es hatte nicht für den gewünschten Effekt, den Tod, gesorgt, also hat er eine “todsichere Version” genommen.

wahre verbrechen blood

Man merkt schon, nach welchem Prinzip das Buch aufgebaut ist: Ein Fall wird herangezogen und anhand der Umstände, wird die Ursache gesucht. Immer sind es andere, entscheidende Faktoren, die eine wichtige Rolle spielen und zu einem Ergebnis führen. Ein Leichnam kann nichts verstecken. Die Toten sprechen weiter.

Dabei bringt er einiges an Wissen ein, ohne den Leser mit Fachjargon zu überfluten. Ganz im Gegenteil, er setzt es passend ein und erklärt genau, was diese Begriffe bedeuten. Zugegeben kannte ich einiges schon, also wie man auf eine gewisse Todesart gekommen ist, allerdings konnte ich mein Wissen auffrischen und deutlich erweitern.

>> Lesetipp für Krimiautoren und die, die es werden wollen ;) Die Wahrheit ist grausamer als die Fiktion!

  • Steckbrief zu Michael Tsokos

    *1967

    – studierte Medizin

    – bis 2006 Oberarzt an Hamburger Rechtsmedizin, danach Professor

    – gründete 2014 erste Gewaltschutzambulanz in Berlin

    – aktuell Rechtsmediziner & Prof. an Charite in Berlin

  • VÖ: 2013
    Verlag: Ullstein
    ISBN: 978-3548374994
    Kaufen: bei Ullstein

    Genre: wahre Verbrechen in Deutschland
    Beruf: Rechtsmediziner

  • Die Klaviatur des Todes: Deutschlands bekanntester Rechtsmediziner klärt auf (2013)
    Deutschland misshandelt seine Kinder – mit Saskia Guddat (2014)
    Sind Tote immer leichenblass? Die größten Irrtümer über die Rechtsmedizin (2016)
    Die Zeichen des Todes: Neue Fälle von Deutschlands bekanntestem Rechtsmediziner (2017)

    Abgeschnitten mit Sebastian Fitzek (2012)
    Zerschunden mit Andreas Gößling (2015)
    Zersetzt mit Andreas Gößling (2016)
    Zerbrochen mit Andreas Gößling (2017)
    Abgeschlagen (2019)

 

wahre verbrechen

Der nächste Beitrag folgt bei Conny. Macht euch auf die Verbrechen der Vergangenheit gefasst!


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