abgeschlagen, tsokos

“Paul Herzfeld hob den Kopf der Toten an. Mit weit aufgerissenen Augen und offenem Mund schien sie ihn überrascht anzustarren.” (Buchbeginn)

Kennt ihr diese Bücher, von denen man keine hohe Erwartung hat? Wo man es einfach auf sich zukommen lässt und lediglich hofft, dass der Autor seine besondere Leidenschaft perfekt mit einbaut? Genauso erging es mir bei diesem Buch. Nachdem ich zwei der Sachbücher von Michael Tsokos gelesen hatte, wollte ich mich erneut an einem Roman von ihm versuchen. Diesmal wirklich von ihm und nicht in einem Gemeinschaftsprojekt mit Herrn Fitzek. Somit war meine Freude umso größer, als ich direkt auf den ersten Seiten den Rechtsmediziner durchblitzen sah. Aber fangen wir von vorne an:

Da ist dieser Mann, der einen Leidenschaft für Macheten zu haben scheint. Immer wieder gehen ihm zahlreiche Gedanken durch den Kopf und er hofft darauf die irgendwann einmal umsetzen zu können. Dann ist dieser Tag da. Endlich kann er ausholen. Mit Schwung auf das weiche, warme Fleisch schlagen. Die Macht fühlen, die er so sehnsüchtig spüren wollte. Zum Glück kann er gefasst werden. Wird verurteilt und kommt mehrere Jahre hinter Gitter. Sein Tag der Entlassung rückt immer näher.

“Er wartete in seiner Zelle, dass man ihn jeden Moment abholen würde, damit er seine Entlassungspapiere erhalten konnte. Freiheit! Endlich!” (S.73)

Man kann es sich jetzt schon fast denken: Kurz darauf wird eine zerstückelte Leiche gefunden. Alles schreit förmlich nach einer Wiederholung. Doch ein Mann bleibt skeptisch. Paul Herzfeld. Er gehört zu dem Team, welches die Leiche im rechtsmedizinischen Institut untersuchen darf. Gemeinsam mit seinem Kollegen Professor Schneider begutachtet er jeden Zentimeter des Körpers. Während dieser rasch zu einem Ergebnis kommt, möchte Herzfeld mehr Details wissen. Schließlich ist das sein Job.

Es bleibt nicht bei einer Vermutung. Spuren an dem Leichnam machen deutlich, dass es noch einige offene Fragen gibt und es nicht nur eine “schlichte” Zerstückelung war. Ein Widerruf würde allerdings dem Image der Rechtsmedizin schaden, immerhin hat die Presse schon groß die Tat verkündet. Zudem scheint selbst die Polizei keine anderen Indizien zu sehen und freut sich den Fall rasch abschließen zu können. Wenn da nicht der Kriminalbeamte Tomforde wäre, der sich mit Herzfeld recht gut versteht. Und so fängt der Stein an zu rollen.

“Also, es gibt eine Reihe neuer Erkenntnisse und ehrlich gesagt, das ist schon ein echter Hammer.” (S.161)

Es entspinnt sich ein Katz-Maus-Spiel der besonderen Art. Man weiß sehr schnell, wer etwas vertuscht und ahnt auch, warum er das macht. Wer letztlich hinter der Tat steckt, ist anfangs nicht sonderlich eindeutig. Was mir gut gefallen hat. Zwar hakt man rasch seine Liste der Tatverdächtigen ab und kann den Kreis extrem minimieren, einen handfesten Beweis bekommt man allerdings erst, wenn auch Herzfeld es erkennt. Selbst dann, ist das Spiel noch lange nicht vorbei, sondern läuft zur Höchstform auf.

Ein besonderes Goodie ist das Wissen des Autors, was hier einfließt. Da ich bereits zwei seiner Sachbücher gelesen habe, habe ich seine Arbeit direkt wiedererkannt. Die Realität ist manchmal grausamer als die Fiktion. Das beweist sein Wissen recht deutlich. Am Ende verrät er dem Leser auch, welche Szenen wirklich passiert sind und wo er sich lediglich an Eckpunkten orientiert hat. Dieser Touch hat das Buch für mich greifbar und grausam zugleich gemacht. Mein einziger Kritikpunkt beschränkt sich auf einen Charakter, der mir manchmal ein wenig zu abgedreht gewirkt hat. Eine Nuance weniger wäre perfekt gewesen.

>> Ein eindeutiger Lesetipp für True-Crime-Liebhaber!


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Genre: True-Crime / VÖ: März ’19 / Verlag: Knaur Verlag / Region: Deutschland / Serie: Serienstart

erhältlich bei: hugendubel.de

Info: Es ist die Vorgeschichte zu “Abgeschnitten”, kann ohne Vorkenntnisse gelesen und durchaus als “Einzelband” gesehen werden, da der Hauptfall in sich abgeschlossen ist.


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